Immer alles nie

Spiel mir das Lied von Leben und Tod – Ist das vielleicht ein geeigneter Titel für meine Short Stories? Ein weiterer Versuch… dieses Mal: Eine Mutter geht mit ihrer Tochter in den Wald. Nur eine kehrt zurück.

Immer alles nie (mehr)

Lina ist wütend. Sie ist wütend, weil die Sonne scheint und sie ihr Lieblingsshirt verschwitzt. Ich rieche es, den Geruch der Pubertät, den jede Art von Deo, Parfüm und Duschgel nur kurz zu überdecken vermag. Sie wird duschen. Das zweite Mal an diesem Tag. Meine Tochter ist wütend, weil im Fernsehen junge Frauen gezeigt werden, die sich eine Karriere als Model erhoffen. In der Sendung werden sie die Mädchen genannt. Vor dem Fernsehen heißen sie die Zicke, die Blonde, die Dumme, die Inderin oder die Dicke. Es stimmt, die Zicke nervt. Die Blonde ist blond. Die Dumme ist blöd. Die Inderin, die Deutsche ist, besitzt indische Wurzeln. Aber die Dicke ist nicht dick. Sie ist normal, sagt meine Tochter. Recht hat sie. Aber das Mädchen sieht neben ihren Mitstreiterinnen wie eine Kugelstoßerin unter Primaballerinen aus. Eine Kugelstoßerin mit Beautygesicht. Mein BMI ist noch in Ordnung, erklärt meine Tochter und betont das Wort noch. In der Schule haben sie ihren Bodymassindex errechnet. Sie lag im Normalbereich, dort, wo auch das vermeintlich dicke Nachwuchsmodel zu finden ist. Wenn ich nicht aufpasse, sagt Lina, steigt mein BMI. Der Wert ist bereits grenzwertig. Eben war er noch im Normalbereich, erkläre ich. Den Einwand lässt sie nicht gelten. Du nimmst mich nicht ernst, schimpft sie. Ich werde fett, aber dich interessiert es nicht. Dass ich das weder gesagt, noch gemeint habe, muss ich nicht erklären, sie hört mir nicht zu. Ich bin zu fett, jammert sie jetzt. Dauernd habe ich Hunger! Ich habe heute viel zu viel gegessen. Das stimmt doch gar nicht, wehre ich ab. Schon wieder, schreit sie, schon wieder nimmst du mich nicht ernst! Du weißt doch gar nicht, was ich in mich hineinstopfe! Wenn du wüsstest! Ich hole tief Luft und schweige. Das Brot, das du mir in die Schule mitgibst, ist einfach nur eklig. Da ist Butter drauf. Und weißt du, wie viele Kalorien dieser französische Käse besitzt? Da könntest du mir auch gleich eine Tafel Schokolade einpacken. Ich esse das nur, weil ich Hunger habe und du mir nichts Gesundes mitgibst. Kümmere dich um dein Frühstück demnächst selbst, denke ich, frage aber dann: Was möchtest du stattdessen? Rohkost, sagt sie, Paprika und Gurke, vielleicht einen Fruchtsmoothie. Etwas mit wenig Kalorien. Ich nicke und versuche, ihrem anfriffslustigen Blick standzuhalten. Du musst mich gar nicht so angucken, blafft sie mich an, ich weiß, dass du das sowieso nicht machst. Morgen habe ich wieder ein 1000 Kalorienbrot im Rucksack. Du tust nur so, als ob du mich verstehst. Ich überlege, wie ich die Situation retten kann, aber alles, was ich sage, wird gegen mich verwendet. Wenn ich mich dieser Diskussion weiter aussetze, verliere ich die Nerven. Ein Ablenkungsmanöver muss her, eine dringende Aufgabe, die mich hier wegruft. Rückzug, denke ich, Flucht.
Und Marie, fährt sie fort, holt sich in der Pause immer Milchshakes oder Sprite und später dann Nudeln. Immer, frage ich skeptisch nach. Immer, brüllt sie, und wenn ich das sehe, habe ich Hunger. Manchmal gibt sie mir etwas ab. Warum lässt der Lehrer euch den Bodymassindex ermitteln, wenn die Schule kein vernünftiges Essen anbietet. Softdrinks, Zuckerriegel, Nudeln, Schnitzelbrötchen. Ich sollte das beim Elternabend ansprechen. Wenn du das tust, kille ich dich, sie funkelt mich böse an, du bist so peinlich, wenn das rauskommt, dass du gegen die Cafeteria bist, fällt das auf mich zurück. Alle gehen dahin. Alle, überlege ich und stelle mir vor, wie die vielen Pubertiere in langen Schlangen anstehen, immer. Sie drängeln und schubsen und schwitzen für ein Schnitzel im Brötchen auf die Hand.
