Neapolitanische Gehirnwäsche

Es ist still geworden auf meinem Blog. Was nicht bedeutet, dass ich aufgehört habe zu lesen. Im Gegenteil: Ich habe im letzten halben Jahr unglaublich viele Bücher angefangen – sie aber nicht zu Ende gebracht. Oder sie wieder auf den Stapel der ungelesenen Bücher gelegt, für später. Um ein Buch von diesem Stapel habe ich seit langem einen großen Bogen gemacht: um Elena Ferrantes geniale Freundin. Ich hatte Anläufe unternommen – aber ihr Schreibstil, ihre „Mikroerzählweise“ war so weit entfernt von dem, was ich sonst lese und schreibe: Texte mit Tempo, filmisch knapp und pointenreich.

Dass mich die Geschichte dann doch noch gepackt, ja, in ihren Bann gezogen hat und über Wochen begleitete, ist Eva Mattes zu verdanken: Sie leiht Ferrante ihre Stimme. Sie liest – wie viele Seiten? 2000? In 40 Stunden oder mehr? – die vierteilige Saga über Lenu und Lila und macht das so großartig, dass ich nicht aufhören konnte, ihr zuzuhören. Beim Spaziergang mit Hund, beim Kochen, im Auto, vor dem Einschlafen oder bei Schlaflosigkeit (die manchmal von der Geschichte selbst herrührte). Vielleicht macht auch nur das Sinn: Dieses Epos im Ganzen auf sich wirken zu lassen, weil es ein so breit angelegtes Werk ist. Ein Panorama der Geschichte Italiens am Beispiel dieser beiden Mädchen, die zu Frauen heranwachsen, gemeinsame und getrennte Wege gehen, deren Schicksale immer miteinander verwoben bleiben. Wenn die Perspektive auf Elena – Lenu – liegt, frage ich mich, was Lina wohl tut. Wenn es um Lina geht, fehlt mir Elena. Und wenn ihre Wege sich kreuzen, frage ich mich, wie Lenu es bloß mit Lila aushält. Beide Frauenfiguren ziehen mich an, stoßen mich aber auch ab. Elena mit ihrer Art, sich selbst herabzusetzen, Lina mit ihrer zeitweisen Arroganz und Boshaftigkeit.

Die Saga beginnt mit einer Schlüsselszene, in der die beiden Mädchen mit ihren Puppen spielen. Beide stammen aus ärmlichen Verhältnissen, die Puppen sind die einzigen Reichtümer, die sie besitzen. Vor allem für Elena ist ihre Puppe Tina eine treue Gefährtin. Lina lässt ihre Puppe in einen Kellerschacht fallen und verleitet Elena dazu, dieses auch mit Tina zu tun. Als die beiden Mädchen danach ihre Puppen im Keller suchen, sind sie verschwunden. Für Elena ein schmerzlicher Verlust. Zeitlebens agiert sie aus einem Gefühl des Mangels heraus. Mit Fleiß und Ehrgeiz erarbeitet sie sich ihren Platz im Leben. Trotzdem scheint ihr etwas zu fehlen, was der Freundin geschenkt ist: ein natürliches Selbstbewusstsein.

Lina ist schön und intelligent. Sie zieht Menschen in ihren Bann und wirkt auf sie ein.  Elena sieht zu ihr auf, obwohl sie die höhere Schule besuchen darf und später studiert. Lina hat nur die Grundschule besucht, aber ihr Geist wird als außerordentlich beschrieben. Was sie anfasst, gelingt. Als 10-Jährige schreibt sie eine Geschichte, die Elena später als Vorlage für ihren Bestseller dienen wird. Als 12-Jährige zeichnet sie den Prototyp für einen neuen Schuh, der später ein großer Erfolg wird und den kleinen Schuhmacherladen ihres Vaters zu Ansehen verhilft (aber im Lauf der Geschichte auch wieder zu Fall bringen wird…). Lina heiratet einen angesehenen reichen Kaufmann und scheint mit erst 17 Jahren alles erreicht zu haben. Aus dem armen Schuhmachermädchen ist eine von allen beneidete Frau geworden. Ihre Kleidung, ihr Stil, ihr Gehabe – nicht selten wird sie mit den Filmstars der 60er Jahre verglichen.  Doch der schöne Schein trügt. Nach dem märchenhaften Aufstieg folgt ein tiefer Fall.

Parallel dazu versucht Elena ihren Weg im Leben zu finden. In Anziehung und Abgrenzung zu Lina, die die wichtigste Person in ihrem Leben ist, gelingt ihr erst eine schulische, dann eine Hochschulkarriere. Als junge Frau verarbeitet sie u.a. ihr erstes sexuelles Erlebnis in einem Roman, der zum Bestseller wird und ihre Karriere als Schriftstellerin begründet. Aus einer obsessiven Liebe zu ihrem Jugendfreund Nino, der zunächst mit der verheirateten Lina eine Affäre beginnt, erwachsen weitere Verwicklungen. Während die Zeit, in der Elena heiratet und Kinder bekommt, nur parallel und ohne große Berührungspunkte neben Lilas Schicksal herläuft, wird im letzten Teil die Beziehung der beiden Frauen wieder intensiver. Sie brauchen sich gegenseitig, helfen einander und sind sich so nah wie nie zuvor: Sie wohnen sogar unter einem Dach zusammen. Alles könnte gut sein oder doch noch gut werden, aber das Leben verschont sie nicht. Vor allem Lina trifft es mit aller Härte …  Zum Schluss hat sie dann doch noch mein Mitgefühl zu wecken vermocht.

Neapolitanische Gehirnwäsche. In meinen Gedanken war zeitweise nur noch Platz für Neapel, den „Rione“, für Lila und Lenu, das Mafiageflecht um Marcello und die bewegten Zeiten der letzten Jahrzehnte, in denen es beide Frauen geschafft haben, sich aus den alten, überholten Frauenrollen zu lösen und ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Emanzipation anhand zweier Bespiele, die unterschiedlicher nicht hätten ausfallen können.

Mein Fazit in einem Wort: Genial. Elena Ferrante verwebt die großen Fäden italienischer Geschichte zu einem Netz aus Menschen und Ereignissen um Lina und Elena herum. Das ist manchmal langatmig, ausufernd, breit angelegt, aber dadurch auch so präzise, so fein.

Manchmal muss es eben auch mal ein Hörbuch sein – Danke, Eva Mattes!

 

 

 

 

 

 

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