Blauregen

Blauregen – Eine Short Story

Tom geht in den Garten und bleibt vor der Glyzinie stehen, die sich weit über die Pergola hinauswagt. Wie reife Trauben hängen die Blüten an den Zweigen. Ihren Duft nehme ich auch auf der Terrasse noch wahr, als läge ich nicht in meinem Liegestuhl, sondern in einem Bett aus Blüten. Tom zögert. Er sieht aus, als wüsste er selbst nicht so genau, warum er dort steht. Der Gummizug seiner Shorts spannt etwas über seinem Bauch. Bei dem Wetter sehe ich ihn nur noch in diesen atmungsaktiven Polyesterhosen. Mit dem flachen Handrücken wischt er sich den Schweiß von der Stirn. „Läufst du heute noch einen Marathon?“ Ich ziehe ihn gern damit auf. Er mag es am liebsten bequem. „Du denkst aber an das Sommerfest, oder?“
„Ja.“
„In diesem Aufzug nehme ich dich nicht mit.“
Er greift sich einen Gartenstuhl und stellt ihn unter den Blauregen. Ich habe keine Ahnung, was er vorhat. Dann geht er quer über den Rasen zum Schwedenhaus. Das Ochsenblutrot könnte auch einen neuen Anstrich vertragen. Vielleicht eine Aufgabe für die Sommerferien? Die Sonne hat das Holz spröde gemacht. Das Gartenhaus ist vollgestellt mit allem, was sonst keinen Platz findet. Laufräder und Bobbycars, Bälle, alte Terrakottatöpfe, Rasenmäher, Werkzeug jeglicher Art. Ich schließe die Augen und lehne mich zurück. Egal, was er sucht, das wird dauern. Ich höre, wie er bereits kurze Zeit später die Tür zuwirft. Dabei schließt sie schon so schlecht. Da müsste man mal nachgucken, aber ich verkneife mir einen Kommentar. Er trägt eine Astschere.
„Lass sie doch wachsen“, rufe ich von meinem Schattenplätzchen auf der Terrasse aus, „mich stört sie nicht.“
„Ich bin jetzt in dem Alter, da wird man spießig“, antwortet er, „außerdem ist sie giftig.“
„Geh lieber duschen.“ Ich schiebe meine Sonnenbrille aufs Haar, um besser sehen zu können. Wenn er der Glyzinie mit der Astschere zu Leibe rückt, ist er doch wohl nicht auf Kahlschlag aus? „Du bist verschwitzt.“
„Ich will noch joggen.“
„Vor dem Fest?“ Meine Laune schlägt um. Warum sind wir die, die nie rechtzeitig bei irgendetwas erscheinen? Beim Elternabend müssen wir im Nebenraum noch Stühle besorgen, weil bereits alle Plätze besetzt sind. Wenn wir Glück haben, schaffen wir es ins Kino, bis der Hauptfilm beginnt. Dabei möchte ich so gern mal einen Trailer sehen – sogar auf Werbung freue ich mich. Aber es gelingt uns nicht, rechtzeitig zu erscheinen. Sind wir mit Freunden zum Essen verabredet, haben die schon eine Flasche Wein geleert und das Amuse-gueule verspeist, ehe wir eintrudeln. Tom ist der, der die Zeit vergisst. Er muss immer noch dies oder dass. Wenn seine Sätze schon mit ich muss nur noch beginnen, kriege ich Pickel.
„Kannst du nicht joggen, wenn wir zurück sind?“
„Nochmal duschen?“ Er wirft mir einen Blick zu, als hätte ich von ihm verlangt, in Unterhosen mit zur Kita zu kommen.
„Wenn du dich um den Blauregen gekümmert hättest, müsste ich es jetzt nicht tun.“
„Müssen musst du gar nichts.“ Noch bevor ich es ausspreche, ist mir klar, dass ich mich ziemlich aus dem Fenster lehne. „Niemand muss etwas müssen. Du willst es jetzt machen! Dabei ist heute der schlechteste Zeitpunkt ever!“
„Dieser Zweig hier ist so schwer, der bricht bald. Das wächst wie Unkraut. Wir hätten es längst zurückschneiden müssen.“
Ich lasse ihm den Plural durchgehen. Ich muss nicht erklären, warum ich auf keine Leiter mehr steige. „Ich liebe es wildromantisch“, schlage ich einen weicheren Ton an. Er lacht und greift zur Gartenschere, streckt seinen Arm nach einem der Triebe aus, bekommt ihn nicht zu fassen, er reckt sich noch etwas, packt zu. Es regnet Blütenblätter auf sein Haupt. Jetzt lache ich. „Du könntest wenigstens den Stuhl festhalten.“