Ich könnte ihr jetzt die Kalorien eines Schnitzelbrötchens vorrechnen. Wie wenig Vitamine sich darin finden und wie viele Kohlenhydrate. Aber wenn ich mich weiter auf diese Scheindebatte einlasse, wecke ich den Verdacht, sie sei so, wie sie ist, doch nicht okay. Also schweige ich. Sie darf essen, was sie will. Aber nimmt sie nicht wirklich viel zu viel zu sich? Sie isst in der Schule das, was ich ihr mitgebe, schnorrt sich dann weitere Mahlzeiten, kommt nach Hause und wir essen alle gemeinsam, abends wird oft noch irgendetwas in den Ofen geschoben, vorzugsweise Fertigpizza. Und dann sind da noch die obligatorischen Süßigkeiten. Sie kann meine Gedanken lesen. Und dann der Süßkram, sagt sie, als wäre ich daran Schuld, dass sie Nussschokolade vertilgt wie andere ein Sandwich. Du darfst das nicht mehr kaufen! Nie mehr, schiebt sie hinterher. Sie wirkt verzweifelt. Das ist nicht in Ordnung, dass unsere Vorratshaltung auch Schokoriegel, Fruchtgummi und Mäusespeck beinhaltet, gebe ich zu. Sie lässt mir den ironischen Unterton durchgehen. Darum habe ich Pickel, sagt sie ernst. Warum muss gerade ich so viele Pickel haben? Niemand in meiner Klasse hat so viele Krater im Gesicht wie ich. Ihr Gesicht ist ebenmäßig und schön, etwas blass und ja, in der T-Zone finden sich ein paar Mitesser. Die Mädchen im Fernsehen haben auch Pickel, antworte ich, das ist ganz normal. Irgendwann wird es besser. Irgendwann, ruft sie. Wenn ich so alt bin wie du und mein Leben quasi vorbei ist? Mein Leben ist vorbei? Ich muss noch eine Retoure zur Post bringen, sage ich und will verschwinden. Nie kümmerst du dich um mich, motzt sie. Mir reicht es.

Was willst du eigentlich von mir? Dass du mit mir joggen gehst. Diese Art von Themenwechsel sind typisch für sie. Eben geht noch die Welt unter und im nächsten Moment zeigt sie mir ein paar Tunrschuhe im Netz, die sie gerne haben möchte. Wenn ich jetzt laufe, trainiere ich dein Frühstücksbrot ab. Das Brot ist sicher das kleinste Kalorienübel, denke ich und verdrehe die Augen. Ich hasse das, wenn du mich so ansiehst, blafft sie mich an. Ich gebe nach. Sie könnte auch ohne mich joggen gehen, aber ich möchte nicht, dass sie allein im Wald unterwegs ist. Letzte Woche wurde im Schilf am See eine tote Studentin gefunden. Lina selbst hat mir die online Nachricht vorgelesen. Über die Hintergründe gibt es noch keine weiteren Erkenntnisse. Die Nachricht verbreitete sich innerhalb von Sekunden in ihrem Klassenchat. Wie aufregend! Eine Tote? Hier? Aber bereits am nächsten Tag war das Interesse verflogen. Ich warte auf einen abschließenden Bericht in der Zeitung, aber es kommt nichts. Lina ist das egal. Innerhalb weniger Minuten steht sie in Sportkleidung vor mir. Sie trägt eine Leggings mit neongelben Streifen. Das schwarze Sweatshirt hängt ihr bis zu den Kniekehlen. Ist das nicht zu warm, frage ich. Sie sieht mich an, als wäre ich senil. Beeil dich. Und schon ist sie in den Turnschuhen und draußen vor der Tür. Wir sind noch nie zusammen gelaufen, sagt sie. Das können wir gern öfter tun, schlage ich vor, das tut mir auch gut. Sie setzt den Kopfhörer auf und rennt los. Den Rest des Weges werde ich sie nur von hinten sehen. Ich bin nicht in Form. Immer wieder bleibe ich stehen und gehe ein paar Schritte. Auch sie macht Pausen, aber wenn sie sich wieder in Bewegung setzt, ist sie schnell. Manchmal sieht sie sich um, als vergewissere sie sich, dass sie mich auf Abstand hält. So hatte ich mir das nicht vorgestellt. An der Badestelle am See erwartet sie mich. Sie sitzt auf einer Bank und sieht mich nicht an, als ich mich neben sie fallen lasse. Langsam beruhigt sich mein Atem. Es ist schön hier. Wasser, Wald, Bäume, ein paar Tiere und eine Sonne, die zwar schon tief steht, aber einen warmen Schein in unsere Richtung schickt. Siehst du den Schwan dort hinten, frage ich. Sie versteht mich nicht. Die Musik. Ich deute auf ihre Kopfhörer. Sie zieht eine der gepolsterten Muscheln etwas zur Seite und sieht mich fragend an. Ich deute auf den Schwan. Ich sehe nichts, antwortet sie, ich habe meine Brille doch gar nicht auf. Die Unterhaltung ist beendet und das Ohrkissen wieder an Ort und Stelle. Also genieße ich schweigend den Ausblick. Niemand, der mit seinem Boot tiefe Furchen ins Wasser zieht. Die Oberfläche glänzt wie poliertes Glas, auf de´+ sich die Wolken spiegeln.
