Echo

Gestern habe ich einen Artikel bei SPIEGELplus gelesen, da ging es um die Zukunft des Buchhandels. Hat das Buch noch eine Chance? Die Leserschaft wird kleiner, das zeigt die Statistik. Der Markt verändert sich, ja, aber irgendwie wird es schon weitergehen, so lautet am Ende der Tenor. Der Verlagsriese Random House möchte die Zahl der Neuerscheinungen zurückfahren, dafür aber auf Qualität und Originalität setzen. Ich dachte, dass Qualität und Originalität Voraussetzungen sind, um überhaupt auf eine Veröffentlichung hoffen zu dürfen? Die Zahl der Neuerscheinungen zu reduzieren, bedeutet doch, noch stärker als bisher auf die Topseller zu setzen, auf den Erwerb von Lizenzen für  Bücher, die es bereits im Ausland auf Bestsellerlisten geschafft haben, heißt auch, sich auf bekannte Namen zu fokussieren, die ihre potentielle Leserschaft bereits mitbringen. Am Ende des Artikels ist dann doch alles gar nicht so schlimm. Irgendwie geht es weiter…

Ganz ehrlich: Mich lässt der Artikel ratlos zurück. Wo, frage ich mich, wo bleibt der Autor? Und wie sieht eigentlich seine Zukunft aus?

Aus aktuellem Anlass und Einstimmung auf die Buchmesse (ich werde morgen auch in Leipzig sein), heute hier keine Buchrezension, sondern ein eigener Text. Bitte hinterlasst gern ein Echo darauf in den Kommentaren!

Echo

Es sind meine Geschichten, meine Leben, ich habe ihnen Namen gegeben, sie gespeichert, Sicherungskopie inklusive, sie ausgedruckt, in Leinen binden lassen, auf eigene Rechnung, verteilt, aus den Händen gegeben, schwankend zwischen Freude, Aufregung und Angst, geduldig wartend auf ein Echo meiner Geschichte,
Ideen, aus mir geboren, Treibgut in meinem Kopf, das ich herausfische – oder nicht, das sich zusammenfügt – oder nicht, ein Puzzle mit unendlich vielen Teilen, niemand wird je fertig damit, schon gar nicht ich, die Schöpferin dieser Zeilen, Wortakrobatin, nein, noch viel kleiner, eine Buchstabendompteuse,
ich dirigiere die Buchstaben an ihren Platz, jongliere mit ihnen, werfe sie in die Luft und fange auf, was ich zu fassen bekomme, es ist ein großer Zirkus, bunt und aufregend, die Seiltänzerin neben dem Messerwerfer neben dem Clown inmitten der Löwen – ich trage die Uniform mit den goldenen Aufschlägen, das Haar streng frisiert und einen Schnurrbart angeklebt, ich biete all meine Autorität auf, um sie zusammenzubringen, erschaffe Wesen, die sich später von mir, viel schneller, als mir lieb ist, emanzipieren, mir den Rücken zukehren, in eine Richtung davon marschieren und ich folge ihnen wie ein Detektiv auf Spurensuche, ich klaube zusammen, was sie mir hinwerfen, dann wiederum sind sie zutraulich wie kleine Kätzchen, besuchen mich, lassen sich von mir kraulen und ich höre ihnen zu, denn sie wissen mehr als ich, sie sind anders als ich, fremdartig und unerforscht, ich lausche, was sie zu sagen haben, und was sie verschweigen, denn ich muss sie besser kennenlernen, sie studieren, wenn ich mit ihnen arbeiten will, manche möchten gebeten sein, aber die meisten sind selten still, manchmal reden alle durcheinander, nicht zu mir, sondern untereinander führen sie die Gespräche, als gäbe es mich nicht, klar und deutlich höre ich sie, kurz bevor ich einschlafe,
was kontraproduktiv ist, denn ich bin zu müde, um ihre Worte aufzuzeichnen, ich bin keine Stenotypistin, mein Hirn bräuchte eine Steckverbindung mit einem Kabel, durch das ihre Stimmen direkt in den Computer fließen und sich manifestieren könnten, die Buchstaben formten Wörter zu Sätzen zu Kapiteln, von allein,
und am Morgen bin ich die erste Leserin, gespannt, welcher Stoff mich erwartet, ein Krimi, ein Abenteuerroman, oder doch eine romantische Komödie, das alles vielleicht,
aber ginge auch eine Coming of Age oder New Adult Geschichte, etwas düster, gleichsam heiter, dazu Liebe und Freundschaftt, Verrat und Krise, natürlich, dazu etwas Magie, ein offenes Ende, das Raum lässt für Träume, nicht zu flach, aber auch nicht überfordernd, Schokoladenpudding eben – der Plot lässt mich wohlig und satt mit Lust auf einen Nachschlag zurück, so etwas in der Art,

