Graf Zahl und die Herrschaft der Dinge

Slow living und magic cleaning sind nur zwei Schlagworte, auf die ich immer wieder stoße, vor allem in Social Media Beiträgen, die wunderhübsche – cleane – Wohnungen zeigen. Auch ich habe Marie Kondos Aufräumtricks gelesen und vom schwedischen death cleaning gehört. Ich mag es gern ordentlich. Aber wie halte ich dauerhaft das ganze Zeug, den Kram, der meine Wohnung bevölkert, in Schach?

Gedanken, die mich zu einer neuen Story verleitet haben…

Graf Zahl und die Herrschaft der Dinge

Mein Leben gleicht einer Besatzungszone.
Große und kleine Dinge,
intakte und kaputte, nützliche und völlig zweckfreie Gegenstände belagern meinen Raum,
vermehren sich,
rücken näher,
verstellen mir die Sicht und nehmen mir die Luft zum Atmen.
Eine schleichende Invasion der kleinen Kleinigkeiten, der Dinge und leblosen Gegenstände. Sie belagern meine Gedanken wie die ausrangierten Möbel auf dem Dachboden.
10.000 Dinge soll ich besitzen, behauptet eine Statistik.
Nur 10.000 Dinge?
Wie kann das sein? Hat sich Graf Zahl verrechnet?

Ich lehne mich zurück, strecke die Beine unter dem Schreibtisch aus und stoße an eine Kiste. Ein Karton Druckerpapier: 2500 Blätter. Ich rücke ein Stück mit meinem Stuhl zur Seite und stoße gegen einen Werkzeugkasten. Der Deckel ist nach hinten geklappt. Ein Aquarell liegt daneben auf dem Boden. Ich wollte es aufhängen, schon längst. Das Bild ist in etwa so groß wie ein Schulheft. Wolken über einer blauen See und ein Boot mit roten Segeln am Horizont.

Ich krame nach dem Hammer und finde eine Zange, einen Schraubenschlüssel, eine Heißklebepistole, Malerkrepp und Dübel zwischen Kabelsalat, aber keinen Hammer. Dafür stoße ich auf eine ungeöffnete Schachtel messingfarbener Nägel.
1000 kleine Bilder könnte ich damit aufhängen.
Mir gelingt es nicht einmal, dieses eine noch an die Wand zu bringen. Wo sollte es auch hin? Zwischen die unzähligen gerahmten Familienfotos? Neben die auf Leinwand gespannten Drucke, von denen sich einer fast über die ganze Wand erstreckt? Das zarte Aquarell passt weder zu den krakeligen Kinderzeichnungen, noch zu den von Firnis glänzenden Ölgemälden, Erbstücke, die ebenfalls an Ort und Stelle bleiben müssen.
Vielleicht zwischen Garderobe und Haustür – aber die vielen Jacken und Mäntel könnten die Sicht auf den kleinen Ausschnitt blassblauen Meeres verstellen. Die Entscheidung werde ich wohl vertagen.

Ich gehe ins Bad, wasche mir die Hände und greife mir ein Gästehandtuch, von einem turmhohen Stapel klein gefalteter Quadrate.
Badablagen sind immer zu klein, zu schmal, einfach unpraktisch für all das, was man vor einem Spiegel zur Hand haben möchte. Zahnseide. Wattestäbchen. Zahnpasta, Zahnbürsten. Kamm. Haargummis. Munddusche. Seife. Cremes für morgens, abends, gegen Falten, für mehr Frische. Pinzette, Nagelschere, Nagelfeile. Mascara. Der Rest der Kosmetik ist nach nebenan gewandert, ins Schlafzimmer. Ein Päckchen Pflaster liegt auf dem Rand des Waschbeckens. 50 Stück in verschiedenen Ausfertigungen, aber keines ist darunter, das für die Blase, die ich mir in den neuen Schuhen gelaufen habe, passen will.
Ich stolpere im Flur über den Fehlkauf und werfe ihn in das kleine Zimmer neben der Wohnungstür, das ich nur als die Schleuse bezeichne.

