Ambitioniert, aber blutleer

„Gott wohnt im Wedding“ von Regina Scheer. Ein super Cover, ein klasse Titel: Ich bin dabei! Und den Wedding mag ich. Also kann da doch nichts schiefgehen mit diesem Roman, oder doch? – –

Den Roman habe ich mir als Hörbuch von Johann von Bülow (fantastisch!) vorlesen lassen.  Selten, dass ich das sage: Aber ich rate vom Hörbuch ab, vielleicht sogar von diesem Roman an sich, denn beim Hören habe ich ganz oft den Faden verloren. Ob es beim Lesen des geduckten Wortes vielleicht anders gewesen wäre?

Der erste Eindruck war sehr positiv: diese kluge Sprache, dieser Detailreichtum, das Geschichtswissen rund um die Entstehung des Wedding. Ich fahre fast täglich durch den Wedding, weiß aber so gut wie nichts über diesen armen, aufstrebenden Stadtteil Berlins.

Also: Worum geht es?

Es geht um ein Mietshaus in der Utrechter Straße. Regina Scheer verbindet die Geschichte des Hauses (Baujahr 1890) mit den Biographien einzelner Hausbewohner oder Menschen, die mit dem Haus auf schicksalhafte Weise verbunden sind – so wie Leo, der sich auf dem Dachboden des Hauses vor den Nazis verstecken musste. Leo hat überlebt, weil man ihn damals nicht verraten hat. Nach 70 Jahren besucht er Deutschland und das Haus in der Utrechter Straße. Manches ist noch so, wie er es erinnert, vieles hat sich verändert. Und da gibt es auch noch Gertrud, die ihr Leben in dem Haus verbracht hat. Und da ist Laila, deren Sinti-Familie schon hier wohnte. – – Eine Menge Themen, die hier zur Sprache kommen: die deutsch-jüdische Geschichte sowie die der Sinti und Roma in Europa und natürlich auch die Baupolitik in Berlin, sichtbar an den wechselnden Eigentümern des Hauses, über den Bau, die Instandhaltung und Modernisierung bis zum Verfall.

Sehr viele Personen, über die geredet wird (sie selbst kommen kaum zu Wort), sehr viele Details, zu wenig Verweilen. Das, was mich zu Beginn begeisterte, war auf Dauer ermüdend. Die Menschen, die zu Wort kommen „referieren“ ihre Geschichte. Es gibt so gut wie keine wörtliche Rede, kein Geschehen, in das man als Leser aktiv mit hineingenommen wird. Alles wird in der Rückschau erklärend erzählt.

Beispiel: Leo beschreibt die Arbeitergegend um die Utrechter Straße und erklärt dabei das eigene Arbeitervokabular. Die Beschreibungen lesen sich wie ein Glossar, ein Wörterverzeichnis: Das Haus erbauten Männer aus der „Schrippenkirche“, die sind dankbar für jeden Job. „Kornhasen“ nennt man die Obdachlosen. Läuse heißen „stille Marschierer“, „Bienenzüchter“ ist einer, der von Ungeziefer befallen ist, die Schnapsflasche ist das „Verbandsbuch“, „Knechte“, das sind die Arbeitsscheuen usw. Aber an keiner Stelle werden wir als Leser Zeuge eines solchen Sprachwechsels. Und genau das hätte ich mir gewünscht: Szenen, in denen die Atmosphäre gelebt und nicht doziert wird. Dass das Haus in der Ich-Form selbst berichtet über das, was es erlerbt hat, fand ich befremdlich – wie gesagt: alles sehr konstruiert.

Von daher kann ich nur den Hut ziehen vor dem riesigen Wissen, das die Autorin hier zusammentragen hat. Die Geschichtskenntnis ist beeindruckend. Aber leider wirkt der Text im Ganzen auf mich eher wie eine akribische Fleißarbeit als ein Roman, der Menschen vor meinem inneren Auge zum Leben erweckt (Show, don’t tell…) Darum lautet mein Fazit: ambitioniert, aber blutleer.

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding, 416 Seiten, März 2019.

Ein Herz für den Wedding: Auf der Berlinseite gibt’s Infos zum Wedding.

Rezension in der Berliner Zeitung

 

2 Kommentare

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