Unangepasst angepasst

Keiko ist die Ladenhüterin. Sie arbeitet als Hilfskraft in einem kleinen japanischen Supermarkt – einem Konbini – und wacht dort über die Waren und Verkaufsabläufe. Sie bedient und kassiert, packt aus und arrangiert, beseitigt Schmutz und desinfiziert dabei natürlich stets ordentlich ihre Hände. In dem, was sie tut, ist sie perfekt – perfekt angepasst. Das ist insofern wichtig, weil sie anders als andere zu sein scheint. Sie nimmt Worte für bare Münze und handelt, ohne ihr Handeln zu überdenken. Empathie scheint ihr zu fehlen. Als zwei Schüler sich auf dem Schulhof prügeln und jemand schreit, man müsse sie aufhalten, greift Keiko eine Schaufel und zieht jedem der Streithähne damit eins über den Schädel. Die Jungs liegen regungslos am Boden. Keiko hat getan, was gefordert wurde und ist nun verwundert, warum sie alle entsetzt ansehen. In den Augen der anderen hat sie einen Fehler begangen, aber sie versteht nicht, was sie falsch gemacht hat. Ihr wird nach und nach klar, dass sie anders ist und ihr Verhalten andere irritiert – oder, wie im Fall ihrer Familie – traurig macht. Also imitiert sie das, was sie bei anderen als „normales“ Verhalten erkennt. Als sie sich als Studentin in dem Konbini bewirbt, wird ihr schnell klar, dass sie in dem kleinen Geschäft mit den klaren Regeln und Strukturen ein angepasstes Leben führen kann, ohne negativ aufzufallen. Hier weiß sie immer, was „richtig“ ist.

Wir stülpen uns die Hülle normaler Menschen über, und wenn wir uns dem Handbuch entsprechend verhalten, werden wir weder weggejagt noch wie Störenfriede behandelt.

Der Konbini wird zu ihrem Lebenskosmos. Er gibt ihr Sicherheit und eine Aufgabe im Leben. Viele Jahre lebt Keiko für den Konbini und zieht daraus ihre Identität, die nur selten hinterfragt wird. Nach 18 Jahren als Hilfskraft wächst der soziale Druck auf sie: Warum arbeitet sie immer noch als Hilfskraft? Sie ist überqualifiziert für den Job. Warum ist sie nicht verheiratet? Warum ist sie noch Jungfrau? Will sie keine Kinder, keine Familie, kein Eigenheim? Auch auf dem Heiratsmarkt scheint Keiko ein Ladenhüter zu sein … Unter diesem neuen Druck kommt das alte Gefühl wieder zum Vorschein: anders zu sein. Um den Fragen und schiefen Blicken zu entkommen, geht Keiko eine Verbindung zu einem Taugenichts ein, der sie sie paar Wochen lang ausnutzt. Am Ende weiß sie, was ihre Bestimmung ist.

Die Autorin bleibt in ihrem geschlossenen System – es beginnt mit dem Laden und endet mit dem Laden. Das ist stringent. Keiko ist der Laden und der Laden ist Keiko. Von daher ist es auch nicht relevant, wie das Leben außerhalb des Konbini verläuft. Es gibt keine Überraschungen, keine Ausbrüche, kein Aufbegehren der Hauptfigur. Man kann noch nicht einmal sagen, dass Keiko unter ihrer Andersartigartigkeit leidet, sie nimmt sie lediglich wahr, ohne zu wissen, worin sie besteht. Die Menschen um sie herum üben Druck auf sie aus, ohne sich wirklich für sie zu interessieren. Alle scheinen überfordert mit jemandem, der nicht so tickt, wie man selbst… Da ist der Konbini so etwas wie die rettende Insel, auf der man zwar nicht anders sein darf, aber wenigstens weiß, wofür man morgens aufsteht und seinen Körper fit hält: Um jeden Kunden mit einem freundlichen „Willkommen!“ zu begrüßen.

Fazit: Keiko bleibt mir völlig fremd. Es gelingt mir nicht, eine emotionale Beziehung zu ihr aufzubauen – was ja nur Keikos mangelnde Empathiefähigkeit widerspiegelt. Ich frage mich daher, ob man die Erzählung als Parabel auf die japanische Gesellschaft lesen kann? In Japan war der Roman ein großer Erfolg. Keiko findet sicheren Halt in dem, was die japanische Kultur hochhält: Höflichkeit, Pünklichkeit, die Bereitschaft zum Dienen und zur Anpassung … dadurch, dass Keiko diese Attribute aber nur imitiert, bleiben sie inhaltsleer, werden ausgehöhlt. – –

Menschen, die der Konbini nicht braucht, werden ausgesondert und gefeuert.

Steht der Konbini für das japanische Gesellschaftssystem? Wer sich darin nicht anpasst, wird ausgesondert? Und steckt nicht gerade darin die gesellschaftskritische Botschaft von Sayaka Murata? – – Oder lese ich sie hinein, weil ich es nicht ertrage, dass Keiko mit ihrem Konbini-Leben durchkommt?

PS: Auf ihren neuen Roman „Das Seidenraupenzimmer“ bin ich übrigens sehr gespannt – erscheint aber erst im Juni!!!

Sayaka Murata: Die Ladenhüterin, 145 Seiten, im Aufbau Verlag erschienen.

 

 

2 Kommentare

  1. Hach, „Die Ladenhüterin“ habe ich geliebt!! Ich bin ja sowieso ein riesiger Fan japanischer Literatur und dieser Roman hat bei mir voll ins Schwarze getroffen. Auf Muratas neues Buch bin ich auch schon wahnsinnig gespannt, es klingt sehr düster und toll 😻

    Liebe Grüße
    Tina

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