Too much

Jude. Ein junger Mann. Er hat keine Familie, kein Geld, keine Vergangenheit – zumindest keine, über die er spricht. Aber er hat Freunde: Malcolm, JB und vor allem: Willem. Die vier lernen sich auf dem College kennen und könnten von ihrer Herkunft, ihrem sozialen Status und ihren Talenten verschiedener nicht sein… Und doch wird ihre Freundschaft über viele Jahrzehnte andauern, wachsen, auf die Probe gestellt werden. Obwohl die vier Männer in ganz unterschiedlichen Bereichen Fuß fassen und Karriere machen – als Architekt, Künstler, Schauspieler und Jurist – wird Judes Zukunft von seiner Vergangenheit überschattet. Schon früh ist klar, dass er Missbrauch, Gewalt und Misshandlungen erfahren hat, aber erst nach und nach erschließt sich – zumindest für den Leser – das ganze Ausmaß seines Traumas. Sich seinen Freunden anzuvertrauen, gelingt Jude nicht. „Noch nie habe ich mich so nach einem Happy End gesehnt, wie bei diesem Buch…“, sagte jemand zu mir, der das letzte Drittel des Buches noch vor sich hatte. Ja, Jude hätte es so verdient nicht nur das bisschen Leben, sondern endlich auch etwas Glück oder so etwas wie Frieden zu finden. (Ihr dürft mir gern Harmoniesucht vorwerfen…)

Ich halte fest: An diesem Buch „Ein wenig Leben“ kommt wohl momentan niemand vorbei. Schon jetzt ein Weltbestseller. Das Werk einer Frau, dessen Namen ich nicht aussprechen kann und die über das Leben schreibt, als wäre sie nicht zweiundvierzig sondern zweiundachtzig Jahre alt und besäße die Weisheit eines Menschen, der alles erlebt hat. So lotet sie die menschlichen Tiefen aus, wie ich es in dieser Intensität noch nie zuvor irgendwo gelesen habe. Überall Superlative: Die Anzahl der Seiten genauso wie die Anzahl der Misshandlungen und Quälereien, die Jude angetan werden, oder die Zahl der Gefühle, die es bei mir hervorruft. Exzessiv sei das Buch, so lese ich es in Rezensionen. Und ich frage mich, ist es nicht in allem „etwas drüber“ – etwas too much?

Dass in dieser Welt furchtbare Dinge geschehen, verantwortet durch Menschen, aber auch durch die als schicksalhaft erlebte Kontingenz des Lebens – das alles wusste ich vorher, dass am Ende noch nicht einmal ein wenig Hoffnung übrigbleibt, ist mir persönlich zu wenig.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben, Hanser Berlin, 960 Seiten

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