Erleuchtung

Video, ergo sum. Ich sehe, also bin ich. Erkenntnis durch visuelle Eindrücke. Tiefe Erleuchtung findet wohl keiner der Figuren, die T. C. Boyle in seinem Roman „Das Licht“ auf LSD-Trip schickt. Aber sie bemühen sich redlich.

Im Zentrum steht Timothy Leary, Psychologe und Guru der Hippie-Bewegung in den 60er und 70er Jahren in Amerika. Er sammelt eine kleine Schar an Studenten in Harvard um sich und beginnt ein spektakuläres Experiment: Unter Aufsicht werden bewusstseinserweiternde Drogen verabreicht, zunächst Psilocybin, später LSD – natürlich zu rein wissenschaftlichen Zwecken. Wie wirkt LSD auf das Bewusstsein? Schon bald entsteht eine feste Gruppe um Tim Leary, die bereit ist, die Grenzen immer weiter auszuloten.

Der Doktorand Fitz und seine Frau Joanie führen ein eher langweiliges Leben in bescheidenen Verhältnissen. Während Fitz promoviert, sorgt Joanie mit einem Bibliothekarsjob für das Auskommen der kleinen Familie. Joanie hat früh Sohn Corey bekommen und das Studium abgebrochen. Als sie und Fitz zu einer LSD-Session in Learys Hause eingeladen werden, kommt etwas Abwechslung in ihren Alltag. Fitz sieht in seiner Teilnahme an den Experimenten die Möglichkeit, sich für eine wissenschaftliche Karriere zu empfehlen. Obwohl Fitz und Joanie von Natur aus skeptisch sind (und verantwortungsbewusste Eltern), werden sie doch immer mehr „hineingesogen“ in Tims Experimente.

Outside looking in lautet der Originaltitel und meint so etwas wie: sich ausgeschlossen fühlen. Fitz und Joanie erreichen irgendwann den Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen: ganz oder gar nicht, zugucken oder dazugehören. Sie beschließen, Teil von etwas wirklich Großem zu werden. Und lassen sich damit auf eine neue Form der Gemeinschaft und des Zusammenlebens ein. Ihr altes Leben erscheint ihnen nicht länger lebenswert. Sie folgen Tim zunächst nach Mexiko, dann in eine Villa in der Nähe von New York. Sie gehören nun zum „inneren Kreis“ und das, was als Wissenschaftsexperiment begann, hat längst sektenhafte Züge angenommen. Ein bißchen Sex, Drugs and Rock’n Roll (wobei die Musik variiert…). Was als die ultimative Freiheit erschien und den Weg zur Erleuchtung verhieß, erweist sich am Ende als ein neuer Kerker – und das Licht blendet so sehr, dass man sich besser eine Sonnenbrille aufsetzt, um die Welt auf Abstand zu halten.

Nach den Terranauten, nun die Psychonauten. In beiden Romanen verwebt Boyle tatsächliche Ereignisse und Personen aus der Geschichte mit Fiktion. Wider Erwarten führt dabei seine Sprache in „Das Licht“ nicht hinauf in psychedelische Höhen, sondern bleibt recht nüchtern beschreibend am Boden – und klar. Mir gefällt das. So bin ich diejenige outside looking in – und dieser Platz ist für mich persönlich der beste.

Ein lesenswertes Buch.

T. C. Boyle: Das Licht, Hanser-Verlag, 384 Seiten, 2019.

Rezension im Deutschlandfunk

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