Hahn und Hühnchen

Es ist mal wieder Short-Story-Time… hatte ich erwähnt, dass ich ein großer Fan von Roald Dahls Küßchen, Küßchen bin? Habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr zur Hand genommen. Ich werde das ändern und davon berichten… Vorher geht es bei um:

Hahn und Hühnchen

„Ich bin ein Huhn!“
Elizabet steht vor dem Spiegel. „Ein altes Huhn mit einem welken Lappen unterm Kinn!“ In der linken Hand hält sie das Smartphone, die rechte Hand streicht über ihren Hals.
„Was ist das?“ Sie zieht an der Falte unter ihrem Kinn. „Wo kommt das her?“ Sie dreht sich ins Profil. „Seit wann hängt das so?“ Sie streckt ihren Hals und fixiert einen der Deckenspots. „Nein, ich schicke dir kein Foto davon!“ Sie fährt mit den perfekt manikürten Fingerspitzen hinunter bis zur Kuhle des Schlüsselbeins und wieder hinauf zum Kinn. Dort spürt sie ein einzelnes, dunkles Haar auf, das da nicht hingehört. „Vielleicht hilft eine straffende Creme?“ Sie greift nach der Pinzette auf der Ablage.
„Oder ein Öl?“ Für eine Sekunde kommt ihr Rizinusöl in den Sinn, verwirft es aber wieder. Sie beugt sich näher an den Spiegel, fixiert das Haar und reißt es aus. „Ich muss Schluss machen. Bis später, Jürgen. Bussi!“
Elizabet zieht Google zu Rate. Mit einem Finger tippt sie umständlich die Worte faltiger Hals ein und bekommt prompt Bilder der Kehllappen eines Huhns angezeigt. Sie scrollt mit dem Finger weiter und stößt auf ein Angebot:
Starterset. Silikonsoftpad, Hyaluron, Massagebürstchen. Mit einem Click hat Elizabet die Waren in den Einkaufskorb gelegt und mit dem nächsten Click ist es bezahlt.
Ihren Makel verdeckt sie mit einem Halstuch. Sie benötigt eine Weile, bis die üppigen Stickereien und der Paillettenstern gebührend zur Geltung kommen. Der Designername steht auf einem der Zipfel, die rechts und links herabhängen. Sie hat es im letzten Urlaub erstanden. Elizabet gönnt sich auf all ihren Reisen kostbare Kleinigkeiten. Das nächste Abenteuer wartet bereits: Von Port au-Prince über Santiago de Cuba fliegt sie nach Mexico City. In 52 Tagen ist es soweit. Das Paradies möchte sie so bereisen, wie sie sich fühlt: jung. Sie wird den Professor nach einer Lösung fragen. Ein straffer Hals muss her. Ein letzter Blick in den Spiegel. So kann sie sich aus dem Zimmer wagen. Was bedeutet Erfolg, wenn man ihn nicht sieht? Und sie denkt dabei nicht an den teuren Tand, mit dem sie sich behängt.

Unter ihren Händen wuchs aus dem Nichts ein Imperium: Ein Geschäft mit der Schönheit, die auf dem Kopf beginnt. Mit ihren Frisörläden Chez Liz hat sie den Ruhrpott erobert. So schwer war das nicht. Das Gebiet zwischen Emscher und Ruhr gleicht einem dicht gewebten Teppich: Eine Stadt geht in die nächste über. Also zog sie von Herne nach Gelsenkirchen und weiter nach Bottrop und Oberhausen. In jeder Stadt erst einen, dann zwei, dann drei Läden. Wer viel hat, dem wird viel gegeben. Steht das nicht in der Bibel? Jürgen sagt: Wenn es läuft, läuft es, da kann man nichts machen, woll?
Elizabet kennt den Weg. Sie geht zügig. Der Chefarzt empfängt sie in einem Neubau gegenüber der Klinik. In ihrem Aufnahmebogen hat sie angegeben, dass sie Unternehmerin sei. Niemals hätte sie ihren erlernten Beruf eingetragen: Frisörin. Dabei schwelgen ihre Gedanken immer wieder in der Vergangenheit, wenn sie sie lässt.