schaffe ich das, kriegt ihr das hin, was meint ihr, ihr könnt nicht nur vor euch hin wurschteln, ihr müsst auch an mich denken und an die, von denen euer Leben abhängt, denn wenn euch keiner lesen will, seid ihr tot, dann beraubt ihr euch eurer und meiner Zukunft, unser Leben hängt davon ab, versteht ihr,
darum bleibe ich manchmal wach, um nichts zu verpassen, für euch stehe ich mitten in der Nacht auf, um mir eine Notiz zu machen, in der Hoffnung, dass ich am Morgen die Zusammenhänge erinnere, die nächste Wendung, ein Geheimnis, einen Twist, der in die Geschichte fließen muss, aber schwarz auf weiß liest es sich dann holprig, die Worte klingen fremd, das ist nicht ganz das, was sie mir haben sagen wollen, nicht das, wohin ihre Geschichten treiben, ich bemerke den Abstand zwischen meinen Bemühungen und den Ideen, die schneller kommen, als ich zugreifen kann,
doch einmal zugefasst fängt meine Arbeit an, die Ideen, die Fragmente, die ich ihnen ablausche, herauszuarbeiten, daran zu feilen wie an einem Stück Holz, das in den Schraubstock gespannt ist, und nach und nach seine eigentliche Form preisgibt,
zu scheitern, ist leicht,
denn es ist schwer, alles so herauszuarbeiten, wie es sich gehört,
um gut zu sein, teuflisch gut, so wie es sein muss, um von anderen gesehen, gehört, gelesen zu werden, denn das ist des Pudels Kern, darum geht es doch, um das Echo oder wie im Zirkus um den Applaus,
für mich, die Buchstabendompteuse,
doch wer geht heute noch in den Zirkus, manche behaupten, es handle sich um eine aussterbende Profession, und ich stehe auf verlorenem Posten,
trotzdem füge ich beständig Buchstaben zu Worten zu Sätzen zu Kapiteln zu einer Geschichte, gedruckt, gebunden, ein Cover, eine ISBN, verfügbar, lieferbar in die Winkel der Wohnzimmer, wo fremde Hände den Buchdeckel aufschlagen, beginnen in ihrem Neuerwerb zu stöbern, hineingesogen werden in die Geschichte, die sie fesselt, weil sie anders ist, fremd und auch vertraut, eine Mischung zwischen originell und solide erzählt, eckig, aber nicht abstoßend, traurig, aber am Ende sind es Freudentränen, die vergossen werden,
Vergnügen, ja, das soll es sein, pures Vergnügen,
woran ich scheitere, liegt auf der Hand, an mir selbst scheitere ich, denn ich stehe einer wirklich großen Geschichte entgegen, weil ich es zu sehr will, ich bin ein blindes Huhn, das verhungert, das dem Kairos hinterjagt und doch immer zu spät ankommt,
aber aufgeben ist etwas für die, die keine Träume mehr haben, ich muss nur härter arbeiten, besser werden und mich beeilen, ich habe nur dieses Leben, um zu schreiben, schreiben, schreiben, schreiben,
warten, hoffen, bangen, zittern, verzweifeln,
aus Dankbarkeit eine Träne vergießen, wenn ein Verlag, was selten vorkommt, denn meist melden sie sich nicht, eine Email mit dem Standardtext einer Absage verschickt, es tut uns leid, aber in unserem Sortiment ist momentan kein Platz für ihren Titel …. wir wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft,
ein hohler Widerhall, der das Aus bedeutet, und dann heißt es: alles auf Anfang,

zurück an den Schreibtisch, den Computer hochfahren, der nur Standby kennt, das Programm öffnen, das im Hintergrund unermüdlich läuft, eine neue Datei anlegen, eine Seite öffnen, Buchstaben werden zu Wörtern zu Sätzen zu Kapiteln, meine Finger fliegen über die Tastatur, ich schüre den Funken Kreativität, auf dass er ein Feuer entfacht, das dieses Mal auch andere zu begeistern imstande ist, und beginne, meine Geschichte an die Welt zu verschenken,

ich höre sie bereits,
die neuen Wesen, die nachts ihr Eigenleben in meinem Kopf führen, mir erzählen von sich und ihren Geheimnissen, herzlich willkommen, ich bin ganz Ohr!

Eine Stimme flüstert: Komm, lass es sein, Wladimir! Und eine andere antwortet: Nein, auf keinen Fall, Estragon! Und dann warte ich und lausche.

 

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