Die Träume der Bethany Mellmoth

All die Wege, die wir nicht gegangen sind. Ich habe das Büchlein in einem Buchladen entdeckt und spontan gekauft, weil mich der Titel angesprochen hat.

Die Hauptfigur, Bethany Mellmoth, ist Anfang zwanzig, ihre Eltern sind geschieden und Bethany wohnt immer mal wieder für längere Zeit bei ihrer Mutter. Einen Plan für ihr Leben hat sie nicht, dafür aber Träume – so lautet der englische Originaltitel auch: The Dreams of Bethany Mellmoth. Zehn kurze Kapitel drehen sich um ca. ein Jahr aus dem Leben von Bethany. Ich erfahre, wohin es sie beruflich treibt, welche Beziehungen sie eingeht und wie schwierig ihre familiäre Situation ist. Die Episoden erzählen von:

Bethany, die in einer Galerie arbeitet. Bethany, die an einem Roman schreibt. Bethany, die Schauspielerin werden möchte. Bethany, die fotografiert. Bethany, die auf ihren Vater trifft und dessen neue Freundin kennenlernt, die so alt ist wie Bethany…

Die äußeren Umstände – Jobs und Beziehungen – ändern sich, nur Bethany scheint von Anfang bis Ende die zu sein, die ins Leben geworfen ist und sich mal hierhin, mal dorthin treiben lässt.

William Boyd hat eine Geschichte darüber geschrieben, wie schwer es ist, erwachsen zu werden und Verantwortung für sich und seine Entscheidungen zu übernehmen. Bethany ist dabei auf sich gestellt. Sie muss ihren Weg allein finden und gerät immer wieder in Sackgassen.

Ich hatte beim Kauf des Buches etwas anderes erwartet. All die Wege, die wir nicht gegangen sind erinnert mich an verpasste Chancen und nicht genutzte Möglichkeiten und an Weggabelungen, an denen ich mich entscheiden musste und eine Weiche neu gestellt habe. Hätte ich damals anders entschieden, wäre mein Leben anders verlaufen…  (Dazu fällt mir der Film Family Man mit Nicolas Cage ein: Jack Campbell durchlebt parallel zwei Leben – eins als erfolgreicher Geschäftsmann und eins als Familienvater mit Geldsorgen.)

Das sind nicht Bethanys Themen: Sie schaut nicht zurück. Sie ist jung. Sie lebt im Jetzt. Sie probiert sich aus, ohne wirklich zu wissen, was sie will. Sie besitzt Träume, aber nicht das Herzblut, diese zu verwirklichen. Bei ihr geht es nicht um die Wege, die sie nicht gegangen ist, sondern die vielen Wege, die sie scheinbar nirgendwo hinführen – William Boyd hätte statt schmalen 170 Seiten auch einen dicken Wälzer über Bethany füllen können, denn ein Ende ihrer Odyssee ist nicht in Sicht.

Während ich mir vornehme, das Träumen nicht aufzugeben und Neues auszuprobieren, empfehle ich Bethany eine Berufsberatung.

William Boyd: All die Wege, die wir nicht gegangen sind, Gatsby, 2018.

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