Waschen, Schneiden, Föhnen – ohne Termin? Bei Liz ist man willkommen. Jederzeit. Rund um die Uhr. Den Frisörsonntag kennt sie nicht. Sie setzt auf Service. Die Kundinnen werden nicht nur mit Cappuccino in Empfang genommen. Stets wird ihnen dazu eine feine Praline auf einem Porzellantellerchen gereicht. Und während sie sich belgischen Trüffel auf der Zunge zergehen lassen, schließen sie die Augen. Denn Peggy, Katy, Dodo oder Beat stehen schon bereit, um ihnen die Hände zu massieren. Ein Service des Hauses. Der Alltag wird ihnen sanft aus den Fingerspitzen gestrichen. Und der Duft nach Lavendel lässt sie an einen Wellnessaufenthalt denken und vertreibt den scharfen Geruch der Blondierungsmittel. Der Anfang muss gelingen.
Elizabet glaubt daran. So vorbereitet schnurren ihre Kundinnen wie Kätzchen, die sich weitere Streicheleinheiten erhoffen. Gelassen sehen sie den kleinen oder größeren Veränderungen auf ihrem Kopf entgegen.
Wer bei Liz arbeiten will, muss flexibel sein, nicht nur im Umgang mit den Kundinnen. Nach all den Jahren fühlt sich Elizabet wie eine gewiefte Puffmutter: Sie lässt die jungen Dinger für sich anschaffen. Gibt ihnen gerade mal Mindestlohn. Verspricht ihnen dafür eine Beteiligung an jedem Pflegeprodukt, das sie verkaufen. Und sie verkaufen ordentlich. Doch irgendwann ziehen sie weiter. Die Guten finden überall einen Job. Aus den Schlechten holt sie das Beste heraus, danach ist es gut, wenn sie freiwillig gehen. Die nächsten warten schon.

Sie wird Chez Liz abgeben. Auch die Rechte an ihrem Wundermittel verkauft sie. Die Verträge sind unterzeichnet. Das Geld ist auf dem Weg nach Luxemburg. Eine Frage von Tagen. Timing ist wichtig. Darüber sprechen möchte sie erst, wenn das Firmenjubiläum ansteht. Sechs Wochen sind es bis dahin. 49 Tage. Das Handwerk hat sich verändert. Pixie Cut, Sleek Bob oder Calligraphy Cut. Konnte sie noch mit der Schere umgehen? Ihre Jaguar aus geschmiedetem Stahl ziert eine Vitrine in ihrem Büro. Sie macht den Anschein eines teuren Exponats. Dabei sieht das Werkzeug selbst unscheinbar aus. Auf dem extra angefertigten Samtkissen ist es kaum zu erkennen. Obwohl sie sie regelmäßig schleifen lässt, hat Elizabet ihre Meisterschere seit fast 30 Jahren nicht benutzt, auch nicht privat – schon gar nicht privat. Sie besitzt kaum ein Haar auf dem Kopf. Sie leidet unter erblich bedingtem Haarausfall. Nur sehr wenige Menschen in ihrer engsten Umgebung wissen das. Und sogar Jürgen sieht sie selten ohne ihre Perücke. Die langen hellblonden Haare liegen dicht wie ein Vorhang auf ihrem Rücken und glänzen wie Seide, ohne den Anschein zu erwecken, sie seien nicht echt. Sie sind echt, nur eben nicht ihr eigenes Haar.
Was hatte sie nicht alles versucht, um den Kahlschlag auf ihrem Haupt aufzuhalten. Sie seufzt, so als befinde sie sich nicht allein mit sich und ihren Gedanken, sondern in einer ihrer Therapiesitzungen bei Ferdinand Ernst.

