Eine harte Nuss

Annie Proulx hat so wunderbare Romane geschrieben wie Schiffsmeldungen oder Brokeback Mountain. Ich war gespannt, nach so langer Zeit wieder einmal etwas von ihr zu lesen. Also griff ich mir das 900 Seiten schwere Werk – Das war vor einem halben Jahr…

Annie Proulx befasst sich mit 300 Jahren kanadischer Geschichte. Aus hartem Holz verknüpft das Schicksal des Waldes mit dem Schicksal zweier Familien. Es beginnt damit, dass zwei junge Franzosen, René Sel und Charles Duquet, 1693 nach Neufrankreich kommen, um dort ihr Glück zu machen. Sie wissen nichts oder nur wenig über das Land und seine Ureinwohner. Über die Selbstverständlichkeit, mit der die neuen Siedler sich den heutigen östlichen Teil Kanadas nach und nach einverleiben, heißt es in dem Brief des Geistlichen Père Crème nach fast 250 Buchseiten:

„Obwohl ich großes Mitgefühl mit den Indianern habe, machen sie es mir nicht leicht. Das Bedauerlichste ist ihre Weigerung zu begreifen, dass das Land dem gehört, der es kultiviert, wie in der Heiligen Schrift zu lesen ist. (…) Sie können nicht verstehen, dass der Weiße, der kämpft und sich abmüht, um den Wald in die Schranken zu weisen, sein gottgegebenes Recht ausübt, wenn er das gerodete Land als seinen Besitz beansprucht.“

Kolonialismus, Überfremdung, Ausbeutung und Naturschutz sind nur einige der Themen, die Annie Proulx aufgreift. Ihr Anliegen kann ich verstehen und jedes Thema wichtig. Dafür aber, dass die Botschaft ankommt, braucht es glaubwürdige Figuren, die eine emotionale Nähe erzeugen. Wie aber soll das gehen in einem derart breit angelegten Werk, das sich manchmal wie eine Familienchronik liest, kaum aber bei den einzelnen Menschen länger verweilt? Wie im Zeitraffer erscheinen die Personen. Unzählige Namen von Menschen, die nur kurz auf und schnell wieder abtauchen, machen es schwer, zu folgen und mit einem der Protagonisten wirklich „warm“ zu werden. Bis zur Hälfte des Romans habe ich gehofft, dass sich dieser Eindruck zerstreut, aber auch der letzte Teil des Buches verhandelt auf 150 Seiten mehr als hundert Geschichtsjahre.

So blieb bei mir bis zum Schluss eine merkwürdige Distanz. Eine harte Nuss war dieses Buch für mich. Ich habe mich durchgebissen, aber wirklich geknackt habe ich sie nicht.

Annie Proulx: Aus hartem Holz, Luchterhand Literaturverlag, März 2017.

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