Und täglich grüßt das Murmeltier …

Meine Kinder fragen mich an den Feiertagen: „Und? Musst du nicht zur Arbeit?“ Nein.  Die Kinder – und vermutlich viele, die seit Wochen im Homeoffice sitzen – haben so ihre Probleme, Wochentage von den Sonn- un Feiertagen zu unterscheiden. Ein Tag verläuft wie der andere. Und täglich grüßt das Murmeltier … Sind wir etwa auch in einer Zeitschleife gefangen?

Wenn Und täglich grüßt das Murmeltier mit dem genialen Bill Murray der passende Film zur Zerstreuung in Corona-Krisenzeiten ist (Lachen ist gut für die Seelenhygiene, oder?), dann ist Niemalswelt von Marisha Pessl die geeignete Lektüre.

Ich habe das Buch spät entdeckt. In Deutschland erschien es im Juni 2018. Das liegt vielleicht auch daran, dass ich nicht zur ersten Zielgruppe zähle. Das im Carlsen Verlag erschiene Buch wird empfohlen ab 14 Jahren – da bin ich nun deutlich drüber. New Adult, Coming-of-Age … in diese Sparte verirre ich mich nur selten. Aber wenn das passiert, lande ich manchmal einen Volltreffer.

Zum Inhalt:

Beatrice – Bee – hat ihren Freund Jim durch einen tragischen Unfall oder einen Suizid verloren. So genau weiß man nicht, was mit ihm passiert ist. Bee hat versucht, zu einem „normalen“ Leben zurückzukehren, aber sie vermisst Jim immer noch sehr. Er war ihre erste große Liebe. Mit der Clique von damals hat sie keinen Kontakt mehr – bis die Freunde sich ein Jahr nach Jims Tod in einem Wochenendhaus an der Küste wiedersehen. Bee fühlt sich unwohl. Sie hätte nicht kommen sollen. Die Freunde haben sich auseinandergelebt. Trotzdem steigt sie zu ihnen ins Auto. Viel zu schnell und bei schlechtem Wetter entgehen sie nachts nur knapp einem Autounfall.

Unter Schock und vom Regen durchnässt kehren sie ins Haus zurück. Doch dann klopft ein geheimnisvoller Unbekannter an die Tür und eröffnet ihnen das Unfassbare: Der Unfall ist wirklich passiert und es gibt nur einen Überlebenden. Die Freunde sind in einer Zeitschleife zwischen Tod und Leben gefangen, in der sie dieselben elf Stunden immer wieder durchlaufen – bis sie sich geeinigt haben, wer von ihnen überlebt. Der Schlüssel zur Entscheidung scheint Jims Tod zu sein – in ihrer Verzweiflung beginnen die Freunde nachzuforschen, was wirklich mit ihm passiert ist, in jener Nacht, in der er in den Steinbruch stürzte …

Und da kommt der „Und-täglich-grüßt-das-Murmeltier-Moment“ ins Spiel: Erzählt wird aus der Perspektive von Bee. Bee überlegt sich an jedem Morgen des 30. August neu, wie sie der Zeitschleife entkommen könnte. Aber nachdem sie unzählige Fluchtvarianten durchgespielt hat, muss sie akzeptieren, dass sie nichts tun kann, um aus eigener Anstrengung aus ihrem Gefängnis auszubrechen. Danach richtet sich ihr Interesse auf die, die mit ihr gefangen sind: Whitley, Cannon, Kipling, Martha. Sie sucht abwechselnd ihre Nähe. Aber so richtig nah im Sinne von freundschaftlicher Verbundenheit kommt sie ihnen nicht. Eher fragt sich Bee (und ich als Leserin sowieso…), was die Freundschaft dieser kleinen Gruppe früher ausgemacht hat – die vier scheinen Bee völlig fremd, manche werden regelrecht bösartig, verspotten sie als gute, naive „Schwester Bee“. Bee verlegt sich darauf, ihnen unerkannt zu folgen, sie zu beobachten und zu ergründen, wie sie ihre Tage in der Zeitschleife verbringen und welche Pläne sie schmieden. Auch das bringt sie kein Stück weiter. Am Ende – nach einer Reihe unzähliger Tage, Wochen, Jahre, die sie gefühlt in dieser Zeitschleife festsitzen – müssen alle fünf der Tatsache ins Auge sehen:

Nur einer von ihnen wird diese Sache überleben. Wer wird das sein?