Elizabet betritt den Hof. Eine Windböe bläst ihr um die Ohren, wirbelt ihr Haar durcheinander. Sie streicht sie wieder glatt. Dann rückt sie den Zipfel ihres Tuches zurecht. Der Herbst kündigt sich an. Ein Gärtner hat unter den Bäumen Laub zusammengerecht. Der Wind treibt die Blätter zurück auf die Pflastersteine. Elizabet trägt nur leichte Ballerina, aber sie friert nicht. In ihr lodert eine Hitze, und ihr wird heißer, je mehr sie versucht, diese zu kontrollieren. Sie wird mit roten Wangen vor dem Professor stehen. Sie fühlt sich ihm nicht ebenbürtig. Natürlich ist sie das nicht, das ist klar. Ihr Gefühl bezieht sich auf ihre Haare. Sie ist deformiert, angeschlagen, sie entspricht nicht dem Idealbild, das sie selbst von einer schönen Frau hat und das der Professor sicher teilt. Er, der die Schönheit studiert hat und sie dort, wo sie fehlt, schenkt. Er wird sie ansehen und dann? Elizabet sucht nach der richtigen Empfindung. Wird er sie bemitleiden? Oder spöttisch belächeln?
Sie hat alles getan. Kosten hat sie nie gescheut, auch nicht die Schmerzen. Verpflanzung, Akupunktur, Spritzentherapie. Im Nachhinein weiß sie, dass sie es ihrem speziellen Problem verdankt, dass sie heute sorglos leben kann. Sie war immer auf der Suche nach etwas, das hier Abhilfe schafft. Sie ist fündig geworden, aber anders als erwartet: Geld lindert Leiden. Doch vom Haareschneiden wird man nicht reich, egal, wie wenig man den Angestellten bezahlt oder wo man bei der Abrechnung trickst. Erst ihr Magic-Hair-Elixier erfüllt ihre Träume. Auch wenn sie nach einem zermürbenden Rechtsstreit das Prädikat „bio“ abgeben musste: Ihr Elixier versorgt die Kopfhaut mit Nährstoffen, damit die Haarwurzeln nicht absterben. Es hilft, wenn man es früh genug einsetzt. Es bringt die Haare nicht zurück, wenn sie ausgefallen sind. Leider.
Als besondere Ingredienz bestand sie auf Rizinusöl. In ihrer Handtasche trägt sie immer ein kleines Fläschchen davon bei sich. Rizinusöl gehört zum festen Bestandteil ihres Haushalts. Das hat sie sich von ihrer Mutter Anna abgeschaut. Verstopfung oder Magenprobleme? Rizinusöl. Eine Schürfwunde? Rizinusöl. Eine Warze? Tiefe Schrunden? Rizinusöl. Nur in Verbindung mit Haaren hatte ihre Mutter es nie benutzt, was – davon war sie überzeugt – ein Fehler gewesen war.

Elizabet denkt oft, dass sie das Leben ihrer Mutter weiterführt. Anna, eine kleine rundliche Frau mit Kittelschürze, die die dünnen Haare unter einem Tuch versteckt. Sie frisiert die halbe Nachbarschaft in ihrer Küche. Sie schneidet guten Bekannten die Haare und den Bekannten der Bekannten. Deren Haare wäscht sie über dem Spülbecken in der Küche, dort, wo sie später wieder die Kartoffeln bürstet oder den Abwasch macht. Sie wickelt Strähne für Strähne auf. Dann geht es unter die Wärmehaube, ein klappriges Ding aus zweiter Hand. Elizabet passt auf, dass nichts passiert, wenn die Mutter aus dem Zimmer geht. Manchmal fällt das Gebläse aus, die Drähte überhitzen. Bevor es nach angekokeltem Haar riecht, muss Elizabet den Stecker ziehen und die Mutter holen. Es ist ein Freitagnachmittag. Anna kehrt die auf dem Boden liegenden Haare zusammen. Sie bückt sich, um die Kehrschaufel zu halten und kippt nach vornüber. Sie liegt mit dem Gesicht nach unten auf dem graugefleckten Boden ihrer Küche. Sie ist tot. Elizabet ist gerade Sechzehn.

Elizabet zählt nun 56 Jahre. Und wenn ihr nur noch zwei Jahre bleiben? Dieser Gedanke befällt sie des Öfteren. Es beruhigt sie, die Zahlenkolonnen auf ihren Kontoauszügen durchzugehen. Daran zu denken, verschafft ihr Erleichterung. Geld ist die Währung, für die es Jugend zu kaufen gibt. Detox, Entgiftung, Heilfasten, Chefarztbetreuung. Sie hat es sich verdient.

