Achtsam morden

Geduldig habe ich zwei Jahre darauf gewartet, dieses Urlaubsfoto hier posten zu können – meine ins Bild gefasste Vorstellung von Achtsamkeit! Am Strand langsam Fuß vor Fuß setzend, den Blick auf den Sand gerichtet, um die Schätze zu heben, die sich zwischen Schlick und Muschelkalk verstecken. Nur im Augenblick zu leben, nicht mehrere Dinge gleichzeitig tun zu wollen, sich nicht um Morgen sorgen – im Urlaub funktioniert das wunderbar, im Alltag bei mir eher weniger. Darum habe ich auch jede Menge Bücher zum Thema Achtsamkeit und Work-Life-Balance im Regal stehen. Die wenigsten davon habe ich von vorne bis hinten durchgelesen. Vielleicht waren die Beispiele nicht anschaulich genug? Vielleicht waren es einfach nicht die richtigen Bücher? – –

Karsten Dusse hat es mit seinem Roman „Achtsam morden“ geschafft, dass ich die Sache mit der Achtsamkeit nun endlich verstanden habe. Achtsamkeit ist nichts für entrückte Urlaube am Nordseestrand. Achtsamkeit kann auch im Alltag gelingen – und sogar eine Menge Probleme lösen!

Björn Diemel ist Rechtsanwalt – und ein ziemlich guter noch dazu. Leider streitet er für die dunkle Seite der Macht. Er vertritt einen der mächtigsten und skrupellosesten Anführer der organisierten Kriminalität, Dragan Sergowicz. Dieser Job belastet auch Diemels Familien- und Eheleben. Er ist gestresst und kaum zu Hause – und wenn er da ist, scheint er gedanklich abwesend. Seine Frau schickt ihn daher zum Achtsamkeitscoach. Björn ist skeptisch. Aber er möchte auch seine Frau zufriedenstellen, da sie androht, er dürfe keine Zeit mehr mit seiner Tochter verbringen, wenn er sich nicht ändert. Die Sitzungen bei Joschka Breitner, dem Achtsamkeitscoach, sieht Björn eher skeptisch entgegen, aber schon bald entdeckt er, dass er mit der richtigen Atmung, einem kurzen Innehalten und Insichgehen gelassener wird. Schwierige Situationen kann er umdeuten, in einen neuen Rahmen setzen und Stress erst gar nicht aufkommen lassen. Björn ist sehr erfolgreich in der Umsetzung der Achtsamkeitsübungen. Besonders die Zeitinseln, die Joschka Breitner ihm für die Treffen mit seiner kleinen Tochter empfiehlt, tun ihm gut. Auf diesen Zeitinseln ist er nur für seine Tochter da. Nichts anderes zählt. Er kostet jeden Moment mit ihr aus. Sie haben Spaß zusammen. Die Arbeit muss dann warten. – –

Als Dragan so richtig Mist baut – er tötet jemanden auf einem Autobahnrastplatz vor den Augen einer Schulklasse, die den Mord auch noch mit ihren Handys filmt – muss Dragan untertauchen. Er sucht die Hilfe seines Superanwalts, doch Björn ist gerade mit seiner Tochter zu einem Wochenende in Dragans Haus am See unterwegs. Für Björn ist die Situation eine erste großer Herausforderung für die neu erlernte Achtsamkeit. Weil er in Gefahr steht, die Nerven zu verlieren, zwingt er sich, nur einen Schritt nach dem nächsten zu überlegen und nicht schon alle Eventualitäten in der Zukunft mitbedenken zu wollen. Er geht pragmatisch – und achtsam – vor. Ohne dass es seine Tochter mitbekommt, versteckt sich Dragan in Björns Kofferraum. Dann geht es raus aus der Stadt zum Wochenendhaus. Das Wetter ist schön. Vater und Tochter wollen schwimmen gehen und die Zeit zu zweit genießen. Auf ihrer Zeitinsel hat Arbeit keinen Platz. Dragan bedeutet Arbeit. Also lässt Björn ihn erst einmal im Kofferraum. Nach einem wunderbaren Wochenende mit seiner Tochter öffnet Björn den Kofferraum: Dragan ist tot. Hitzestau. Ein Schwerverbrecher weniger. Björn Diemel hat sich von seinem nervigsten Mandanten getrennt, den er nur noch verschwinden lassen muss. Dabei geht er natürlich sehr achtsam vor …

Um Dragans Clan in Schach zu halten, greift Björn Diemel auf sein neues Repertoire aus Joschka Breitners Handbuch der Achtsamkeit zurück: mit achtsamem Zuhören, Danke sagen, Delegieren und der richtigen Art der Kommunikation tanzen sogar die ganz harten Jungs nach seiner Pfeife. Dass er ganz nebenbei ein halbes Dutzend Leichen zu verantworten hat, lässt Björn lächeln – nicht, weil er so abgebrüht ist, sondern weil das Lächeln Ausdruck seiner inneren Gelassenheit ist: Er ist mit sich im Reinen. Und irgendwie räumt er auch nur den Mist weg, den andere zu verantworten haben…

Fazit: sehr skurril, sehr böse, sehr achtsam, sehr sarkastisch, sehr klug, sehr gut konstruiert, sehr lustig und unterhaltsam. Die Kapitelthemen lesen sich auch tatsächlich wie aus einem Ratgeberbuch und werden mit Zitaten aus Joschka Breitners Handbuch „Entschleunigt auf der Überholspur. Achtsamkeit für Führungskräfte“ gespickt. Diese Empfehlungen für ein achtsames Leben sind genauso fundiert und seriös wie die profunden Kenntnisse des Autors Karsten Dusse in Bezug auf das Strafrecht. Erst der irrwitzige Kontext, in dem beides zur Anwendung kommt, zeigt, wie absurd es ist, wenn man Achtsamkeit – ohne Rücksicht auf Verluste – durchsetzt.  Denn der Protagonist hält sich ja nur streng an die Empfehlung:

Lassen sie nur an ihrem Leben teilhaben, was ihnen gut tut, von dem, was sie belastet, dürfen sie sich getrost trennen.

Karsten Dusse: Achtsam morden, Taschenbuch, 416 Seiten, Heyne Verlag.

Übrigens: Matthias Matschke hat das Hörbuch eingesprochen – er findet genau die richtige Tonlage für Björn Diemel!

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