Kurt

Endlich gelesen! Wie lange lag dieses Buch neben meinem Bett. Immer wieder fiel mein Blick darauf: rote Buchstaben auf schwarzem Hintergrund. Nur ein Name: Kurt. Ungelenk, mit einem breiten Pinsel gezogen – oder wie lackierte Holzlatten, dachte ich, grob, sperrig – so sperrig wie der Inhalt: das Leben einer kleinen Patchworkfamilie, die mit dem Unfalltod eines Kindes klarkommen muss. Keine leichte Kost. Dafür ist die Sprache „leicht“ – lebendig und erfrischend anders, eben typisch Sarah-Kuttner-like. Der Text hat mich viel mehr zum Schnunzeln gebracht als zum Weinen – trotz des traurigen Themas.

Also: Die Geschichte beginnt zwischen Umzugskartons in einem neuen Zuhause. Der große Kurt zieht mit seiner Freundin Lena an den Rand Berlins ins Brandenburgische. Ein Häuschen mit Garten, an das sich die beiden Städter nun erst einmal gewöhnen müssen. Der Garten muss erst einmal „schön“ gemacht und gestaltet werden. Auch  das ist Neuland für Kurt und Lena. Aber der kleine Kurt – Kurts Sohn aus der Beziehung mit Laura – freut sich darauf und ist begeistert, als neue Pflanzen angeliefert werden, darunter auch ein Jasmin. Kurt will unbedingt helfen, den Jasmin einzupflanzen. Doch dazu wird es nicht mehr kommen …

In einem Interview – oder vermutlich in allen Interviews – wird Sarah Kuttner gefragt, ob sie hier eigene Erfahrungen mit dem Thema Tod eines Kindes verarbeitet. Und sie antwortet: Nein. Aber natürlich habe sie sich auch schon Tod und Trauer durchgemacht.

Muss man als Autor immer alles selbst erlebt haben? Nein. (Ein Thrillerautor wird ja auch nicht gefragt, wie viele Mensche er töten musste, um glaubhaft über einen Serienkiller schreiben zu können…). Wenn wir immer nur über das schreiben, was wir selbst erlebt haben, gäbe es Schreibkurse auf Rezept vom Therapeuten – als Therapie, um eine Krise zu bearbeiten. Das ist ja okay, aber ein Autor oder eine Autorin müssen doch in der Lage sein, sich in Situationen und Menschen hineinzuversetzen. Es braucht: Empathie und Menschenverstand, Recherche und Nachdenken – ein Fünkchen Kreativität und dann kommt im besten Fall ein Text heraus –  Prosa, Fiktion, die jedoch in den Bann zieht, weil sie glaubhaft ist und andere anrührt.

Ich habe Sarah Kuttner alles abgenommen. Und ich fand es wunderbar, dass sie so „kitschfrei“ über den Tod geschrieben hat. Und sie hat eine clevere Erzählperspektive gewählt: Es ist Lena, aus deren Sicht wir auf die Geschehnisse schauen. Lena, die den kleinen Kurt sehr mag, aber noch nicht in ihrer Rolle gefunden hat. Was ist sie für Kurt? Eine Art Stiefmutter? Und wie findet sie eine Möglichkeit, um Kurt zu trauern? Der große Kurt ist ihr dabei keine Hilfe – er hat viel zu sehr mit seiner eigenen Trauer zu kämpfen. (…)

Wenn ich fünf Sterne zu vergeben hätte, würde ich persönlich vier vergeben. Einen Punkt Abzug gibt es, weil ich die Krise im Ganzen dann etwas zu „glatt“ und „recht schnell“ überstanden finde.

Sarah Kuttner: Kurt, erschienen bei Fischer Verlage.

Ich beziehe mich auf ein Interview, das Sarah Kuttner dem Deutschlandfunk gegeben hat.

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