Blaufilter

Fahrt Ihr auch oft mit den Öffentlichen? Meine zweite Kurzgeschichte auf meinem Blog…

Blaufilter

Die Wagen donnern durch das Gedärm einer Stadt, die an ihm haftet wie Dreck. Wenn er nach Hause kommt, reinigt er seine Hände mit Kernseife, aber es hilft nichts. Nächster Tag, nächste Schicht, und der Dreck ist zurück. Wenn er Löcher gegraben, Sand aufgeschüttet, Mörtel gemischt, mit seinen Händen malocht hätte, ja, dann. Er spreizt die Finger. Da sind sie, die schwarzen Linien, die sich unter den Spitzen seiner Fingernägel ziehen. Linien. Er dreht keine Kreise, er zieht Linien, von einem Ende zum anderen, unter der Erde, dort, wo der Schmutz zu Hause ist.
Die Dunkelheit stört ihn nicht. Er wird erst richtig munter, wenn andere schlafen. Eine Eule ist er, so sagt man doch. Das war er früher schon, als sein Leben noch nicht in gleichförmigen Bahnen verlief. Er erinnert sich gern daran. Zu seinen Kreisen gehörten Rosie und Tati und Milky, nicht zu vergessen Bernie und Eik, die gab es nur im Doppelpack, die dackelten sogar zum Pinkeln gemeinsam aufs Klo. Jägermeister intravenös. So fühlt sich das an. Standleitung. Nonstop unter Strom. Und beim Pimpern brannte immer ein Räucherstäbchen, die Lisa machte es nicht ohne, da hatte sie ihre Vorstellungen, aber einen Ring für einmal oder zweimal in die Kiste, erwartete sie nicht, die Lisa. Seitdem muss er immer an ihre feuchte Möse denken, wenn er Zimt riecht. Die Lisa, das wusste er heute, war besser als eine Bratschleiche von Frau wie die Schalutte. Wenn man immer alles vorher wüsste, würden mehr Kondome verkauft, hat Schalutte zum Abschied gesagt. Ausgerechnet die Lisa hatte sie angeschleppt, ihren Ferienbesuch, jung und blond und pausbäckig. Ihre Fingernägel waren rot lackiert. Das war ihm sofort aufgefallen. Sie sprach kaum ein Wort und nickte alles ab, was er vorschlug. Im Gegensatz zu ihren Fingernägeln war sie schüchtern. Aber das gab sich bald. In der großen Stadt zog sie los, um erst ihre Haare, dann ihre Röcke kürzen zu lassen. Einzelne Locken fielen ihr ins Gesicht, wippten frech bei jedem ihrer Schritte in den knappen Minis. Ihr Gang, ihr Haar, das Rot ihrer Fingernägel – an ihr war alles zum Niederknien. Stille Wasser sind tief, vermutete er und gab sich Mühe, ihre Geheimnisse zu ergründen. Als er feststellte, dass das Wasser gar nicht so tief, sondern nur trüb war, hatte er die Papiere auf dem Standesamt längst unterschrieben. Danach lackierte sie sich nie wieder die Nägel. Im Gegenzug hörte er auf, sie Charlotte zu nennen. Das klang doch, als würde sie sich den Schlüpper mit der Kneifzange ausziehen. Irgendwann hatte Schalutte das rote Sparkassensparbuch und den Jungen mitgenommen, seine Bude ausgeräumt, sogar das angeschlagene Porzellanservice von Tante Sowieso eingepackt und war auf Nimmerwiedersehen abgerauscht. Dabei hatte er damals schon nicht mehr mit den Kumpels abgehangen. Es war in seinem ersten Jahr auf Schiene.
Den Badschrank ließ sie zurück. Vielleicht weil er ihn mit Dübeln an der Wand befestigt hatte. Seitdem füllt er ihn mit Seifen und einem Vorrat an Nagelbürsten, die kauft er im Set, bunt und die Borsten aus Polyester. Mittlerweile besitzt er sogar drei oder vier aus Buchenholz und Wildschweinhaar und eine mit weichen Naturfasern, die sich aber nicht für den hartnäckigen Schmutz eignet. Er benutzt sie, wenn die Haut rissig und rau ist, kurz bevor das Blut fließt. Eine Handcreme besitzt er nicht. Soweit kommt es noch! Und morgen dann mit einem rosa Tütü auf Schiene, sagt er sich, nee, ist klar, was ich meine, oder? Er ist einfach nur reinlich, sonst nichts.
Der Führerwagen frisst sich durch die Finsternis, in der sich die kleinen Lichter der Elektronik spiegeln. Er stellt sich vor, er säße im Cockpit eines Fliegers, unterwegs über den weiten Ozean.
Die Bahn schießt aus dem Dunkel heraus. Die grellen Farben malträtieren seine Netzhaut. Er greift zur Brille, die in seiner Brusttasche steckt. Blaugetönt. Kleine runde Gläser. John Lennon like. Er grinst. Das Apfelsinenrot des Wedding gegen den Blaufilter seiner Brille. So lässt es sich aushalten.
Beim Einfahren achtet er nicht allzu genau auf das wartende Geschmeiß. Eine wimmelnde Masse schwarzer Käfer hinter einem blauen Schleier. Er besitzt ein Gespür dafür, wo er die Scheiße einfährt. Die Alkis sind nicht sein Problem. Sie treffen sich hier wie auf Kaffeekränzchen und okkupieren ihre Bänke, als hätten sie Miete bezahlt. Dort kommen sie mit ihren dürren Ärschen erst wieder hoch, wenn man sie rausschmeißt. Das andere Pack hält Abstand zu ihnen.
