Sprachverwirrung

Ich weiß: Jedes Buch, das man liest, stellt eine persönliche Auswahl dar. Man entscheidet nach Geschmack, Interesse, Vorlieben… Mein Blog zeigt, dass ich querbeet unterwegs bin. Oft folge ich auch interessanten Rezensionen über Neuerscheinungen. So bin ich auch zu diesem Werk gekommen. Ich habe im Februar eine Rezension in der FAZ über Babel gelesen und – ohne weiter darüber nachzudenken – das Buch gekauft. Den Roman Babel habe ich bis jetzt nicht beendet. Soviel vorab.

Kenah Cusanit erzählt aus dem Leben eines der „letzten Universalgelehrten“: Robert Koldewey (1855-1925). Koldewey ist im Auftrag Kaiser Wilhelms II.  mit den Ausgrabungen des alten Babylon betraut. 18 Jahre wird dieses Projekt in Anspruch nehmen. Koldewey geht dabei akribisch genau vor. Sein Wirken und Arbeiten ist verknüpft mit den politischen Veränderungen seiner Zeit und der Frage: Wer hat das Sagen in der Welt? Deutschland, England oder Frankreich? Kenah Cusanit beschränkt sich in ihrem Roman auf einen Tag aus dem Leben Koldeweys im Jahr 1913. In den Roman fließen Briefe, Notizen, Aufzeichnungen unterschiedlicher Art, so wird zum Beispiel eine komplette Liste der Arbeiter, die an der Ausgrabung beteiligt sind, auf mehreren Buchseiten abgedruckt.

Der Roman Babel wurde in den Feuilletons hoch und runter gelobt. Es sei DAS Debüt. Ich habe sofort Lust gehabt, die Geschichte zu lesen – und zwar aus mehreren Gründen: Mit Babel und Mesopotamien (und dem Gilgamesch-Epos) habe ich mich früher – zu Studienzeiten –  beschäftigt und noch heute stehe ich jedes Mal staunend vor dem Ischtartor im Pergamonmuseum – vor seiner Farbigkeit, der Intensität, die es ausstrahlt, der reichen Detailarbeit. Dieses Relikt einer untergegangenen Hochkultur zu betrachten, weckt meine Sinne – und meine Neugier. Die Frage, auf welchem Wege Ausgrabungsgegenstände aus dem Zweistromland nach Deutschland gefunden haben, beschäftigt immer mal wieder die öffentliche Debatte. Stichwort: Koloniale Raubkunst. Wem gehört das, was deutsche Archäologen vor 100 Jahren im Auftrag des deutschen Kaisers gesucht, gefunden und ausgegraben haben? – –

Wenn Cusanit vom Ischtartor spricht, klingt das so:

„Koldewey wollte sich im Schatten des Ischtartores einen Platz suchen, um sich hinzusetzen und endlich den letzten Brief an Andrae zu stenographieren, wie er es mit allen Briefen tat, die er schrieb. Über das Tor hinaus zog sich die Straße etwa einen Kilometer lang, bis sie in der Nähe von Turm und Esagila rechts um die Ecke bog. Jetzt, da er im Schatten der Relieftiere innehielt und ihm auffiel, dass neben den Löwen und Stieren auch der flugfähige Drache mit seinen Adlerhinterbeinen auf das Symbol eines Evangelisten wies, es zumindest im Kern schon enthielt, kam es ihm vor, als machte es überhaupt keinen Sinn weiterzugehen, als käme er sowieso nie an, egal wie schnell und wie weit er ginge, als schiene das, wohin auch immer er unterwegs war, gar nicht in der Zukunft zu liegen.“

Flugfähige Drachen? – Also, ich werde mit dieser Sprache nicht warm. Verwirrung statt Verständnis. Viele Details statt einem roten Faden.

Dabei verspricht mir der Klappentext eine „Ideen-, Abenteuer- und Zeitgeschichte“ – eine fesselnde Handlung, die einen in seinen Bann zieht, nicht mehr loslässt, gar einen Spannungsboden verfolgt, konnte ich nicht erkennen. HIer bekommt man, was das Cover verspricht: eine recht spröde, trockene Erzählung um den Wissenschaftler Koldewey, mit beeindruckender Sachkenntnis und Faktenvielfalt geschrieben, gut geeignet für den Unibetrieb. Ich habe den Roman erst einmal zur Seite gelegt.

Kenah Cusanit: Babel, Hanser Verlag, Januar 2019, 272 Seiten.

Deutschlandfunkkultur: Der Mann, der Babylon ausgrub.

Deutschlandfunkkultur: Debatte um Raubkunst – Endlich auf Augenhöhe

NDR Buchrezension zu Babel

ZDF Expedition: Mythos Babylon

Spiegel online: Babylon in Berlin

Rezension zu BABEL von Anne Haeming, Spiegel online

Die Süddeutsche Zeitung zum Streit um die Rückgabe alter Kunst

 

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