Für immer und ewig

Es ist Zeit für die nächste Story. Dieses Mal funkelt es prächtig …

Nun ist es soweit. Noch ist keine Entscheidung gefallen, aber sie kann sie nicht länger vor sich herschieben.

„Darf ich“, fragt sie und der Mann, der ihr an dem Kirschholztisch gegenübersitzt, nickt. Er schiebt ihr das Samtkissen mit dem Edelstein zu. Seine Fingernägel sind akkurat manikürt. Er lächelt sie an. Seine Zähne blitzen kurz hervor. Auf sie macht er nicht den Eindruck eines Verkäufers.

Sie beugt sich vor und nimmt einen der Schmucksteine in Augenschein. Der Stein schimmert wasserblau. Sie hat eine Reportage über den teuersten Diamanten der Welt gesehen. Das ist schon etwas länger her. Blue Moon. Die Farbe ist äußerst selten. 12 Karat. 40 Millionen. Das Geschenk eines Milliardärs für seine kleine Tochter. Der muss wirklich mit dem Klammerbeutel gepudert sein, hat Kristof gesagt. Welch ein Idiot! Was soll seine Tochter damit? Ein Teddybär wäre vielleicht angemessener gewesen. – – Recht hat er. Dass sie nun selbst vor einem Diamanten sitzt, würde ihn überraschen. Dass sie den Kauf eines Diamanten erwägt, hat nichts Dekadentes an sich. Sie braucht keinen Tand, um glücklich zu sein. Sie besitzt, was sie zum Leben benötigt, und noch etwas mehr. Ihr Einsatz ist mit Geld nicht aufzuwiegen. „Ein Liebhaberstück“, hieß es in der Reportage.

Liebhaberstück.

Der Diamant vor ihr ist nicht das, was er zu sein vorgibt. Dieser Stein ist eine Täuschung.

„Ein Unikat“, erklärt der Mann.

Sie betrachtet ihn lange. Blau. Sie mag das Meer. Die Weite, der Blick. Blau wie der Himmel. Sie dreht täglich draußen ihre Runden. Sie ist ein Naturmensch. Und trotzdem sitzt sie hier und überlegt, ob sie diesen Stein an ihrem Finger tragen will, da, wo vorher ihr Ehering saß.

„Die Karatzahl steigt, je länger der Diamant Zeit hat zu wachsen.“

„Er ist echt?“ Sie sieht ihn an. Eine kurze Unsicherheit huscht über sein Gesicht.

„So echt, wie er nur sein kann.“

Unter diesen Umständen, fügt sie in Gedanken hinzu.

Kristof wollte ihr vor 40 Jahren einen Diamantring kaufen. Ein Verlobungsgeschenk. Sie hat abgelehnt. Bis heute trägt sie keinen Schmuck. Nur den schlichten Goldring mit der Gravur seines Namens und dem Datum ihrer Hochzeit.

„Tut mir leid“, sagt sie. „Blau kommt nicht in Frage.“

Er nickt. Er öffnet eine weitere Schatulle, hebt den Diamanten mit einer Pinzette heraus und bettet ihn auf das Kissen.

Der Stein sieht aus wie gefrorenes Wasser. Der Mann legt einen weiteren Diamanten daneben. Geschliffenes Glas, denkt sie. Wieder kann sie sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es sich um billigen Modeschmuck handelt.

„Mit etwas mehr Zeit, wächst die Karatzahl.“

„Zeit ist kein Problem.“

„Die Kollegen in Amsterdam wissen, was sie tun. Mit dem nötigen Know-How wird Ihr Diamant so wie dieser hier.“ Er deutet auf das facettierte Glasoval auf dem Samtkissen.

„Darf ich ihn berühren?“

Er nickt.

Sie nimmt den Stein und hält ihn gegen das Licht.

Amsterdam. Damals hat sie nicht viel gesehen von der Stadt. Nur die unzähligen Wasserstraßen und kleinen Brücken erinnert sie, und natürlich den herrlichen Käse und das frische Bier im Vondelpark. Sie waren so verliebt. Erinnerungen an ein anderes Leben, denkt sie. Sie schließt die Augen. Nur ganz kurz. So also könne sie damit die Bilder der Vergangenheit ausknipsen – wie die Deckenbeleuchtung auf dem Dachboden mit dem alten Kram.

Sie sieht den Mann an und lächelt.

„Perfekt.“

Sie legt den Stein zurück.

Vielleicht ist es falsch. Aber warum sitzt sie dann hier?

„Sollen wir die Formalitäten besprechen?“

„Natürlich.“

Darauf ist sie vorbereitet. Der Mann zieht ein Formular hervor. Er beginnt damit, es auszufüllen. „Also kein Blau, aber eine runde Form?“

„Auf keinen Fall!“, entfährt es ihr.

Der Mann blickt erschrocken auf.

„Entschuldigung“, sie räuspert sich. „Ich möchte ihn lieber rechteckig.“

„Das Leben hat Ecken und Kanten“, bekräftigt der Mann „gute Entscheidung.“

Was er damit in ihrem Fall meint, bleibt offen.

„Wir können ihn in Gold, Silber oder Platin einfassen.“

„Platin.“

Er schreibt. Sie kann förmlich spüren, wie er im Kopf eine Summe überschlägt und seine Provision berechnet. Es ist ein guter Tag – für ihn.