Das Problem sind die, die niemanden haben, niemanden, der noch beschissener dran ist als sie. Keinen Cent im Becher und keinen Flachmann in der Tasche, treiben sie umher, ohne Ziel vor Augen, aber den Finger am Zünder, um jeden Moment eine Bombe hochgehen zu lassen.
Manchmal sind sie laut, sehr laut. Sie schlagen mit der flachen Hand an seine Scheibe, schreien ihn an, unflätig und schweinisch. Doch sein Blaufilter hält den Abschaum auf Abstand. Und dann gibt es die Leisen, das sind die Schlimmsten. Die, die ihm in den Wagen kotzen oder unter die Sitze pissen. Ihre Pulle fallenlassen und sich hinterher. Die, die am Ende von irgendwem, nicht ihm, jemandem, der weiter, viel weiter unten in der Nahrungskette steht, vom Boden aufgekratzt werden. Ab durch die Mitte, bloß weg, denkt er dann, lass den Dreck mal die anderen wegmachen.
Jemand klopft an sein Fenster, energisch, aber immer noch höflich, so wie wenn man an eine Tür klopft, bevor man eintritt. Er sieht zum Bahngleis. Ein Anzugträger mit offener Jacke und einem großen Fleck auf dem – er nimmt die Brille ab – weißen Hemd. Anzug? In Berlin? Sind die nicht ausgestorben? Während er sich wundert, gestikuliert der Anzugträger wild mit den Armen und redet auf ihn ein. Ein Notfall, sagt der Typ mit dem Fleck auf dem Hemd. Wenn der mal nicht übertreibt! Er seufzt und erhebt sich von seinem Platz.
Schon von Weitem sieht er ihn, einen alten Bekannten: das Gespenst. Den Namen kennt er nicht. Auf dem Boden hingestreckt, sein Rolli liegt neben ihm auf der Seite. Der kann beides, laut krakeelen und die Leute angehen, genauso wie stundenlang durch die Tunnel fahren, in sich zusammengesunken, als hätte er ein Schweigegelöbnis abgelegt. Bevor er irgendetwas tun kann, wimmelt es auch schon von Offiziellen. Polizei. Sanitäter. Fehlt bloß die Heilsarmee. Nur wegen dieses einen Irren. Der Typ ist doch auf Schiene bekannt. Unkraut vergeht nicht. Schon gar nicht unter der Erde.
Sie heben den schmalen Körper zu zweit und hieven ihn in seinen Rollstuhl, wo er sofort wieder Schlagseite einnimmt und Gefahr läuft, noch einmal vornüberzufallen. Ein blasser abgemagerter Körper mit großen Augen, völlig weggetreten. Wenn er das Gespenst sieht, wie es in seinem Schiebesessel am Gleis wartet, will er nur eins: Gas geben. Geschlossene Gesellschaft. Heute, er ist sich sicher, heute wäre er, ohne anzuhalten, durchgebrettert. Doch er hat es übersehen in seiner blauen Windjacke, so unförmig und groß, als hätte es sich und dem Rollstuhl ein Zelt übergeworfen. Noch einmal erzählt der Anzug seine Geschichte. Der Typ ist ihm direkt vor die Füße gefallen. Unter ihm eine Lache, die sich ausbreitete wie Pisse. Dabei hatte er es im Fallen nur geschafft, den Inhalt seines Bechers zu verlieren. „Was is dit denn?“
„Kaffee!“ Der Anzugträger verzieht das Gesicht. „Damit hat er mich verbrüht!“ Er deutet auf seine Brust. Man stelle sich das vor: Kaffee! Der sieht aus, wie grad von den Toten aufgestanden und trinkt Kaffee! Er schüttelt den Kopf. Sachen gibt’s!                              Jetzt, nachdem der Anzug den größtmöglichen Wirbel verursacht hat, will er weg, und zwar schnell. Vielleicht muss er Brandsalbe kaufen oder selbst in die Notaufnahme, wer weiß das schon. Mit so einem Hemd. Im Arsch. Ein brauner Fleck. „Der is nich jemacht für hier unten“, murmelt er und sieht ihm nach. Die meisten sind nicht gemacht für das hier. Er drückt seinen Rücken durch und nimmt Haltung an.
Für den Untoten ist die Reise auf dieser Linie zu Ende, vorerst. Die Sanitäter schnallen ihn auf einer Bahre fest und nehmen ihn mit. Das ändert aber nichts. Das Gespenst kommt zurück, ganz sicher. Er wird wiederkommen und weiter seine Kreise ziehen. Wo er nur Linie fährt.
Er reibt sich die Augen und setzt seine Sonnenbrille auf, Rückzug. Und täglich grüßt das Murmeltier.
Einmal, bloß ein einziges Mal von Marienfelde bis Tegel Gas geben. Ein unerhörter Gedanke. Beim Einfahren abbremsen, antäuschen, und im letzten Moment durchziehen. Ab geht die Post! Die dummen Gesichter sehen. Oder auch nur die verdutzten Blicke über die Smartphones hinweg. Unbezahlbar wäre das.
Linienverkehr. Endstation. Aber er hat es nicht gesehen, das Gespenst, dieses Mal nicht. Auf dem Weg nach Hause zieht er seine Brille aus der Tasche und wirft sie in den Müll. Kot d’Azur steht auf dem apfelsinenroten Eimer. Dann fällt sein Blick auf seine Hände. Da ist schwarzer Dreck unter blassen Fingernägeln.

 

kot

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