Subkultur, Subtext, Subutex

Das Cover hat mich zunächst verstört – psychedelische Farben mit Worten, die mich anspringen, ohne dass sie mir in irgendeiner Form bekannt vorkommen: Despentes – Vernon – Subutex. Chiffren, die ich unbedingt entschlüsseln wollte, also kaufte ich das Buch!

Okay. Despentes ist der Name der Autorin. Virginie Despentes. Und Vernon Subutex der Name der Hauptfigur (der wohl zugleich der Name einer Ersatzdroge für Heroin ist). Der Roman erzählt die klassische Heldenreise – rückwärts: Eine Abstiegsgeschichte. Nachdem die goldenen Zeiten für den Plattenverkäufer Vernon endgültig vorbei sind, das Geschäft längst geschlossen, die Rücklagen aufgebraucht und der Freund und Gönner, Alex Bleach, tot, verliert Vernon Subutex seine Bleibe, schläft sich durch die Sofas seiner Freunde und landet am Ende auf der Straße. Ich sehe bei seinem stetigen Verfall zu und bin doch weniger um Vernon als um seine Freunde besorgt. Mir kommt es vor, als seien sie alle noch ärmer dran als Vernon selbst: Da ist Xavier, der Drehbuchautor, der ein biederes Leben mit seiner noch biederen Ehefrau führt und mit seinen rechten Parolen nervt. Da ist Patrice, der seine Frau abgöttisch liebt und sie trotzdem verprügelt. Da gibt es eine ehrgeizige Musikjournalistin, die gern mit Männern Sex hat, danach aber sofort das Interesse an ihnen verliert. Da sind Pamela und Daniel, ehemalige Pornostars, die ihrem Leben versuchen, Sinn einzuhauchen, die eine mit einer Geschlechtsumwandlung. Eine junge Muslima, die sich – zum Leidwesen des Vaters – in ihre Religion flüchtet und in ihrer Identität zutiefst erschüttert wird, als sie hinter das Geheimnis ihrer toten Mutter kommt. Da ist die wunderhübsche Südamerikanerin Marcia, die Vernon den Kopf verdreht, und es ihm egal ist, dass sie einen Penis hat. Sie wird ihm das Herz brechen. Und da sind noch einige mehr, die kurz aus dem Reigen des Chores um Vernon Subutex hervortreten und ihr Lied singen. Es ist ein Chor der Abgehängten: oft wütend, frustriert, desillusioniert. Beispiel: Xavier geht einkaufen:

„Die dicke Blonde da mit ihren fetten Schenkeln in Minishorts, die sich rausputzt, als wäre sie ein Klasseweib, dabei ist sie einfach eine Kuh: eine Kugel in den Kopf. Das Pärchen dort im Kooples-Stil, katholisch und ultrarechts, sie mit Retrobrille und straff nach hinten gekämmten Haaren, er mit Schönlingsfresse und Ohrhörer, der zwischen den Regalen telefoniert, während sie nur superteures Zeug einpacken, beide in cremefarbenem Regenmantel, damit man auch ja sieht, dass sie Rechte sind: eine Kugel in die Fresse. Der dicke Geldsack, der auf den Arsch des Mädchen starrt, während er sein Halalfleisch kauft: eine Kugel in die Schläfe. (…) Aber er ist Vater, er ist ein verheirateter Mann, er ist ein erwachsener Mann, also hält er das Maul, füllt seinen Wagen und schäumt vor Wut…“

Zwischen den Zeilen läuft immer auch ein Subtext, in dem die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen unsere Zeit mitschwingen, ohne plakativ oder moralisierend zu wirken. Das Erstarken der Rechten, die Angst vor Terror, sozialer Auf- und Abstieg in einer sich immer ausdifferenzierenden Gesellschaft. Vernon Subutex hat in dieser Welt seinen Platz verloren und seinen neuen noch nicht gefunden. Er ist Teil einer Subkultur, zu der ich, die ich bürgerlich gesettelt bin und in einer mittelgroßen deutschen Stadt lebe (Altbau, Biomarkt, Theaterabo…), kaum oder keine Berührungspunkte habe.

Sex, Drogen, Rock’n Roll? Die Szene der Kreativen, der Künstler, der Musiker ist längst nicht mehr das, was sie einmal war. Die Digitalisierung frisst analoge Geschäftsmodelle wie eben den Plattenladen vor Ort (stellvertretend für viele andere…). Wem gelingt es, sich neu zu erfinden? Im Fall von Vernon Subutex hege ich die Hoffnung, er möge noch einmal auf die Füße kommen und Kapital schlagen aus dem Vermächtnis seines Freundes Alex Bleach, das er in Form von Audio-Kassetten bei sich trägt. Noch ahnt Vernon nicht, dass sich einen Menge Leute dafür interessieren… Ein Grund für mich, sofort den zweiten Teil der Subutex-Reihe anzuschließen.

Mit der Geschichte ging es mir wie mit einer unbekannten Melodie, in die man sich erst einmal einhören muss, dann aber hat mich der Sound von Virginie Despentes gepackt. Der dritte Teil folgt übrigens im Herbst. Ich bleibe dran.

Virginie Despentes: Vernon Subutex 1, Kiepenheuer&Witsch, August 2017, 400 Seiten.

Spiegel online Rezension

Deutschlandfunk

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