Rimini

Hedi Schneider steckt fest. Das ist ein großartiger Film mit Laura Tonke als Hedi Schneider, die durch Panikattacken den Boden unter den Füßen verliert und in eine tiefe Krise stolpert. Hedi Schneider ist, obwohl sich das jetzt vielleicht nicht so anhört, brüllend komisch und zum Heulen tragisch. Der Film hat mich damals sehr berührt. Sonja Heiss hat sowohl das Drehbuch geschrieben, als auch Regie geführt. Von daher war es für mich gesetzt, mir ihr Romandebüt zu kaufen. Ich war sehr gespannt auf Rimini.

Rimini beschreibt das Leben mehrere Generationen und Paare einer Familie. Im Mittelpunkt stehen Ellen und Hans, dessen Eltern Barbara und Alexander, sowie Masha, Hans Schwester. Allen ist eins gemeinsam: Ihre Beziehungen stecken in tiefen Krisen. Die erfolglose und ewig unzufriedene Schauspielerin Masha möchte schwanger werden, aber ihr fehlt der Mann dazu. Das Rentnerpaar Barbara und Alexander gehen sich auf die Nerven – Alexander kann keine Minute ohne seine Frau auskommen. Hans und Ellen haben ein tolles Haus, tolle Jobs, tolle Kinder, aber reden kaum mehr miteinander. Vielleicht wäre Sex ihre Rettung, aber während Hans ständig daran denken muss, lässt Ellen ihn im Bett immer wieder abblitzen. Hans kanalisiert seine negativen Gefühle, indem er Dinge zerstört. Am liebsten zerbricht er Stifte. Um sein Leben wieder in den Griff zu kriegen, macht er eine Therapie. Aber die ist nur bedingt hilfreich. Ständig wittert er Fallstricke, die seine Therapeutin auslegt, um ihm zu zeigen, wie unzulänglich er ist.

„Können Sie bitte mal damit aufhören?“    „Womit?“      „Mich als krank darzustellen.“                                                                                                                            „Ich habe von Problem, nicht von Krankheit gesprochen. Ich habe nicht gesagt: alkoholkrank.“                                                                                                                                   „Ich sehe darin keinen großen Unterschied, Frau Dr. Mandel-Minkic, ganz ehrlich. Und vor allem machen Sie das mit allem. Wenn ich schnell Auto fahre, um pünktlich hierherzukommen, sagen Sie ‚Ah, Selbstgefährdung’ und ich fühle mich wie ein krimineller Raser. Sie könnten auch so etwas sagen wie: Das kann aber auch gefährlich werden und nicht: ‚Aha, Selbstgefährdung’. Oder wenn ich mal ein Glas zu viel trinke, dann sagen Sie nicht: ‚Ah, da haben Sie anscheinend einen über den Durst getrunken’, sondern ‚Alkoholproblem’ und man sieht sich schon morgens unter der Spüle heimlich Putzmittel saufen.“

Doch dann stellt Hans überrascht fest, dass seine Therapeuten auch eine Frau und noch dazu hübsch ist. Er beginnt sich für sie zu interessieren… Das chaotische Beziehungsleben nimmt seinen Lauf. Nicht nur Hans wird seinen „Hedi-Schneider-Moment“ haben.

Abgesehen davon, dass ich glaube, dass Sonja Heiss einen sympathischen Farbentick hat (ihr gelingt es locker, drei Farben in einen Satz zu packen, z.B. schlammfarben, kieferngrün und puderblond, und in einem Absatz die Farbe des Himmels von lila, violett, rot, blau und wieder zurück erscheinen zu lassen), fand ich die Dialoge besonders stark. Ihre Sprache hat mir gut gefallen, mit den Charakteren bin ich aber leider nicht wirklich warm geworden und der Schluss war arg vorhersehbar. Kurzum: Vielleicht wäre ein Film besser gewesen?

Sonja Heiss: Rimini, Kiepenheuer & Witsch, August 2017, 400 Seiten.

 

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