Die Schleuse dient als Zwischenlager für Turnschuhe, Joggingschuhe, Ballerina, Slipper, Sneaker, Sandalen, Gummistiefel, warme Schuhe, Badeschuhe, Wanderschuhe, neue, kaum getragene Schuhe und die Lieblingsteile, von denen sich hier niemand trennen kann, abgewetzt und runtergelaufen. Ich überschlage die Anzahl der Modelle mit dem Faktor vier, weil vier Personen in diesem Haushalt leben, korrigiere die Zahl nach unten, warum, weiß ich nicht, und komme auf 80 Paar Schuhe.

Schnell schließe ich die Tür. Ich bin froh, dass die Skischuhe, Schneeboots und Rollschuhe auf dem Dachboden lagern – ein Ort, den ich selten aufsuche. Aus den Augen, aus dem Sinn.
Ich bücke mich, greife ein Paar Filzpantoffel, die achtlos unter den Kleiderhaken liegen, und lege sie zurück in einen Weidenkorb mit Socken und Hüttenschuhen in verschiedenen Größen.

Es ist noch nicht einmal zehn und ich fühle mich ausgelaugt. Am Kühlschrank winkt mir eine Zettelflut entgegen, gehalten von lustigen Kühlschrankmagneten. Auf einem Magnet steht: Gipfel der Ordnung. Ich liebe Ordnung. Aber es ist schwer, Ordnung zu halten, wenn regelmäßig mehr Gegenstände in meine Wohnung einziehen, als sie verlassen.
Eine Ausnahme sind Nahrungsmittel. Kann man davon genug besitzen? Es verbraucht sich doch, verschwindet auf natürliche Weise. Oder es ist haltbar und lagert im Keller auf Regalen. Einzig der Verpackungsmüll bereitet mir Sorge, aber besitze ich diesen denn überhaupt? Wem gehört das Plastik?

Mir brummt der Schädel. Ich brauche Kaffee, um endlich in die Gänge zu kommen. Ich könnte die Espressomaschine anstellen, aber für eine Tasse braucht sie zehn Minuten, um aufzuheizen. Schneller ginge es mit der kleinen French-press-Kanne. Oder ich nehme die Softbrew. Die hat einen Filter. Bevor ich mich entscheide, wende ich mich erst einmal der Bohne zu. Auf zwei Regalbrettern des Küchenschranks sind die verschiedenen Sorten aufgereiht. Rote, goldene, silberne Ein-Pfund-Verpackungen italienischer Marken leuchten mir entgegen neben einer Auswahl an heimischen Röstereiprodukten in braunen Papiertüten. Ich greife mir die Packung, die bereits geöffnet ist. Das war leicht.

Die Wahl der Tasse stellt mich im Gegensatz zur Wahl des Kaffees vor eine größere Herausforderung. Tassen sind meine Passion. Ich bin keine Sammlerin. Aber bei Tassen kann ich nicht widerstehen. Ich bringe es fertig und trinke morgens drei Tassen Kaffee aus drei unterschiedlichen Tassen. Ich beginne beispielsweise mit einer kleinen Tasse einer dänischen Porzellanmanufaktur, es folgt eine französische Schale und dann ein weißer Becher mit schwarzen Punkten, aber nur, wenn mir danach ist. Vielleicht steht mir der Sinn nach bunt und verspielt, dann greife ich zu der bauchigen Tasse eines englischen Kitschservice. Heute wähle ich ein minimalistisches Glas mit einem Korkring, an dem man die Tasse hält, um sich nicht die Finger zu verbrennen.
Ich fülle Milch in den elektrischen Aufschäumer, stelle den Wasserkocher an, kann mich aber immer noch nicht auf eine Zubereitungsart des Kaffees festlegen. Erst einmal den Latte Macchiato Löffel suchen.

