Eier

Gerade habe ich die Stories von Roald Dahl (Küßchen, Küßchen) und auch Edgar Ellen Poe neu entdeckt. Lauern nicht im Alltäglichen die tiefsten Abgründe?

Eier

„Ich könnte dich…“
„Töten?“
Sie sog hörbar Luft durch die Nase ein und ließ sie mit einem leisen Zischen aus dem leicht geöffneten Mund wieder entweichen, wie in einer ihrer Atemübungen. Die machte sie seit neuestem zu jeder Zeit und überall. Wie gestern. Im Supermarkt. Sie blieb einfach stehen, schien zu vergessen, wo sie war, was sie tat, ließ die Spaghetti in den Wagen fallen, ungeachtet der Tatsache, ob die Capellini zerbrachen oder nicht – das nenne ich Achtsamkeit! – hob die Arme in die Luft, atmete ein, senkte die Arme, atmete aus. In der Regel schloss sie dabei die Augen. Wusste sie eigentlich, wie bescheuert das aussah?
„Wie würdest du es anstellen?“

Sie war sich nicht sicher, worauf er hinauswollte. Wollte er tatsächlich von ihr hören, wie sie ihn umbringen würde? Konjunktiv. Wie sie ihn umbrächte, ein Irrealis also. Aber der Gedanke, ihn töten zu wollen, nicht irgendwann, nicht als Gedankenspiel, sondern jetzt, in diesem Moment, an diesem beschissenen Morgen, an dem sie ihm gegenübersaß und ihn beobachtete, dieser Gedanke war da. Real. Wie ihr Gegenüber. Wie er in die Küche geschlurft kam, Boxershorts, die ihm bis zu den Knien hingen, dazu weiße Tennissocken, dieselben wie gestern, ohne Shirt! Sie besaß freien Blick auf seine untrainierte Brust, seinen Bauch, der sie statt seiner anstarrte. Er begrüßte sie nicht, zumindest ließ sie sein Nicken nicht als solches durchgehen, er nahm sich Kaffee, setzte sich ihr gegenüber und schaffte es, nein, er legte es darauf an, sie zu provozieren, ihr vorzuführen, dass sie mit dem, was manchmal aus ihrem Mund purzelte, nichts anzufangen war, dass ihre Worte nur Worte waren, die vergessen in der Luft hingen wie die feinen Staubkörnchen, die man nur sah, wenn Licht darauf fiel. Er nahm sie nicht ernst.
„Was ist jetzt?“, setzte er nach. Er nippte an seinem Kaffee. Er war nur noch lauwarm. Natürlich könnte er sich neuen aufbrühen, aber nicht dazu aufraffen. Sie würde denken, ihm schmecke der von ihr zubereitete Kaffee nicht, dann hätte sie das nächste gefunden, das sie ihm zur Last legen würde, dabei hatte sie recht, die Art, wie sie ihren Kaffee ansetzte, bereits der Mahlgrad und die daraus resultierende Stärke, passte ihm nicht. Ihr Kaffee schmeckte wie Waschwasser mit Milch. Da änderten auch die teure Mühle und die japanischen Filtertüten nichts daran. Aber er hielt die Klappe. Er schwieg, denn wer stritt schon über so etwas Banales wie Kaffee? Dabei ging es doch immer um Banalitäten, um die kleinen Dinge. Der Teufel steckte im Detail. „Gib zu, dass du nicht die Eier dazu hättest.“
Sie unterbrach die Atemübung. Ihre Schultern senkten sich. Ein feiner Schmerz, rechts, vom Schlüsselbein an aufwärts. Da hatte sich etwas festgesetzt. „Du würdest es nicht merken.“ Ihre Finger umschlossen die Tasse, dort, wo der schlanke Fuß sich wie ein Trichter öffnete, es war mehr eine Schale, die sie in Händen hielt, wie die Franzosen, dachte sie, so trank sie ihren Milchkaffee am liebsten. Sie sah auf. Er schien auf eine Erwiderung zu warten. Sie hatte keine Lust auf Spielchen. Er taxierte sie mit starrem Blick, der eine Antwort einzufordern versuchte, wo es doch gar nichts zu sagen gab.
„Ich würde es also nicht merken?“, fragte er belustigt, „gib zu, du hast gar keinen Plan, wie du es anstellen müsstest. Du begrüßt mich mit den charmanten Worten, dass du mich gern umbringen würdest“, er zog den Konjunktiv ins Lächerliche, „und das ist dein Problem: Du plapperst, ohne nachzudenken. Sag mir doch, was dich stört, aber sag nicht, dass du mich umbringen möchtest, wenn du es nicht auch tun würdest.“
Während er redete, betrachtete sie weiter seine Augen. Sie fixierte die Iris, um nicht vom Strudel seiner Worte fortgerissen zu werden. Veränderte sich die Augenfarbe im Laufe des Lebens? In der Erinnerung erschienen ihr seine Augen dunkler. Ein sattes Braun mit einem honiggoldenen Glänzen. Die Augen, in die sie an diesem Morgen blickte, wirkten wie ein zu oft gewaschenes Kleidungsstück. Oder waren es die Haare? Sie waren mit allem anderen an ihm vom Leben ausgebleicht. Stumpf. Farblos.
„Das ist wieder typisch!“, er schlug mit der flachen Hand auf die Tischplatte und sie erschrak. „Du wirfst mir einen Satzbrocken hin, um mir zu sagen, dass ich ein Arschloch bin und dann kneifst du. Was ist denn so schrecklich an mir, dass ich in dir Mordphantasien wecke?“
„Wo fange ich da an?“ Sie sah ihn über den Rand ihrer Tasse an.
„Sag du es mir?“
„Ich hasse es, wenn du mich morgens behandelst, als wäre ich Luft.“
„Ach so…“, echote er, „und wie behandelst du mich? Du würdest mir gern zum Frühstück den Kopf spalten oder ein Messer in die Brust rammen?“
„Du bist witzig.“ Sie verzog ihr Gesicht zu einem schiefen Grinsen. „Du weißt doch, ich kann kein Blut sehen.“ Sie hielt kurz inne, um dann betont nüchtern fortzufahren: „Ich würde dir etwas unter den Smoothie mischen, etwas rein Natürliches, bio sozusagen, das ist dir doch wichtig, oder? Bio, fair und regional.“
Er lachte laut. „Das ist gut, das ist wirklich gut. Weiter!“
„Ich habe doch diese kleinen schwarzen Beeren eingekocht zu diesem Sirup. In der richtigen Dosis würdest du es nach und nach spüren, ohne vermutlich Verdacht zu schöpfen. Erst wird dein Mund trocken, die Pupillen weiten sich, das Herz rast, der Atem wird flach. Du bekommst keine Luft mehr. Kein schöner Tod. Atropa Belladonna. Vielleicht überlebst du auch. Für den Fall gäbe es effizientere Mittel als das, was hinten im Vorratsschrank neben den zuckerfreien Cornflakes steht, Pflanzen, die todsicher wirken, schneller nicht, aber zuverlässiger, glaub mir. Atropos ist die Göttin, die den Lebensfaden durchtrennt. Das finde ich stilvoll. Ich meine, das passt zu mir, oder?“

