Kurz, kürzer … Birthday Girl!

Ich lese gern Stories. Früher habe ich die Erzählbände schnell aus der Hand gelegt. Da war man gerade in eine Erzählung eingetaucht – und dann war sie so schnell zu Ende, wie sie begonnen hatte. In den letzten Jahren habe ich das kurze Format zu schätzen gelernt. Short Stories zeigen einen Ausschnitt, offenbaren besondere Situationen, Orte und Menschen, auf die man wie durch eine Lupe einen kurzen, aber konzentrierten Blick wirft.

(Ich schreibe ja auch in der Regel gern kurz und knapp und schon oft habe ich bei der Vielzahl an üppigen Wälzern gedacht: Bei so manchem Werk wäre ich gern Lektorin gewesen – im Ernst: nur die wenigsten brauchen wirklich 800 Seiten, um eine Geschichte zu erzählen, oder? Alles über 500 muss – meiner Ansicht nach – schon einen triftigen Grund haben …)

Stories von Kristen Roupenian (Cat Person) habe ich hier im Blog schon erwähnt oder Benedict Wells (Die Wahrheit über das Lügen). T. C. Boyles Good Home lese ich gerade (gefällt mir sehr gut). Auch habe ich mir Edgar Allen Poes Erzählband Unheimliche Geschichten in der neuen Ausgabe mit Illustrationen von Kat Menschik gekauft – leider sind es nur 80 Seiten. Und weil ich ihre Art der Darstellungen so mag, habe ich natürlich auch Birthday Girl von Haruki Murakami mitgenommen, dieses Mal waren es sogar nur 75 Seiten. Ich frage mich schon, ob hier das Preis-Leistungs-Verhältnis noch stimmt … Denn bei Birthday Girl handelt es sich um eine bereits vor vielen Jahren veröffentlichte Geschichte. Der Band Blinde Weide, schlafende Frau bietet über 400 Seiten, inklusive des Birthday Girls (dort auf wie vielen Seiten abgedruckt? 20?).

Worum geht es? Eine junge Frau kellnert in einem Nobelrestaurant. Durch einen Zufall (oder war es Fügung?) fällt ihr an diesem Abend die Aufgabe zu, dem Inhaber des Restaurants das Essen auf sein Zimmer zu bringen. Die Begegnung mit dem geheimnisvollen Mann, der sehr zurückgezogen lebt, verläuft wie im Märchen: Als sie erwähnt, dass sie heute Geburtstag hat, möchte der Mann ihr etwas schenken. Er gewährt der jungen Frau die Erfüllung eines Wunsches. Die Frau erzählt viele Jahre später einer Freundin von dieser seltsamen Begebenheit, ohne jedoch zu verraten, was sie sich gewünscht hat und ob der Wunsch in Erfüllung gegangen ist.

Murakami baut Spannung auf, macht Andeutungen, erzeugt eine magische Stimmung, in der man alles für möglich hält. Was hätte ich mir gewünscht? Ich werde es nicht verraten. Und auch Murakami löst die Spannung nicht auf – ich finde das einen genialen Zug. Man erfährt nichts weiter über den mysteriösen Mann oder die junge Kellnerin. Man erfährt nur, dass sie sich weder Reichtum, noch Schönheit oder Intelligenz gewünscht hat. Nur so viel: Der Mann ist überrascht über ihren Wunsch – er scheint banal angesichts der Möglichkeiten, die sich ihr in diesem Moment bieten. Durch die Rahmenerzählung, in der die Frau diese Begegnung einer Freundin anvertraut, erfährt der Leser allerdings, dass es das Leben gut mit ihr gemeint hat: Sie hat Kinder, ist verheiratet und scheint glücklich zu sein. Ist es das, was sie sich gewünscht hat?

In Blinde Weide, schlafende Frau von 2006 erklärt Murakami im Vorwort, dass es eine Herausforderung sei, einen Roman zu schreiben, eine Kurzgeschichte hingehen sei ein Vergnügen – ein erholsames noch dazu, denn für den Roman benötige er ungefähr zwei Jahre, für eine Kurzgeschichte nur eine Woche. Birthday Girl habe er auf Geheiß seines Lektors geschrieben. Es fehlte damals noch ein Text in einer Anthologie anderer Autoren zum Thema Geburtstag. Der Text entstand irgendwann nach 1993.

Nun gibt es weitere einzelne Erzählungen Murakamis, die vom Dumont Verlag herausgegriffen und als Büchlein mit Kat Menschik Illustrationen veröffentlich wurden: Ich kenne noch Schlaf und die Bäckereiüberfälle oder Die unheimliche Bibliothek (nur 60 Seiten!). Ob ich mir die Erzählungen tatsächlich einzeln kaufe, bezweifle ich. Trotz der schönen neuen Illustrationen greife ich dann lieber zu den alten Erzählbänden, in  denen die Geschichten bereits veröffentlich wurden. Ein neuer Aufguss eines alten Erfolgsrezeptes…

Wer Murakami will, kriegt es in den bereits vor Jahren veröffentlichten Erzählbänden mit denselben Geschichten zum fairen Taschenbuchpreis. Sorry, Dumont Verlag. Keine Kaufempfehlung von mir. (Aber ich weiß ja, es verkauft sich eh wie geschnitten Brot… – sei es drum, lieber Dumont Verlag, aber dann finanziert doch bitte mit Euren Einnahmen noch ein paar gute Geschichten mittelloser Autoren!)

Haruki Murakami: Birthday Girl, 80 Seiten, übersetzt von Ursula Gräfe, Dumont Verlag, 2017.

Haruki Murakami: Bilnde Weide, schlafende Frau, 416 Seiten, übersetzt von Ursula Gräfe, 2006.

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s