Nicht einfach schwarz-weiß

„Sie war so schwarz, dass sie mir Angst machte. Mitternachtsschwarz, sudanesisch schwarz. Ich habe eine helle Haut und gutes Haar, so wie die meisten von uns, die wir die Gelben nennen, und Lula Anns Vater ist genauso. In meiner Familie gibt es niemanden, der auch nur annähernd diese Farbe hat. (…) Man könnte sie für einen Rückfall halten, aber wohin? Ihr hättet meine Großmutter sehen sollen; sie wurde für eine Weiße gehalten, und gegenüber keinem ihrer Kinder hätte sie jemals etwas anderes behauptet.“

Nobelpreisträgerin Toni Morrison bleibt ihrem Thema treu: Das Leben der schwarzen Bevölkerung in Amerika. Schwärzer als schwarz, mitternachtsschwarz, blauschwarz, schwarz wie Lakritz – das sind alles Beschreibungen, die sie findet, um die besondere Hautfarbe von Lula Ann zu beschreiben, die nicht nur ihre Mutter entsetzt und abstößt, sondern auch den Vater dazu bringt, sich ziemlich schnell aus dem Staub zu machen und sich nie wieder zu melden. Ihre Mutter darf Lula Ann nur „Sweetness“ nennen, was sich zwar süß anhört, aber umso zynischer ist, da sie damit versucht, ihre Mutterschaft zu verschleiern: Das schwarze Kind gehört nicht zu ihr. Vielleicht bereitet die Gefühlskälte ihrer Mutter Lula Ann auf das Leben vor, hilft ihr, sich durchzubeißen und selbst hart zu werden. Den vermeintlichen Makel ihrer schwarzen Haut verkehrt sie ins Gegenteil: Selbstbewusst trägt sie nur noch weiße Designerkleidung, die zu ihrer undurchdringbaren Rüstung wird. So sieht eine erfolgreiche Businessfrau aus, zu der sie mittlerweile geworden ist. Sie nennt sich nun Bride (Braut!). Dabei lebt sie noch nicht einmal in einer festen Beziehung. Erst als sie Booker trifft und ihn wieder verliert, scheint etwas in ihr aufzubrechen und eine Veränderung, die erst verstörend, dann heilsam ist, setzt ein. Wie Booker muss auch Lula Ann sich den Verletzungen ihrer Kindheit stellen. Es ist eine (manchmal märchenhafte) Reise zu sich selbst.

Nicht alle Fäden, die Toni Morrison in ihrer Erzählung auslegt, verfolgt sie auch bis zum Ende. Manche Nebengeschichte verläuft im Sand. Aber ihr großes Thema verliert sie nicht aus dem Blick: Es geht um das Wohl der Kinder – ohne Ansehen ihrer Hautfarbe und ihrer Herkunft. Die Kinder sind unsere Hoffnungsträger.

„Ein Kind. Neues Leben, immun gegen alles Böse, jede Krankheit, behütet vor Entführung, Schlägen, sexueller Gewalt, Rassismus, Demütigung, Verletzung, Selbstzweifel, Verwahrlosung.“

Am Ende reicht es nicht, für unsere Kinder zu beten, sondern selbst zu Handelnden zu werden.

Toni Morrison: Gott, hilf dem Kind, Rowohlt Verlag, 208 Seiten, April 2017.

 

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