Der Hund

Achim Bornhak trägt den Künstlernamen AKIZ und dreht eigentlich Filme. Mit dem Hund gibt er sein Debüt als Romanautor. Der Hund ist – um im Bild zu bleiben – ein Straßenköter. Gern wird er als Underdog bezeichnet. Unter erbärmlichen Umständen aufgewachsen ist er als Mensch schwer zu fassen, sehr verschlossen, ja, er wirkt, als lebe er in einer anderen Welt. Der Hund hat einen hervorragenden Geruchs- und Geschmackssinn und ist in der Lage, aus den seltsamsten Dingen etwas Großartiges zuzubereiten. Und es wird das Gerücht verbreitet, er sei in völliger Isolation aufgewachsen und habe so diese besonderen Sinne erst ausgebildet. Sein Freund, der Ich-Erzähler, ist der „Normalo“, der nicht von Hunds Seite weicht und für uns in Worte fasst, für das es kaum Worte gibt: Wie der Hund kocht und was es in Menschen auslöst.

Es ist ein Buch wie ein Rausch – über das wiederum nur „rauschhaft“ erzählt werden kann: düster, derb, obszön, brutal, sinnlich … die Zutaten sind von allem üppig. Manches Sprachbild fällt da etwas merkwürdig aus. – – Kostprobe gefällig?

„Wenn es tatsächlich einen Gott des Gaumens gäbe, einen bockfüßigen, dauergeilen, hakennasigen, nackten Gott, dem dralle Frauen mit dicken Titten ohne Unterbrechung Weintrauben in den Mund stopften, während sie auf seinem Gesicht ritten, dann würde er jetzt zu uns heruntergrinsen.“

Wie das jetzt anatomisch gehen soll, dass Frauen auf seinem Gesicht reiten und ihm gleichzeitig permanent Weintrauben in den Mund stopfen (jetzt kommt noch das Grinsen hinzu …) – ist vielleicht aber von mir zu kleinkariert gedacht. Ich weiß nicht. Der Ton trifft auf jeden Fall nicht immer meinen Geschmack. Aber diese besondere Sprache und diese Art der Bilder gehören zu diesem Buch eindeutig dazu: Es ist Foodporn im Wortsinn. Und manches davon ist einfach over the top. Und bedient dabei sehr, sehr viele Männer-Frauen-Klischees (denn natürlich verzückt der Hund auch die Damenwelt und handelt handelt sich reichlich Ärger ein).

„Der Hund hatte eine meiner Zigaretten zerbröselt, den Tabak in der Pfanne angebraten und das Ganze mit den halb verbrannten und in Wodka getränkten Brotkrümeln auf seine seltsame Kreation gestreut. (…) Aber ich erinnere mich an den ersten Biss und daran, dass ich in diesem Moment, in dieser einen Sekunde, mein Leben abbog, durch die Leitplanke krachte und in den freien Fall ging. Nicht nur um mein Leben. Das Leben von allen, die damals mit dem Hund zu tun hatten.“

Die Kreationen des Hundes haben etwas Zerstörerisches. Sie führen in den höchsten Genuss, aber wenn man sich gleichzeitig wie „im freien Fall“ befindet, kann das lebensgefährlich sein. Der Hund betritt als Tellerwäscher die Sterneküche des El Cion. Und arbeitet sich nach oben. Er kocht sich in den Olymp der Spitzengastronomie. Wobei es auf mich wirkt, als kämpften hier keine Küchenbrigaden um den Erhalt ihrer Sterne, sondern gewaltbereite Straßenclans, die zufällig teure Restaurants besitzen, um die Vorherrschaft auf der Straße. Aber vielleicht liegt beides auch nah beisammen … wenn man Akiz folgt.

Klar ist, dass es auch für den Hund irgendwann nicht weiter nach oben geht. Das Ende war zu erwarten. Irgendwie auch eine klassische griechische Tragödie: Der Hund. Wer sich traut, mag es lesen.

Mein Fazit: Ich liebe ausgefallene Speisen und lasse mich gern vom Chefkoch überraschen. Ausgefallen und ungewöhnlich ist dieser Roman auf jeden Fall. Ein wortintensiver Brocken, an dem ich an einigen Stellen lange kauen musste – und manches habe ich auf dem Teller gelassen. Bon appétit!

Der Hund von Akiz ist erschienen bei Hanserblau, 192 Seiten, erschienen im Januar 2020.

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