Vielleicht ist es die Einsicht, dass sich alle bisherigen Wege als Sackgassen herausgestellt haben, vielleicht ist es Resignation: Die fünf erkennen, dass es keinen Sinn macht, weiter gegeneinander zu spielen. Ihr Schicksal hängt auf unerklärliche Weise mit Jims Tod zusammen. Und so führen ihre Wege immer wieder zur Nacht seines Todes. Wie ein Scheinwerfer richtet sich der Fokus auf das, was damals passierte und leuchtet die genauen Umstände aus. Langsam schält sich ein umfassendes Bild heraus, was damals tatsächlich geschah.

Und am Ende hält die Autorin noch einen unerwarteten Dreh parat … (… okay, das war ja zu erwarten, aber ich fand den letzten Teil des Buches besonders gelungen!) 

Zum Genre:

Niemalswelt ist ein Beispiel dafür, dass sich Genres durchaus mischen dürfen. Es ist Coming-of-Age, etwas Mystery, etwas Psycho-Thriller – eindeutig aber ein „Jugendbuch“ sagt Katharina Laszlo in ihrer Rezension in der FAZ. Ja. Das stimmt. Es ist ein Buch über junge Erwachsene. Ein „nur“ als Jugendbuch klassifiziertes Buch hätte ich vielleicht gar nicht zur Hand genommen. In Schreibratgebern liest man immer, dass es ein Hauptgenre geben sollte, zu dem ein Buch ganz klar zugeordnet werden kann. Schubladendenken ist der Buchbranche angeblich sehr wichtig. Mir fällt es schwer, Niemalswelt in eine Schublade zu stecken. Und ich möchte es auch gar nicht. Es ist ein Mix – und das ist gut so.

Zur Sprache:

Für mich war die Erzählweise sehr stimmig: flüssig, ohne Ecken und Kanten. Aber ich kenne auch Marisha Pessl Erstling Die alltägliche Physik nicht, in der sie wohl ein Feuerwerk an ausgefallenen sprachlichen Bildern gezündet hat, gegen die nun Niemalswelt eine eher schlichte, „herkömmliche“ Bildsprache bedient. Zu recht, wie ich finde, entlarvt Katharina Laszlo manche von Marisha Pessl Sätze und Beschreibungen als „Plattitüden“:

Er war schön wie ein Held aus dem achtzehnten Jahrhundert, der auf seinem Pferd durchs Moor galoppiert: fast eins neuzig groß, honigbraune Augen, wildes schwarzes Haar, schiefes Lächeln. Er war unglaublich lebendig.

Allerdings passt diese Beschreibung ganz wunderbar: Denn so sieht Bee ihren Freund Jim. Für sie ist er der schöne Held, zu dem sie aufblicken kann. Aber dieses Bild verändert sich im Lauf der Geschichte. Der Held wird vom Sockel gestoßen – so wie jede achso schöne Fassade nach und nach als solche entlarvt wird.

Während sich in Und täglich grüßt das Murmeltier ein unsympathischer Misanthrop zu einem liebenswerten Philanthrop wandelt, verläuft die Verwandlung in Niemalswelt in keinem so eindeutigen Schwarz-Weiß-Muster. Nach uns nach fällt bei den Protagonisten die Maske. Darunter ist nicht alles liebenswert und schön und gut, sondern selbstsüchtig, egoistisch und manchmal bitterböse. Die fünf werden geläutert, aber dadurch entgehen sie nicht ihrem Schicksal … es kann nur einen oder eine geben, am Ende.

Mein Fazit:

Niemalswelt ist die perfekte Feiertagslektüre zwischen Karfreitag und Ostern: übers Sterben geht’s hin zu neuem Leben. Dabei wird am Ende nicht alles glatt gebügelt. Ganz im Gegenteil: Die Stärke der Geschichte ist ihr Ausgang. Denn der Schluss macht nachdenklich. Auch Menschen wie mich, die nicht 14+, sondern 40+ sind.

Marisha Pessl: Niemalswelt, erschienen im Carlsen Verlag, 384 Seiten

Katharina Laszlo in der FAZ online über Niemalswelt.

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