Mit Radio gegen die Pest

Also erst einmal vorweg: Ich habe das Radio wiederentdeckt. Dafür bleiben manche Bücher gerade liegen.

Denn ich kann mich kaum aufs Lesen konzentrieren. Dabei habe ich ordentlich Bücher gehamstert in den letzten Tagen, damit mir zu Hause der Lesestoff nicht ausgeht – lockere Unterhaltung, viel Zertreuung ist dabei. Aber die Sorge, dass der Coronavirus sich nicht verlangsamen oder eindämmen lässt, wächst. Die Bilder aus Italien sind herzzerreißend – was für ein Leid, wenn Menschen einsam und allein auf Krankenhausfluren sterben und Verstorbene ohne Abschied und Trauerfeiern von der Armee „wegtransportiert“ werden. Wenn mir das jemand am Anfang des Jahres erzählt hätte, hätte ich gesagt: Lass den Scheiß – aus was für einem dystopischen Zukunftsroman hast du das denn?

Thea Dorn erinnerte im Literarischen Quartett an Albert Camus „Die Pest“.

Ich weiß ehrlich nicht, ob ich das jetzt lesen könnte, vermutlich nicht. Aber ich finde es auch gar nicht mehr, obwohl ich danach gesucht habe. Es steckt sicher noch in irgendeinem Umzugskarton im Keller. Im Onlinekaufhaus wird „Die Pest“ momentan wieder als Bestseller Nummer 1 gehandelt, die Preise für gebrauchte Ausgaben steigen. Kaum zu glauben. Ist es schon so weit mit der Weltuntergangsstimmung?

Mehr noch als „Die Pest“ muss ich in diesen Tagen aber an einen vergessenen Roman denken, der mich als Jugendliche in den Bann gezogen hat: „Eine Messe für die Stadt Arras“ von Andrzej Szczypiorski (Taschenbuch von 1991).

Auch hier zeigt sich die dunkle Seite der menschlichen Natur genauso wie die Fähigkeit zu Mitgefühl und Solidarität. Ein Stoff, der erschreckend aktuell ist.

Die nordfranzösische Stadt Arras wird 1458 von der Pest heimgesucht. Die Menschen hungern, leiden und sterben. Vernunft und Mitmenschlichkeit weichen Hass und Fanatismus. Es kommt zu Judenverfolgungen, Hexenverbrennungen und weiteren wahllosen Hinrichtungen. Auch der junge Ich-Erzähler Jean wird zum Tod verurteilt. Wozu sind Menschen fähig? Wie reagiert der Mensch in extremen Situationen? Und vor allem: Wen trifft die Schuld für die Katastrophe? – – Mit der Moral ist es dann nicht weit her …  Am Ende wird Jean begnadigt. Und eine Stadt kommt zur Vernunft. (Für mich gehört dieses Buch auf den Lehrplan – oder findet es sich da bereits? Übrigens hat Szczypiorski auch Die schöne Frau Seidenmann geschrieben – Zeit für eine Wiederentdeckung dieses polnischen Autors, der sich 1944 gegen die deutschen Besatzer auflehnte und zur Strafe ins KZ kam …)

Ich gebe zu: Katastrophenbücher sind nichts für schwache Nerven, okay, sie sind gerade nichts für meine Nerven. Und wir leben ja auch nicht im Mittelalter. Nicht die Pest steht vor der Tür. Und doch stellt so ein kleiner unsichtbarer Erreger unser ganzes System auf den Kopf – bis hinein in unser aller Privatleben.

Gerade jetzt ist es so wichtig zusammenzuhalten. Solidarisch zu sein, bedeutet: Abstand halten. Zuhause bleiben. Da gibt es nichts zu diskutieren.

Mit einem Zeichen der Solidarität bin ich heute schon beglückt worden – und jetzt komme ich endlich zum Radio!

180 Radiosender in 30 europäischen Ländern haben heute um 8.45 Uhr Gerry and the Pacemakers gespielt. Das war ein Gänsehaut-Moment. When you walk through a storm…

Gerry and the Pacemakers: You’ll never walk alone

Walk on, walk on
With hope in your heart
And you’ll never walk alone

Welche Radiosender beteiligt waren, könnt ihr hier lesen.

Wenn man gerade den Kopf nicht frei hat fürs Lesen, wie wäre es mit mehr Radio??? Übers Radio werden wir nicht nur gerade gut informiert, bleiben auf Distanz zueinander und trotzdem fühlt es sich so an, als sei ich mit der Welt dort draußen weiterhin gut verbunden.

 

 

 

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