Die feine Form des Fürchtens

Kein Horror, keine Geister- oder Spukgeschichte – kein Genre, das wirklich passt. Bereits das Cover vermittelt mir ein diffuses Gefühl von: Hier stimmt etwas nicht. Ob das an der Schrift liegt, die auf dem Kopf steht? Oder an der merkwürdigen Bildkomposition – trotz gerader Linien schief, ohne Symmetrie und Ästhetik? Ein schmales Bändchen mit einem tristen Einband – nichts, woran der lesehungrige Blick hängenbleibt, wenn er über die schier endlosen Neuerscheinungen schweift. Selbst die Buchhändlerin musste lange suchen, bis sie ihr einziges (?) oder letztes Exemplar von „Du hättest gehen sollen“ für mich gefunden hatte…

Eine kleine Familie – Vater, Mutter, Kind – begibt sich in ein Ferienhaus in den Bergen. In der Ehe der Eltern kriselt es, der Vater, ein Drehbuchautor, leidet an einer Schreibblockade, das Kind irgendwie dazwischen. Die drei gehen sich auf die Nerven. Nach einem Streit verlässt die Frau Mann und Kind. Nachdem sie weg ist, wird klar, dass Kehlmann (noch) etwas anderes als eine Beziehungskrise erzählen will. Irgendetwas ist mit diesem Haus nicht in Ordnung. Es führt ein Eigenleben – Zeit, Raum, Menschen scheinen darin gefangen zu sein. Liegt das an den fehlenden rechten Winkeln oder verliert der (Drehbuch-)Autor ganz einfach den Verstand?

„Es muss eine Erklärung geben. Wäre ich Physiker wüsste ich sie wohl, und das Ganze würde mich nicht wundern. Aber mir ist schwindlig. Obwohl es gerade erst passiert ist, kommt es mir schon vor, als wäre es lange her, und ich weiß, gleich werde ich nicht mehr sicher sein, ob es wirklich geschehen ist.“

Das Gefühl, das sich beim Lesen einstellt, kenne ich aus Alpträumen: zu rennen, ohne einen Meter gut zu machen. Ein Gefühl von Ohnmacht, Ausgeliefertsein und Beklemmung. Auch wenn mir immer noch kein passendes Genre für die 90-Seiten-Geschichte von Daniel Kehlmann eingefallen ist: Wo Kehlmann draufsteht, ist auch Kehlmann drin. Nur eben jedes Mal ganz anders. Und darauf kommt es doch an, oder?

(Übrigens: Ich habe mich hier ähnlich fein gegruselt wie bei Stefan Beuses „Das Buch der Wunder“…)

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen, Rowohlt, 92 Seiten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s