Nachmittags treffe ich hier auf Fahrradfahrer, Jogger, Familien, Kinderwagen, Hundebesitzer, Rentner. Das Ufer ist dann so belebt wie der See, auf dem die Boote fahren und Ruderer in unterschiedlichsten Anordnungen ihre Ausdauer trainieren. Lina erhebt sich, richtet ihre Kleidung, justiert ihre Kopfhörer und sagt, dass sie vorlaufe. Aber nur bis zur Teerstraße, antworte ich. Sie nickt. Und weg ist sie. Ich seufze. Wenn ich sie nicht verlieren will, muss ich mich beeilen. Ihr Pferdeschwanz wippt hin und her. Sie taucht zwischen den Bäumen auf und ihr blondes Haar glänzt für eine Sekunde im Licht der Abendsonne. Dann verschwindet sie. Der Weg schlängelt sich zwischen hohen Bäumen am Ufer entlang. Rechts das Wasser, links der Wald. An der Teerstraße bleibe ich stehen und sehe mich um. Sie ist nicht da. Eine Kreuzung. Von hier aus kann man dem Pfad am See folgen. Diesen Weg mag sie nicht. Sie findet ihn gruselig, weil er von den Mauerresten einer alten Villa gesäumt ist. Der Teerweg teilt die Seeuferseite vom Wald. Folgt man dieser Straße, gelangt man schnell wieder in die Stadt. Überquert man sie und wählt stattdessen den Weg in den Wald, läuft man eine Schleife. Ich mag diesen Abschnitt, aber es ist spät. Noch nicht dunkel, aber fast acht. Mehr als einmal bin ich auf diesem Teil des Weges Wildschweinen begegnet. Darauf habe ich keine Lust. Lina, rufe ich. Lina! Natürlich hört sie mich nicht. Sie hat ihre Musik auf den Ohren. Ob sie wenigstens ausreichend sieht? Wohl kaum. Ihre Brille setzt sie nicht gern auf, Kontaktlinsen bereiten ihr Probleme. Auf dem einen Augen sind es minus 3,25 Dioptrin. Sie würde das Wildschwein noch nicht einmal erkennen, wenn es auf sie zugejagt käme. Unter dem alten Laub raschelt es. Knackende Zweige. Ich starre ins Unterholz. Eine Maus huscht knapp an meinem Schuh vorbei. Ich springe zur Seite. Trotz der vielen Bäume befinden wir uns mitten in der Stadt, ein Naturschutzgebiet von mehreren Kilometern. Und da habe ich Angst vor Mäusen? Oder vor Krähen, die im Gebüsch nach Essbarem suchen. Zum Glück gibt es Smartphones. Lina hat mir bereits eine Textnachricht geschickt. Immerhin, sage ich mir, sie hat mich nicht ganz vergessen. Laufe vor, treffen uns zu Hause, schreibt sie. Mir reicht es. Nie macht sie, was ich sage. Warum kann sie sich nicht an Absprachen halten? Warum bin ich überhaupt hier, wenn sie lieber allein läuft? Ich rufe sie an. Sie ist sofort dran. Wo bist du, blaffe ich, warte auf mich! Warum, mault sie, ich bin schon fast zu Hause. Wo bist du denn? Bei den Holzstapeln. Während ich rede, laufe ich den Pfad entlang. Der Waldboden klingt dumpf unter meinen Schuhen. Die Sportsohle federt meine Schritte ab. Immerhin, es läuft sich hier viel besser als auf dem Asphalt. Langsam kommen die gefällten Baumstämme in Sicht. Rechts und links türmen sie sich auf. Das ist die offizielle Waldtoilette. Hinter den Holzstapeln liegen Taschentücher und Scheißhaufen und anderer Müll. Ich sehe sie. Lina steht in einiger Entfernung auf dem Weg, das Smartphone in der Hand. Sie dreht sich um und sieht mich. Ich bin kein Baby mehr, ruft sie. Aber du sollst nicht allein laufen. Du bist doch da, sagt sie trotzig. Sie beendet das Gespräch und ich brülle ihr hinterher, sie solle auf mich