In der Schublade, die alles beherbergt, was nicht in die Besteckfächer einsortiert werden kann, hat sich eine Packung Trinkhalme ergossen. 100 Stück. Der geöffnete Behälter Zahnstocher gleich daneben. Eine Tüte Einweggummis. 500 Stück. 20 rote Einkochringe. 10 Rouladenspieße. 8 unterschiedliche Käsemesser. Geflügelschere, Grillbesteck, Weinöffner in verschiedenen Ausführungen, Küchengarn, Dosenöffner. Das meiste von dem Zeug wird nur einmal im Jahr gebraucht, aber wenn es dann nicht da ist, vermisse ich es schmerzlich. Darum bleibt alles an seinem Platz – oder in seinem Durcheinander. Endlich die Espressolöffel. Dazwischen die Eierlöffel aus Plastik. Ein Grapefruitlöffel. Kein Stiellöffel.

Ich möchte die Schublade herausreißen, umstülpen und den ganzen Kram auf den Müll schmeißen. Doch ich tippe sie sanft mit den Fingerspitzen an. Sie zieht sich lautlos unter die Arbeitsplatte zurück.

Ich gebe auf. Ich habe keine Lust mehr. Ich trinke ein Glas Leitungswasser.
Ich brauche eine Kopfschmerztablette.

Früher hing ein kleiner Medizinschrank hinter der Tür im Bad. Heute lagern die Fläschchen, Pillen und Salben in einer geräumigen Kommodenschublade. Die Schublade lässt sich schwer öffnen. Da hat sich etwas verhakt. Ich ziehe einen Bügel-BH hervor. Seit einiger Zeit unterlasse ich es, meine Unterwäsche in die Kommode zu sortieren. Die Schubladen sind voll bis obenhin. Sie sind wie stillgelegte Nebengleise einer Bahnstrecke, die auch ohne sie funktioniert. So kümmere ich mich nur darum, den Kreislauf von Waschen, Trocknen, Tragen in Gang zu halten und spare mir das Einsortieren und Aufbewahren. Ich trage sowieso lieber Baumwolle am Körper als Spitze.

Es gibt verschiedene Varianten und Dosierungen an Schmerzmitteln. Leicht, mittel und das hammerstarke Zeug, das nicht nur den Schmerz, sondern auch einen selbst außer Gefecht setzt. Als Brausetablette, Tablette, Pulver oder Lutschbonbon. Ich greife eine stinknormale Paracetamol, ohne weiter darüber nachzudenken. Erschöpft falle ich aufs Bett – in ein Meer aus Kissen. Dabei stoße ich eine Blumenvase um, die auf meinem Nachtisch neben einem turmhohen Berg ungelesener Bücher steht. Das Glas zerbricht auf dem Boden und ergießt ihren Inhalt aufs Parkett: Kaugummi, Taschentücher, Haarklammern, Handcreme, Bonbons, Einhornsticker. Magic steht darauf. Mit Magie hat das alles nichts gemein.

Ich schließe die Augen. Mein Besitz umfasst mehr als eine Zahl mit vier Nullen. Mittelmaß liegt mir nicht.

Ohne hinzuschauen weiß ich, dass ich in diesem Raum nicht allein bin.
Aufgereiht wie Wachsoldaten stehen Duschgels, Haarkosmetik und eine Reihe edler Flakons auf ihrem Posten und blicken auf mich herab.

Die Nagellacke stehen nicht. Wie gefallene Soldaten liegen sie wahllos neben- und übereinander. Manchmal vergesse ich, dass sie da sind. Ebenso die stattliche Anzahl an Lippenstiften – ich könnte sie in einem Schweizer Schließfach lagern, so selten wie ich sie benutze und wie viel Geld ich dafür ausgegeben habe.

Die Wäschekörbe quillen über. Nicht mit Schmutzwäsche, sondern mit sauberer Kleidung, die nicht mehr in die Schränke passt. Ich traue mich nicht, die Türen zu öffnen.

Zuviel.
Zuviel von allem.
Zuviel Raum. Zuviel Farbe. Zuviel Funktion. Zuviel Lifestyle.

Ich bin ein auf dem Bauch liegender Käfer. Ich zapple mit den Beinchen, aber niemand hilft mir auf.
Große und kleine Dinge,
intakte und kaputte, nützliche und völlig zweckfreie Gegenstände belagern mich,
vermehren sich,
rücken näher.
Ich lebe unter der Herrschaft der Sachen und Dinge.

Lasst mich hier zurück und schließt die Tür hinter mir.

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