Leere Herzen

Den Roman Unterleuten von Juli Zeh fand ich großartig und habe ihn hier in den höchsten Tönen gelobt. Leere Herzen wird in der Presse ebenso hoch eingeschätzt.

Die Geschichte spielt in der Post-Merkel-Ära im Jahr 2025. Es regiert eine neue Partei: die Besorgte Bürger Bewegung (BBB). Die Menschen sind politikverdrossen und kreisen nur noch um sich selbst. Das Gemeinwohl gilt nicht mehr viel. Die Hauptfigur Britta Söldner* hat mit ihrem guten Freund Babak eine neue Geschäftsidee entwickelt: Sie filtern durch bestimmte Algorithmen Menschen mit Suizidneigung aus den sozialen Netzwerken heraus, diese Durchlaufen dann ein Programm, das sie entweder therapiert oder eben nicht. Die, die weiterhin den Wunsch hegen, sich umzubringen, werden als Selbstmordattentäter an Organisationen jeglicher Art vermittelt. So erhält ihr Tod einen Sinn – und die Lebensmüden werden zu Märtyrern. Terrorismus nach Plan: Ort und Zeit für einen Anschlag können nun so gewählt werden, dass möglichst wenig Opfer zu beklagen sind… eine Win-win-Situation?

Der Roman wirft Fragen auf: Wofür brennst du? Für wen oder was engagierst du dich? Aber vor allem ermahnt er: Erfülle deine Bürgerpflicht! Geh wählen! Setz dich ein! Tue was! Sicher, das sind alles ehrenwerte Anliegen. Doch damit auch jeder die Botschaft versteht, gibt es immer jemanden, der sie ausspricht, gerne auch in Phrasen.

Zum Beispiel auf dem Spielplatz, obwohl Britta eigentlich keine Spielplätze mag. Sie trifft dort auf Eltern, die nur um ihre Kinder kreisen, während ihre Sprösslinge gelangweilt ins Leere starren. „Auch Britta liebt ihre Tochter, aber im Gegensatz zu anderen Eltern versucht sie nicht, mit ihrer Hilfe zu ersetzen, was ihnen allen verloren gegangen ist: Politik, Religion, Gemeinschaftsgefühl und der Glaube an eine bessere Welt.“

In Gedanken sehe ich den erhobenen Zeigefinger. Mein Fazit: Ich brauche keine Oberlehrerin Juli Zeh, aber von der talentierten Schriftstellerin würde ich mehr lesen.

*Britta heißt Söldner mit Nachnamen, im Ernst? Söldner sind Soldaten, die ihre Kriegsdienste gegen Geld anbieten… Die Art der Namensgebung hat mich spontan an Peter Arbeitsloser aus QualitLand von Marc-Uwe Kling erinnert.

Juli Zeh, Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag, November 2017, 352 Seiten.

Juli Zeh bei Denis Scheck in Druckfrisch, ARD Mediathek.

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