Ein weißes Schild mit einem schnörkellosen schwarzen Schriftzug. Professor Doktor Viktor Malz. Die Sekretärin bittet sie, einen Moment zu warten. Die Zeit nutzt Elizabet, um die Stichworte faltiger Hals und chirurgischer Eingriff zu googeln. Mit einem Mal ist sie zu aufgeregt, um sich auf die Ergebnisse zu konzentrieren. Hätte sie doch auf das Tuch verzichtet. Sie spürt, wie die Wärme ihren Hals hinaufkriecht. Die Sekretärin taucht wieder auf und nickt ihr zu. Elizabet tritt durch die geöffnete Tür ins Arbeitszimmer des Professors. Er sitzt hinter seinem Schreibtisch, der aus einer riesigen Holzplatte besteht, die auf filigranen Stahlspitzen ruht. Ein Telefon, ein Laptop, kein Stift, keine Papiere oder Ordner. Der Tisch ist so wie der Raum, in dem er steht: groß und leer. Elizabet schluckt und spürt, wie ihr schlaffer Hautlappen den Stoff des Tuches berührt.

Viktor Malz erhebt sich, als Frau Kohut den Raum betritt. Es ist einer jener Tage, an denen er morgens die Augen aufschlägt und denkt: Das war’s. Ich höre auf. Es ist genug. Er malt sich aus, wie er mit einem Bully durch Europa fährt, sein Saxophon im Gepäck und die Musik auf voller Lautstärke. Am Ende seiner Überlegungen verlässt er das Bett. Er duscht, trinkt Espresso und steigt in seinen weißen Audi A8, der nur geleast ist – genau wie das Leben, das er führt, nur ein Leben auf Zeit ist. Auf dem Weg zur Klinik hört er The comet is coming. Dieser Elektro-Jazz-Klassik-Sound jagt ihm einen wohligen Schauer über den Rücken. Der Soundtrack seines Lebens. Verstörend und weise, beides zugleich. Töne, die aus seinem Inneren zu fließen scheinen: Because the end is really the beginning. Das düstere Intro weckt Erinnerungen an den Film, den er für ein zeitloses Meisterwerk hält. Blade Runner. Findet die Replikanten und tötet sie. Seelenlose Hüllen erschafft er auch. Er legt die Schablone der Schönheit an und korrigiert den menschlichen Makel. Abstehende Ohren? Dürfen nicht sein. Schönheitsfleck? Der kommt weg. Eine Falte zuviel? Wird gestrafft. Die Nase schief? Wird gerichtet. Ein Kind geboren und gesäugt? Für ihn bedeutet das Arbeit: Brüste polstern, Bauch verkleinern, Schamlippen straffen.
Was die Idioten nicht wissen, Schönheit kennt kein Idealmaß und die Natur keine Perfektion. Er selbst ist überzeugt, dass sich vollkommene Schönheit ausschließlich im Unperfekten zeigt. Aber er hält den Mund. Er schweigt, wenn die Kundschaft sein Zimmer betritt. Wie bei Frau Kohut. Er bittet sie hinüber zu einer kleinen Sitzgruppe. Sie nimmt Platz. Er bietet ihr ein Glas Wasser an. Frau Kohut erzählt. Er hört nicht zu. Ist es nicht immer das Gleiche? Irgendetwas stört sie an ihrem Hals. Das hat er sich gedacht. Das Tuch lenkt die Aufmerksamkeit genau auf die brisante Stelle. Sie meint, sie habe einen Hühnerlappen unterm Kinn. Er hat keine Ahnung, wie sie darauf kommt, aber die Wortschöpfung zeugt von Einbildungskraft.

Ich bin die Hure der Kosmetikindustrie, denkt er, das Krebsgeschwür der Medizin, ich bin die überflüssige Niere, die entbehrlich ist, wenn es hart auf hart kommt. Das Gefühl von heute Morgen meldet sich zurück. Er hat genug. Viktor Malz beugt sich etwas näher zu Elizabet Kohut. Er umfasst die sorgfältig drapierten Zipfel ihres Tuches und zieht daran. Er zieht fest. Und er lässt nicht mehr los.

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