À votre santé – darauf Champagner!

Amélie Nothomb kennt sich aus mit dem guten Leben. Sie selbst ist in großbürgerlichen Kreisen aufgewachsen. Ihre Familie wurde später in den Adelsstand erhoben. Und so spielt auch ihr kürzlich auf Deutsch erschienener Roman in Adelskreisen, allerdings handelt es sich um Adel mit Geldsorgen. Graf Neville sieht sich gezwungen, sein Schloss zu veräußern. Noch ein letztes Mal lädt er zum opulenten Gartenfest. Wenige Tage vor der großen Party verschwindet seine jüngste Tochter Serieuse und wird von einer Wahrsagerin im Wald entdeckt, die den Vater verständigt. Als dieser seine 17jährige Tochter abholt, bekommt er gratis noch eine Prophezeiung mit auf den Weg: Beim diesjährigen Gartenfest werde er einen Gast töten.

Nun beginnt die schwarze Komödie. Graf Neville prüft als erstes die Gästeliste und geht die Namen derer durch, die als Opfer in Frage kämen. Er ist noch dabei, das Für und Wider bei einzelnen Personen abzuwägen, als sich seine Tochter als Opfer ins Spiel bringt. Rhetorisch ist sie ihrem Vater weit überlegen – geradezu ein Paradebeispiel klassischer Argumentationskunst – und so treibt sie ihren Vater in die Enge, der schließlich klein beigibt. Vielleicht geschieht es Graf Neville auch nur recht, denn wer benennt schon den Nachwuchs nach Figuren der griechischen Tragödie?

Wenn er darauf angesprochen wurde, wie er denn auf die Idee gekommen sei, seine beiden Älteren Oreste und Électre zu nennen, antwortete er, ohne mit der Wimper zu zucken, so etwas komme in den besten Familien vor. Nach dem Namen des Nesthäkchens befragt, der doch konsequenterweise Iphigénie hätte lauten müssen, pflegte er zu sagen: „Vatermord und Muttermord kann ich eher tolerieren als Kindsmord.“

Mehr darf ich wirklich nicht verraten, sonst wäre die Pointe der 111 Seiten vielleicht vorweggenommen. Für mich ist „Töte mich“ wieder einmal ein Beispiel dafür, dass es nicht auf die Höhe der Seitenzahlen ankommt. Amélie Nothombs Erzählung ist wie eine literarische Essenz, wo jedes Wort sitzt und jede Pointe zündet. Kunstvoll, klug, spitzfindig, zum Lachen komisch, genial. Zu diesem Genuss braucht es unbedingt ein Glas Champagner.

In diesem Sinn: À votre santé!

Amélie Nothomb, Töte mich, Diogenes Verlag, August 2017.

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