warten. Sie läuft und läuft. Und auch ich setze mich in Bewegung. Dieses Mal schneller. Mein rechtes Knie schmerzt. Das ist der Grund, warum ich vom Joggen zum Walken übergegangen bin. Der Schmerz mahnt mich, es nicht zu übertreiben, aber Lina ist schon wieder verschwunden. Der Weg beschreibt eine lange Kurve und trifft auf einen anderen Waldweg, auf dem Lina hoffentlich rechts abbiegt in Richtung Zentrum. Ich beiße die Zähne zusammen und schalte einen Gang höher. Mein Gesicht glüht. Rote Tomate, nannte man mich früher im Sportunterricht. Schweiß rinnt mir von den Haaransätzen in den Nacken. Ich sehe ihr langes schwarzes Sweatshirt. Oder bilde ich mir das nur ein? Der Wald ist voller Schatten. An manchen Stellen wirkt er undurchdringlich, dabei ist man sehr schnell am See, am Gasthaus oder am Parkplatz. Dahinter liegt der Spielplatz. Eine Abenteuerrutsche. Eine Skaterbahn. Tennisplätze. Dort ist immer Betrieb. Lina wird die Abkürzung quer über den Rasen der Parkanlage wählen. Von dort ist sie in fünf Minuten zu Hause. Als ich meine Schritte auf den Fußgängerweg im Park lenke und der See mich noch einmal ein Stück begleitet, werde ich ruhiger. Und langsamer. Mein Herzschlag beruhigt sich. Ich weiche einem Fahrradfahrer aus. Eine Mutter schiebt einen Kinderwagen mit einem schreienden Säugling. Ich bin froh, dass Lina kein Baby mehr ist. Die Pubertät ist auch nur eine Phase. Lina und ich haben auch gute Tage. Es ist nicht alles immer so anstrengend. Ich spreche mir Mut zu. Lina braucht Freiheit. Vielleicht kontrolliere ich sie zu sehr. Warum nagt nur ständig diese Angst an mir? Woher kommt das? Ich war doch auch nicht anders, als ich jung war. Was habe ich mir herausgenommen! Nachts alleine nach Hause laufen, kilometerweit, kein Problem. Per Anhalter fahren, warum nicht? Den Eltern Bescheid geben? Wie denn? Telefonzellen waren gerade dann nicht in der Nähe, wenn man sie brauchte, oder der Hörer war abgeschnitten oder das Kleingeld fehlte. Habe ich je einen Gedanken daran verschwendet, dass meine Mutter aus Sorge um mich nicht schlafen konnte? Nie. Im Gegensatz zu heute war ich als Teenager kein bisschen ängstlich. Lina ist mir viel ähnlicher, als mir bewusst ist.
Ich schließe die Tür auf, streife meine Schuhe ab und lasse mich auf den nächstbesten Küchenstuhl fallen. Du bist ja gut in Form, sagt Gustav. Überhaupt nicht, lache ich, Lina hat mich gnadenlos abgehängt. Ich bin ein altes Mütterlein. Und wo ist Lina jetzt? Er sieht mich an. Ich verstehe nicht. Ist sie nicht hier? Nein. Sie war doch vor mir. Sie wollte nach Hause laufen. Sie ist nicht da. Ich habe sie doch noch gesehen, stammle ich. Hier ist sie nicht. Vielleicht hat sie noch einen Umweg gemacht? Oder sie hat jemanden getroffen. Nein. Sie hat sich versteckt vor mir, damit ich mir Sorgen mache. Sie will mir eine Lektion erteilen, weil ich mich nie um sie kümmere. Sie will mir Angst machen. Mir platzt der Kragen. Diese blöde Kuh, sage ich, warum macht sie das? Warum? Mein Anruf landet auf ihrer Mailbox. Sie geht nicht ran.

Ich rufe mir in Erinnerung, was sie anhatte. Schon verschwimmt ihr Bild vor meinen Augen. Es ist Mittwochabend. 20.36 Uhr. Und es ist das letzte Mal, dass ich sie gesehen habe.

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