Death cleaning is magic

Im Januar miste ich aus: nicht nur Schränke, sondern auch den Kopf. Dazu habe ich mir extra ein Bullet Journal angelegt – noch scheitere ich an der täglichen Disziplin. Das Buch mit Leben zu füllen, ist viel schwerer, als die Theorie dazu zu lesen… Genauso ist es mit dem Aufräumen. Hatte mir Marie Kondo nicht versprochen, dass ich mir nie wieder darum Gedanken machen müsse, wenn ich meine Kleidung nun zu kleinen Päckchen falte und hochkant im Schrank aufbewahre? Liegt es daran, dass ich mich nicht jeden Tag bei meinen Schuhen für ihren Dienst bedanke und auch meine Handtasche nicht ordentlich ausräume und dann zur Erholung zurück in den Staubbeutel packe? Vielleicht nehme ich die Sache nicht ernst genug. Oder bin ich ein hoffnungsloser Fall?

Vielleicht sollte ich mich an die Schweden halten. Sie nennen ihre Aufräummethode „döstädning“. Eine Wortschöpfung aus „dö“ für Tod und „städning“ für aufräumen. Margareta Magnusson erklärt, wie das Aufräumen vor dem Tod funktioniert und warum sie es praktiziert. Zunächst ist da die Grundeinsicht: Mein Leben ist endlich. Mitten im Leben stehend fühlt sich das nicht so an. Und es lässt sich auch gut verdrängen. Aber es spricht doch einiges dafür, sich mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen. Nicht um darüber zu verzagen und traurig zu werden, sondern um den Wert der Gegenwart zu schätzen und das Leben jetzt zu gestalten. – –

Ganz abgesehen davon ist es keine gute Vorstellung, wenn der eigene Besitz später in einem großen Müllcontainer landet und die Hinterbliebenen ihre Lebenszeit und Nerven in die Entsorgung des alten Plunders stecken müssen. Und über das, was nicht weggeworfen wird, kommt es zum Streit und nicht selten zu Zerwürfnissen …  Margareta Magnusson verteilt und entscheidet selbst – und zwar rechtzeitig. Und die Dinge, über die sich ihre Kinder streiten könnten, verkauft sie.

„Diskussionen mit meinen fünf Kindern über ein Armband (sie konnte sich nicht entscheiden, welches Kind das Armband erben würde…) schienen mir reine Zeitverschwendung zu sein. Mit einer Verkleinerung des Besitzstandes schon zu Lebzeiten erspart man sich und anderen wertvolle Zeit.“

Marie Kondo klingt mir noch im Ohr: Niemand will deinen Müll, darum schmeiß ihn weg! Margareta Magnusson ist da etwas gnädiger. Sie verschenkt auch viel. Es freut sie, Dinge an die „richtigen Menschen“ zu verschenken, also die, die das, was sie selbst nicht mehr gebrauchen kann, brauchen können. Damit macht sie sich und andere glücklich. So lädt sie z.B. Familie und Freunde ein, die in ihren Kisten stöbern dürfen. Und manchmal ergibt sich auch etwas, was nicht geplant war. Margareta Magnusson besaß einen riesigen Esstisch. Eigentlich sollte er weg. Für sie war er zu groß. Niemand anderes konnte ihn gebrauchen. Doch dann bezog ihr Sohn eine größere Wohnung und nahm den Tisch mit Freude. Für Margareta ist es nun eine schöne Vorstellung, dass der Tisch, um den es in ihrem Leben still geworden war, jetzt wieder einen Platz inmitten junger Menschen gefunden hat.

Döstädning scheint eine Methode für die Alten zu sein, für Menschen in der letzten Lebensphase. Aber ist das wirklich so?

„Vielleicht kommt der Tag, an dem man spürt, dass einem all der Kram, den man angehäuft hat, einfach zu viel Kraft und Energie raubt. Wenn dann jemand seinen angekündigten Wochenendbesuch oder die Essenseinladung absagt, ist man nicht enttäuscht, sondern dankbar und erleichtert, weil man viel zu erschöpft ist, um vorher noch all die herumliegenden Sachen aufzuräumen. Man besitzt zu viel, das ist das Problem. Es ist Zeit, seinen Lebensstil zu ändern, und es ist nie zu spät, damit anzufangen.“

Margareta Magnusson macht Lust darauf, hin und wieder Inventur zu machen und den Ballast an Besitz loszuwerden, den wir nicht mehr brauchen. Und vielleicht kann das, was ich nicht mehr benötige, ein anderer gerade ganz gut gebrauchen?

Für mich erscheint das death cleaning viel weniger morbide als vielmehr magic!

 

Margareta Magnusson: Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen, S. Fischer, 2018.

Margareta Magnusson erklärt ihre Methode.

Auch bereits von der BRIGITTE aufgegriffen…

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