Ich seufze und erhebe mich träge. Lina hat es gut. Sie liegt in ihrem Bettchen und genießt ihren Mittagsschlaf. Es sind 36 Grad im Schatten. Schlafen wäre für mich gerade die beste Option. Tom steht mit dem einen Bein auf der Stuhllehne, das andere Bein ist im Geäst des Strauchs verschwunden. Er setzt die Astschere an und drückt sie zusammen. Ein Zweig streift sein Gesicht, als er herunterbricht. Tom wankt vor, zurück, greift in das dichte Geäst des Blauregens, um seinen Stand zu stabilisieren. „Du hättest die Leiter aus dem Schuppen mitbringen sollen!“
„Du kannst mir auch einfach helfen.“
Ich bleibe stehen und lege die Hand auf meinen Bauch. „Ben tritt mich! Hast du sein Füßchen gesehen?“ Ich deute auf eine Stelle rechts neben dem Bauchnabel. „Er ist genauso umtriebig wie du.“
Tom hat nur Augen für das dichte Astwerk, das sich über ihm an der Hausfassade in die Höhe windet. „Überall verholzt!“, schimpft er. Tom streckt sich und setzt die Schere an. Mit viel Kraft versucht er, die Schneide zu schließen, aber der Widerstand ist zu groß. Er verlagert sein Gewicht, versucht, sich noch etwas mehr aufzurichten, drückt fester. Ben hat sich beruhigt, ich setze mich wieder in Bewegung. Zuerst fällt die Astschere. Sie beschreibt einen hohen Bogen, als hätte Tom sie mit Wucht von sich weggeschleudert. Ich springe zur Seite, die Schere trifft meinen Fuß, anderthalb Kilo Stahl auf meinem kleinen Zeh. Ich schreie auf. „Mist!“, fluche ich, „das hätte ins Auge gehen können! Aua, aua, aua!“
Dann verliert Tom das Gleichgewicht. Sein Körper fällt. Die Arme wild rudernd in der Luft. Das eine Bein verfängt sich im Gestrüpp der Glyzinie, das andere Bein reißt den Stuhl mit. Zuerst trifft der Kopf auf, der Torso wird zur Seite gerissen, das rechte Bein immer noch in den Fängen der giftigen Zierpflanze.
„Tom!“, kreische ich.
Er bewegt sich nicht. Er liegt nur da, in seiner grotesken Pose. Das muss doch nichts bedeuten, oder? Als ich vor Jahren beim Skifahren über eine Bodenwelle gestürzt und auf meinen Brustkorb gefallen bin, habe ich mich auch erst einmal nicht bewegt, sondern in mich hineingehorcht, ob noch alles ganz war. Typisch, würde Tom sagen, auch jetzt denkst du nur an dich. Ich setze einen Fuß vor den anderen. Meine Beine zittern. Instinktiv lege ich meine Hand auf meinen Bauch. Was soll ich jetzt bloß tun? Es sind nur drei oder vier Schritte, höchstens.
Es ist die Stille. Er sagt kein Wort. Er stöhnt noch nicht einmal. Er ist vollkommen ruhig. Reglos. Hingestreckt. Ich gehe in die Knie. „Tom!“, sage ich, „Tom, Tom, Tom!“ Jetzt schreie ich seinen Namen, rufe ihn, als schlafe er und ich könne ihn wecken, wenn ich nur laut genug bin. Dabei stehen seine Augen offen. Vielleicht ist es der Schock? Hilfe, ich brauche Hilfe. Mühsam rappele ich mich auf und mache mich, so schnell es geht, auf den Rückweg zum Liegestuhl. Ich greife mein Handy und wähle den Notruf. Das Smartphone am Ohr tapse ich zurück zu Tom. Sein Körper liegt noch genauso verdreht da wie eben. Das Bein gefangen im Geäst. Ohne nachzudenken, reiße ich das, was ich von der Glyzinie packen kann, herunter und befreie Toms Fuß. Erschöpft lasse ich mich auf den Rasen fallen. Meine Hände streicheln Toms unrasierte Wangen. „Alles wird gut“, flüstere ich, „alles wird gut. Es wird alles gut.“
Die Minuten dehnen sich. Ich habe kein Gefühl dafür, wie lange ich so dasitze und auf Tom einrede. Das alles hier darf nicht sein. „Stell dich nicht so an!“, zische ich und Tränen laufen mir über die Wangen. „Komm, steh auf!“ Ich schniefe. „Bitte“, beschwöre ich ihn, „bitte, bitte.“
Ich höre den Rettungswagen. Sie kommen durch das Gartentor. Jemand berührt meinen Arm, hilft mir, aufzustehen. So, nun wird alles gut, sage ich mir wie ein inneres Mantra immer und immer wieder vor. Auf der Straße stehen Nachbarn, nur flüchtig nehme ich ihre Gesichter wahr. Ihre Namen fallen mir nicht ein. Ich wende meinen Blick ab. Überall liegen Blütenblätter wie gefärbter Schnee. Lina rennt mit ihren nackten Beinchen vom Haus auf die Terrasse. Sie streckt mir ihre Ärmchen entgegen. In der Luft der betörende Duft von Blauregen.

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