Tristesse im Brandenburgischen

Von Juli Zeh lasse ich kein Buch aus, irgendwie eine alte Gewohnheit seit „Adler und Engel“ veröffentlicht wurde. So richtig begründen, warum ich Juli Zehs Bücher lese, konnte ich bisher nicht. Ihr Stil gefällt mir, ihre schnörkellose, etwas unterkühlte Art zu schreiben, doch mit ihren Hauptfiguren wurde ich nicht so richtig warm. Trotzdem lese ich brav alles, was sie schreibt. Seit diesem Monat weiß ich, warum ich das tue: Ich habe auf ihren Roman „Unterleuten“ gewartet.

Die Story hat mich von Anfang an gepackt. Wie durch ein Brennglas schaue ich nach Unterleuten, einem fiktiven Ort irgendwo im Brandenburgischen. Seine Bewohner oder besser seine tragischen Figuren sind mir nicht oder wenig sympathisch, dafür aber seltsam vertraut. In jedem Kapitel wechselt die Perspektive und ein anderer Dorfbewohner gewährt Einblicke in sein Oberstübchen: Gerhard Fließ, Naturschützer und seine junge Ökofrau, deren Nerven schon zu Beginn blank liegen. Gombrowski, der Großgrundbesitzer, dessen Ära zu Ende geht, und sein Gegenspieler, Kron, der seine Stunde gekommen sieht, alte Rechnungen zu begleichen. Ein netter, aber recht hilfloser Gemeindevorstand, dazu ein durchtriebener Geschäftsmann, blasierte Städter, depressive Ehefrauen, eine unzufriedene Meute, allesamt die Vom-Leben-zu-kurz-gekommenen. Nicht zu vergessen die Pferdenärrin Linda Franzen, deren Wille durch Wände zu gehen vermag.

Apropos „Wille“: „Alles ist Wille.“ Diesen Satz stellt Juli Zeh als Zitat eines sogenannten Manfred Gorz ihrer Geschichte voran. Manfred Gorz wird als Motivationstrainer und Mentalcoach noch des Öfteren zitiert. Bitte, unbedingt googeln: Manfred Gorz oder andere Namen und Schauplätze aus Unterleuten: den „Märkischen Landmann“ oder die Seite des „Vogelschutzvereins Unterleuten“ beispielsweise, auf dem sogar ein Foto von Gerhard Fließ zu sehen ist. Und ich dachte, alles wäre rein erfunden? … Darauf angesprochen antwortete Juli Zeh mit dem Hinweis, es stehe doch im Netz, also müsse es doch wahr sein. Stimmt, oder etwa nicht? Ihre schöpferische Leistung geht offenbar weit über die 640 Seiten ihres Buches hinaus. Chapeau!

Juli Zeh: Unterleuten, Luchterhand Literaturverlag, 640 Seiten, 8. März 2016.

unterleuten

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