Trifft ein Lebensmüder eine Bestatterin …

Statt einer Story oder einer Buchvorstellung gibt es hier heute den Anfang meines neuen Romans. Kann – darf – muss (?) man zu Corona-Zeiten über Leben und Tod nachdenken? Und darf es dabei auch etwas skurril zugehen? Schreibt mir, was Ihr darüber denkt – ich würd mich freuen, echt!

Knist stellt sich vor

        

Bestattungen Brieselang. Mein Name ist Kirsten Brieselang. Was kann ich für Sie tun?

Haben Sie nächste Woche Samstag noch einen Termin frei?

Es gibt einen Trauerfall in Ihrer Familie?

Sozusagen.

Mein aufrichtiges Beileid. Wenn sie wollen, können wir die nächsten Schritte gemeinsam überlegen. Was ist denn genau passiert?

Ich wollte nur grundsätzlich wissen, ob nächste Woche Samstag noch was frei ist.

Entschuldigen Sie, aber in der Regel richtet sich der Termin nach dem Todestag. Soll es eine Erdbestattung sein? Oder handelt es sich um eine Einäscherung? Dann hätten wir zeitlich mehr Spielraum. Ich gehe davon aus, dass es sich um eine Urnenbeisetzung handeln wird?

Würden Sie sich verbrennen lassen?

Ich? – – Also, die Feuerbestattung ist eine sehr alte Bestattungsform und sehr beliebt. Es kommt darauf an, welchen Bedürfnissen Sie gerecht werden wollen.

Bedürfnisse?

Ja, zum Beispiel die Grabpflege betreffend.

Das ist mir egal. – – Sie ließen sich also verbrennen?

Spielt das eine Rolle, was ich darüber denke?

Das ist doch aber sehr, wie soll ich sagen, zerstörerisch, oder? Nichts bleibt übrig als ein Häufchen Asche.

Möchten Sie vorbeikommen und wir reden, Herr – wie war Ihr Name?

Holger.

Fangen wir noch einmal von vorne an, Holger. Wer ist verstorben?

Ich.

Sie?

Ja. Und ich möchte gern ein gutes Gefühl dabei haben.

Ein gutes Gefühl? Wobei?

Das liegt doch auf der Hand. Ich meine, welche Vorstellung ist erträglicher: Im Sarg sehr langsam von Würmern zerfressen zu werden? Oder dass das Feuer meinen Körper schnell und effizient niederbrennt? Das, was übrigbleibt, passt dann sehr handlich in einen Joghurtbecher.

In einen großen Becher. Es sei denn, Sie sind ein Zwerg.

Nehmen Sie mich ernst?

Ich kann Ihnen die Nummer der Telefonseelsorge geben.

Sie nehmen mich nicht ernst, ganz offensichtlich. Ich habe doch wohl das Recht, über mein Leben selbst zu bestimmen. Und meinen Todestag. Und die Form der Bestattung. Und Sie sind vom Fach. Sehen Sie in mir einen interessierten Kunden.

Holger, ich habe täglich mit Toten zu tun. Und wenn Sie das noch irgendwie hinauszögern können, also die Sache mit dem Sterben, dann rate ich Ihnen dazu. Denn Sie möchten nicht nächste Woche hier auf meinem Tisch liegen. Und seien Sie versichert, Ihnen wird es dann völlig schnuppe sein, ob Erde oder Feuer den letzten Rest erledigen.

Schweigen.

Haben Sie auch einen Namen?

Kirsten Brieselang.

Das sagten Sie bereits. Sie reden gar nicht wie eine Kirsten. Ich kannte mal eine Kirsten. Die hat ständig geredet, ohne etwas zu sagen. Stellen Sie sich ein altes Röhrenradio vor. Dreht man am Regler, um einen anderen Sender zu empfangen, hört man lange nur dieses nervige Zwischenrauschen mit ein paar Knacksern und hohen Pieks. Das ist Kirsten. Wissen Sie, was ich meine?

Ich höre sehr selten Radio.

Wie schade. Also, was ich sagen will, so ein undefinierbares Rauschen – das sind Sie nicht.

Ich habe auch ein paar hohe Pieks auf Lager. Wollen Sie mal hören?

Haben Sie noch einen zweiten Vornamen?

Nein. Aber Sie dürfen mich Knist nennen.

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