Auf dünnem Eis – Wenn die Fassade der Zivilisation bröckelt…

Könnte ich in der Wildnis überleben? Wäre ich in der Lage ein Tier zu töten, ihm das Fell über die Ohren zu ziehen? (…) Ich bin noch nicht einmal fähig, meine Kräutertöpfe durch den Sommer zu bringen. Auf einer einsamen Insel wäre ich wohl hoffnungslos verloren.

Das ist das Szenario, das Isabelle Autissier in ihrem Roman Herz auf Eis beschreibt. Wer jetzt an Geschichten mit Robinson-Crusoe-Romantik denkt, liegt völlig daneben. Die Protagonisten Louise und Ludovic stranden nicht auf einer schönen Südseeinsel, die reich an Früchten, Palmen und Kokosnüssen ist, sondern auf einer unbewohnten Insel vor Kap Hoorn, einem Naturreservat für Königspinguine. Eigentlich dürften sie hier gar nicht an Land gehen, aber die beiden Abenteurer aus Paris, die sich den Luxus einer Weltumseglung und damit eine Auszeit von ihren langweiligen Jobs gönnen, setzen sich über Regeln und Verbote hinweg – was soll schon passieren? Doch als sie die unwirtliche Insel erkunden, schlägt das Wetter um. Wegen eines heftigen Sturms können sie die Insel nicht mit dem Beiboot verlassen. Also suchen sie Schutz in einer ehemaligen Forschungsstation. Dort ist nichts, wirklich nichts außer Dreck und Ratten. Als der Sturm sich legt, ist ihr Segelschiff unauffindbar, vermutlich ist es gekentert. Sie haben weder Essen, noch irgendeine Möglichkeit, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten. Für Louise und Ludovic steht plötzlich alles auf dem Prüfstand: ihre Liebe, ihre Zukunft, Anstand und Moral – was gilt das alles, wenn sie jeden Tag aufs Neue ums blanke Überleben kämpfen müssen? Die beiden, ein Mann, eine Frau, zwei Menschen werden auf ihr blankes Dasein zurückgeworfen, auf die bloße Existenz. Eine schmerzliche Metamorphose beginnt – und ein psychologisches Kammerstück.

„Bis wohin soll sie ihm vertrauen? Bis sie hungernd und frierend in diesem dreckigen Loch zugrunde geht? All ihre Angst, all ihr Schmerz, ihre Hoffnungslosigkeit, der Hunger, die Kälte, die Perspektivlosigkeit nähren die Wut. Schluss mit dem Spiel, es gibt kein modernes, dynamisches Paar mehr, sie sind nur noch zwei Wesen im Angesicht des Todes, der auf sie lauert.“

Die Autorin erzählt mit viel Sachverstand, nüchtern und präzise. Und wirft einen entlarvenden Blick hinter die Fassade der „Zivilisation“. Absolut lesenswert!

Isabelle Autissier: Herz auf Eis, Mare Verlag, März 2017, 224 Seiten.

Buchkritik SWR2

 

 

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