Sie erhob sich und brachte die Kaffeeschale zur Spüle. Sie spürte seinen Blick in ihrem Rücken, seine Sprachlosigkeit begleitete sie aus der Küche. Sie hatte das Gefühl, auf Wolken zu schreiten, leicht und schwerelos, ein zufriedenes Lächeln vor sich hertragend.
Als sie den Raum verlassen hatte, blieb er einen Moment sitzen. Er fasste den Entschluss, sich vor der Arbeit noch einen richtigen Kaffee im Roastmarket zu gönnen und schüttete seine kalte Plörre in den Ausguss. Bevor er die Küche verließ, öffnete er den Vorratsschrank. Er musste nicht lange suchen. Eine Glasflasche neben den Cornflakes. Mit Etikett. Einem offiziellen Etikett, keine geschwungene Frauenhandschrift mit Datum des Einkochens. Eine Flasche mit Etikett aus dem Biomarkt. Johannisbeersirup, ungesüßt stand darauf. Er lachte. War ja klar, Johannisbeeren!

Sie rief ihm einen Abschiedsgruß von der Wohnungstür zu. Er trat in den Flur. „Willst du nicht wissen, wie ich es tun würde?“
Sie kramte nach etwas in der Porzellanschale auf der Kommode. „Dein Schlüssel ist hier“, er zog den Schlüsselbund aus seinem Parka, der an der Garderobe hing. „Ich hab mir gestern kurz das Auto geliehen.“
„Ah“, sie nickte und nahm ihren Schlüssel aus seiner Hand.
„Und?“, sagte sie. In Gedanken war sie bereits aus der Tür und bei der Frage, ob es später regnen würde und sie doch lieber die Sneaker anziehen sollte.
„Ich würde die Bremsleitungen durchschneiden.“
Ein- und Ausatmen, beschwor sie sich, immer weiter atmen, lächeln und aus der Tür hinaus.
Seine letzten Worte blieben zurück. Sie hatte nicht darauf reagiert, schade. Als er sich umdrehte, fiel sein Blick in den Spiegel. Waren seine Pupillen heute Morgen etwas größer als sonst?

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