Auge um Auge, Zahn um Zahn

Nemesis ist die Göttin der Rache. Es ist keine blinde Rachsucht, die sie antreibt, sondern der Zorn über die Ungerechtigkeit in der Welt. Dort, wo Unrecht herrscht und ungestraft bleibt, stellt sie Gerechtigkeit wieder her. Staatsanwältin C. J. hat sich genau dieser Sache verschrieben: Dort für Gerechtigkeit zu sorgen, wo niemand sonst dazu in der Lage ist. Und so operiert sie im Geheimen, nicht als Staatsanwältin, die ihre Fälle auf dem Boden des Strafgesetzbuches verhandeln muss, sondern als Killerin. Im Verborgenen jagt sie eine Bande von Verbrechern, die viel Geld dafür bezahlen, live bei einer Vergewaltigung und anschließendem Mord beizuwohnen. Kränker geht es ja auch nicht mehr. C. J. hat es auf den gesellschaftlichen Abschaum abgesehen, der aber – leider – sehr einflussreich und vermögend und sehr schwer zu fassen ist.

Mit Nemesis ist mir seit langem wieder einmal ein Thriller in die Hände gefallen. Jilliane Hoffman hatte ich etwas aus den Augen verloren. Ihr Erstling Cupido habe ich vor mehr als zehn Jahren gelesen (veröffentlicht 2004) – und ohne den Inhalt jetzt noch wiedergeben zu können, habe ich den Thriller wohl als gut abgespeichert. Er ist auch gut. Geschrieben ist er wie so viele andere amerikanische Thrillerbestseller, z.B. die von Kathy Reichs. Irgendwie weiß man genau, was man bekommt: den besonderen Thrill (wie die Opfer „rekrutiert“ werden, ist Gänsehaut pur!), Drama, einen schwer zu fassenden Serienkiller, eine starke Protagonistin, die privat in den Fall verstrickt wird…  und natürlich ist die Autorin vom Fach, was man ihrem profunden Wissen in Ermittlungsdingen anmerkt, denn Jilliane Hoffmann war selbst als Staatsanwältin in Florida tätig. Eine Runde Sache also.

Und dann ist da noch die Sache mit den Frauen:

Frauen sind in der Geschichte einerseits Opfer: Sie erscheinen recht oberflächlich und gehen aalglatten Schönlingen auf den Leim, die ihnen die Welt versprechen. Ihre Leichtgläubigkeit bezahlen sie mit dem Leben. Auf der anderen Seite gibt es auch starke, kämpferische Frauen, die sich buchstäblich die Hände schmutzig machen und zu Tätern werden. Über allen anderen erhaben: Nemesis, die Göttin. – Ok.

Allein zwei Dinge stören mich: Wie leicht war es für C. J. die Männer zu überraschen und umzubringen. Wie wenig Gegenwehr gab es. Und wie viel Glück und Fügung waren da im Spiel. Das große Finale, in der es für sie als Person noch einmal brenzlig werden könnte, blieb aus. Dafür würde sich für mich hier nahtlos eine nächste Geschichte anschließen (genug gespoilert…).

Die andere Sache betrifft die oft in amerikanischen Geschichten gerittene Vorstellung der Selbstjustiz. Jilliane Hoffmans Figuren sinnen auf Rache, um ihren Seelenfrieden wiederherzustellen. Die Täter müssen bestraft werden – und zwar nach dem Motto „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Das bedeutet in diesem Fall: ein Leben für ein anderes. Diese Vorstellung von Vergeltung durch Blutvergießen kennt man auch aus sogennannten revenge movies: z.B. Kill Bill, Django Unchained – und natürlich John Wick, der gerade mal wieder in den Kinos für Blutvergießen sorgt. Gut gegen Böse. Der Zweck heiligt die Mittel. Für Nemesis hätte es durchaus noch etwas dazwischen geben können. Dass das Töten an C. J. Psyche nicht einfach so vorbeigeht, lässt die Autorin wenigstens hin und wieder erkennen. Dennoch: C. J. wird kurzzeitig zu Nemesis, um am Ende wieder (sehr fröhlich) C. J. zu sein.

Die von Hoffman zitierte Redensart „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ geht aufs Alte Testament zurück. Jesus wird später sagen, dass sich diese Praxis überholt hat. Für ihn heißt es:  Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, halt ihm auch die andere hin (Mt 5). Radikale Feindesliebe ist schon ziemlich krass und das andere Extrem. Wir sind nicht Jesus. Wir sind nicht Gandhi. Und auch keine Mutter Theresa. Schon klar. Vergeltung verschafft vielleicht kurz eine Art Erleichterung, die Trauer und den Verlust macht sie nicht ungeschehen. Sorry für das Wort zum Sonntag! Vielleicht ticke ich hier an der Stelle einfach anders. Ich habe es eben gern, wenn Mörder sich öffentlich vor dem Gesetz verantworten müssen. Dass eine Staatsanwältin keine Rechtsmittel mehr hat und zur Killerin werden muss, ist eine Bankrotterklärung des Rechtssystems.

Zur Verlagsseite vom Rowohlt Verlag mit allen Büchern von Jilliane Hoffman

 

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