Die Frau mit den vielen Gesichtern

Die Hauptfigur Katharina, die mal Kath, Rina oder Kathinka genannt wird, ist eine Frau mit vielen Gesichtern. Sie ist Mutter und Ehefrau, berufstätig im Nebenjob, gute Nachbarin, Mädchen für alles, Fahrdienst, Freundin, ganz selten Geliebte. Das alles füllt sie aus, ohne sich in einer Rolle wirklich zu Hause zu fühlen. Am besten ist sie darin, sich selbst zurückzunehmen.

„Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich durch mein Muttersein eine Art Amöbenstruktur entwickelt, wäre eine anpassungsfähige Masse geworden, die zurückweichen kann, wo immer jemand anderes Platz braucht.“

Eine Amöbe ist ein Wechseltierchen, das seine Form ständig verändert. Und so ist Katharina eine Formwandlerin, die wir durch einen Tag begleiten. Es ist Freitag. Und ihr Mann, der einen Job in Berlin angenommen hat, wird an diesem Wochenende nicht nach Hause kommen. Katharina hat niemanden, der ihr etwas abnimmt, und niemanden, mit dem sie sich austauschen könnte. Ihr Tag beginnt bereits morgens damit, dass sie ihre Tochter Helli wegen Nasenblutens von der Schule abholen und die musikalische Früherziehung, die sie gibt, ausfallen lassen muss. Dann braucht der Nachbar ihre Hilfe, weil er sich den Finger abgeschnitten hat, der Trockner brennt und sie muss das Feuer löschen, zwischendurch stellt ihr 17-Jähriger Sohn ihr seine Freundin vor – und Katharina wirkt wie eine Statistin im Leben der anderen.

Das einzige, was sie für sich tut, ist, dass sie Listen in ihrem Notizbuch niederschreibt, z.B. von Musikstücken, die sie liebt, oder Getränken, die ihr guttun, Fragen, die sie nicht gestellt bekommen möchte… vielleicht tut sie das, um sich selbst nicht ganz aus dem Blick zu verlieren. Denn die völlige Auflösung ist momentan ihre größte Angst: Sie hat festgestellt, dass sie „Etwas“ in der Brust hat, fest und unbeweglich, und da ihre Mutter an Brustkrebs gestorben ist, sieht sie ihre Lebenszeit dahinschwinden. Am Ende des Tages erlaubt es sich Katharina, einmal nur an sich selbst zu denken. Oder an die Liebe…

Mareike Krügel schreibt humorvoll, an manchen Stellen überdreht (was da nicht alles an einem Tag passiert!), skurril, traurig, nachdenklich. Nicht der Brustkrebs steht im Vordergrund, sondern die Geschichte einer Frau, die sich plötzlich wieder mit sich und ihren Bedürfnissen auseinandersetzen muss. Ich beschließe spontan, mir einen Merksatz in mein Notizbuch zu schreiben: Ich möchte keine Amöbe sein. Danke, Mareike Krügel, für das schöne Buch!

Mareike Krügel, Sieh mich an, Piper Verlag, 256 Seiten.

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