„Sie kennen ja bereits die Vorschriften. Deutschland hat sehr strenge Regeln. Wenn ein Mensch verstirbt, muss er bestattet werden. Wir werden nur einen Teil, also ein paar Gramm, von der Asche benötigen. Den größeren Teil werden wir beisetzen, wie mit ihrem Mann besprochen.“

Sie nickt. Kristof hat ein Doppelgrab gekauft. Schon vor einigen Jahren. Nachdem er seine Diagnose bekam. Er hat eine Grabstätte gekauft wie eine Immobilie, hat sie besichtigt wie eine Eigentumswohnung. Lage, Lage, Lage. Nein, nicht am Rand, nicht unter einer Esche, kein Efeu bitte. Und geräumig muss es sein. Schließlich plane er nicht nur für sich selbst. Er denke auch an sie. Für sie sei dort auch Platz, obwohl er sie nicht nach ihren Wünschen gefragt hat. Was wenn sie dort nicht einziehen wollte?

„Ihr Mann hat das Formular unterschrieben?“

Sie reicht es ihm. Ja, er hat seine Unterschrift darunter gesetzt.

Seine Einwilligung, dass aus seiner Asche ein Diamant gepresst werden darf. In dem Hochglanzprospekt wurde genau beschrieben, wie das vor sich geht. Die aus der Asche gewonnenen Kohlenstoffe werden unter hoher Temperatur und mit etwas Zeit zu einem Diamanten gepresst. Mehr muss sie nicht wissen.

„Eine bleibende Erinnerung. Einzigartig, wie der Mensch, an den der Stein uns erinnert.“

Sie weiß nicht, ob sie den Ring tragen wird. Aber ihn zu besitzen, ist es ihr wert. Er würde es nicht gutheißen. Allein die Vorstellung! In einem Schmuckstück konserviert zu sein, gefiele ihm nicht. Sie lächelt. Und ihr Gegenüber fasst es als Zustimmung auf seinen letzten Allgemeinplatz auf. „Ein Stein für die Ewigkeit“, fasst er nach.

An Kristofs Unterschrift zu kommen, war leicht. Er hat ihr vertraut. Unterschreib das bitte, es geht um die Versicherung. Nach der ersten Chemotherapie hat sie die Korrespondenz mit Ärzten und Versicherungen übernommen. Sie hat sein Leben organisiert, wo es doch immer andersherum gewesen war. Seine Verfügungen – seinen letzten Willen – hat sie verbrannt. Er hat es nicht für nötig gehalten, einen Notar zu beauftragen, schließlich ging es nur um ein paar nachträgliche Wünsche für seine Bestattung. Die Eigenheiten eines kranken Mannes.

Ein Leben lang, blau und weiß ein Leben lang.

Eine Schalke 04 Urne. Ein Grab in blau-weiß. Ein Fußball aus Bronze gegossen und mit seinem Namen darauf. Mit Geige intonierte Fangesänge zum letzten Geleit.

Unvorstellbar.

Sie hasst Fußball. Sie hasst das Schalkeblau. Sie hasst ihren Mann dafür, dass er seine Lebenszeit damit vergeudet hat. Die Gesellschaft von laut grölenden Fans hat er ihr vorgezogen.

In ein schickes Restaurant gehen? – Warum? Du bist doch die beste Köchin!

Theater? – Diese überdrehten Inszenierungen, wo man denkt, der Regisseur gehört in die Klapse? Zeitverschwendung.

Kino? – Wir besitzen einen Fernseher so groß wie eine Kinoleinwand, warum soll ich zum Fernsehen aus dem Haus gehen?

Ein Wochenende in Rom, Paris oder doch noch einmal Amsterdam besuchen? – Nur wenn es mit seiner Dauerkarte auf Schalke zu vereinbaren war.

Kristof war nicht immer so. Sie waren jung. Es war Sommer. Nicht dieser klebrig heiße Sommer der letzten Jahre, wo sich niemand mehr rühren kann. Damals, als sie sich kennenlernten, nahm man besser immer eine Jacke oder einen leichten Pullover mit, wenn man das Haus verließ. Wie an dem Tag, der ihr Schicksal besiegeln sollte.

Sie saß auf einer Decke im Park. Es war sonnig, aber der Wind war kalt. Darum hatte sie eine dünne Strickjacke über ihre nackten Schultern gelegt. Sie hat ein Buch gelesen, ihr ist entfallen, welches es war, aber eigentlich hat sie auch gar nicht gelesen, sondern die jungen Mnner beobachtet. Kristof hat mit Freunden Fußball gespielt. Immer wieder rollte der Ball zu ihr auf die Decke. Nach dem dritten Mal kickte er den Ball zu seinen Freunden, überließ ihnen das Spiel und setzte sich neben sie ins Gras. Sie haben geredet. Nur sie beide. Die Strickjacke rutschte ihr von den Schultern und er hat sie wieder hochgezogen. Seine warmen Fingerspitzen auf ihrer kühlen Haut. Er lächelte und bat um ihre Nummer. Der Rest ist Geschichte.

Aber wer war er eigentlich? Ein Fremder.

Lange, bevor seine Krankheit ihn von innen ausgehöhlt hat, breitete sich eine Leere in ihrer beider Leben aus. Und am Ende war nur noch für einen Gedanken Platz: Er wollte in einer blau weißen Urne in einem Rasengrab bestattet werden mit einem albernen Ball darauf. Ja, ja. Sie weiß. Sie haben darüber oft gelacht. Der Ball ist rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.

Das ist vorbei. Jetzt bestimmt sie die Regeln, nach denen gespielt wird.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s