Seinen Beitrag leisten

Puh, nach so vielen Wochen schaffe ich es endlich mal wieder, hier einen neuen Artikel zu schreiben. Woran lag das? – – Zu viel Arbeit, zu wenig Zeit? Ja. Nein. Das allein ist doch kein Grund, ein gutes Buch liegenzulassen, oder? Tatsächlich ist mein Stapel an Büchern, die ich demnächst lesen möchte, riesig. Mit ein paar davon habe ich bereits begonnen … keins hat mich so gepackt, dass ich dabeigeblieben bin. Vielleicht sollte ich Euch den Stapel mal zeigen und Ihr sprecht Empfehlungen aus, mit welchem ich anfangen bzw. weitermachen soll (nennt man das Leseflaute?).

Das Haus der Frauen lag schon lange auf dem Tisch neben meinem Bett. Nun habe ich es mir als Hörbuch gegönnt. Nach dem großen Erfolg von Der Zopf legt Laetitia Colombani mit Das Haus der Frauen nach.

Der zweite Roman unterscheidet sich in der Story völlig vom ersten (gut so!) – nur an der Sprache ist Laetitia Colombani sofort erkennbar: intensiv, dicht, geschmeidig fließen die Geschichten der Frauen ineinander, aus unterschiedlichen Zeiten und Welten. Die Autorin erzählt von Blanche Peyron, die 1926 in Paris den „Palais de la Femme“ für bedürftige Frauen gründete. Und sie erzählt von der Anwältin Solène in der Gegenwart, die nach einem Burnout und einer tiefen Depression nach einer neuen Aufgabe sucht. Ihr Psychiater empfiehlt ihr, sich um ein Ehrenamt zu bemühen. Obwohl Solène nicht überzeugt ist, beginnt sie eine regelmäßige Tätigkeit als Schreiberin im Haus der Frauen. Der Anfang ist nicht leicht. Die ehemalige Staranwältin und die aus unterschiedlichen Gründen im Haus der Frauen Gestrandeten haben nichts gemeinsam.

Aber Solène tut, um was die Frauen sie bitten: Sie schreibt im Auftrag der Frauen, um sich in unterschiedlichen Belangen für sie einzusetzen … Das wirkt manchmal banal und ist trotzdem so wichtig: Sie schreibt an die englische Königin und bittet um ein Autogramm für eine der Frauen. Meist sind existentielle Nöte der Anlass für ihre Briefe: Sie schreibt an einen Supermarkt, der zwei Euro Wechselgeld einbehalten hat. Und manchmal sind die Geschichten hinter ihren Briefen herzergreifend anrührend: Sie schreibt an den 8jährigen Sohn einer Mutter, den die Mutter in Guinea zurücklassen musste.

Zwischen den Geschichten der Gegenwart wandert der Blick der Autorin immer wieder zurück ins letzte Jahrundert. In groben Zügen wird das Leben von Blanche Peyron-Roussell erzählt. Sie lebte von 1867-1933 und war verheiratet mit Albin Peyron. Beide waren Offiziere der Heilsarmee. Ihrem Wirken und unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass es bis heute das Haus der Frauen in Paris gibt, ein Ort, der Frauen, die aus unterschiedlichen Gründen Hilfe brauchen, aufnimmt. Für Blanche war es eine Herzensangelegenheit und zugleich die Krönung ihres lebenslangen Einsatzes im Kampf gegen die Armut. Mehrere Millionen Franc musste die Heilsarmee, musste Blanche auftreiben, um den Traum eines Schutzraumes für Frauen zu verwirklichen.

Alle nennen das Haus nur den Palast. Das Gebäude gleicht einem Palast: Es ist riesig, mit festen Schutzmauern und von beeindruckender Architektur. Die Frauen sind hier willkommen. Und sie sind sicher. Auch wenn das Zusammenleben nicht ohne Spannungen abgeht. Solène wird auch das zu spüren bekommen. Weil sie dort aber sinnvolle Dinge tut und ihre Briefe etwas bewirken, erfährt auch ihr Leben wieder neuen Sinn.

Was ist der Sinn des Lebens? – – Dass jeder seinen Beitrag leistet – für andere, für die Gemeinschaft, in der wir leben.

Mein Fazit:

Die Geschichte ist fesselnd, sonst hätte sie nicht dazu getaugt, meine Leseflaute zu beenden. Aber die Welt der Heilsarmee bleibt mir recht fremd. Die miltärischen Ausdrücke, der Kampf, dem Blanche sich verschrieben hat – völlig selbstlos und aufopferungsbereit bis in den Tod. Puh, das ist nicht nur ein außergewöhnliches Leben, sondern wird in diesem Roman auch recht „glatt“ und oberflächlich beschrieben (Ein Werbeblog für die Heilsarmee…). Blanche ist von allem etwas zu viel – sie scheint eine Heilige zu sein, vermutlich war sie das und es war längst überfällig, ihre Geschichte zu erzählen. Im Haus der Frauen ist ihre Geschichte nur ein Strang der Gesamtkomposition. Ich hätte mir zwei Romane vorstellen können: Einer über Blanche und einer über Solène. Der Stoff hätte es auf jeden Fall hergegeben.

(Ach ja, und ein paar weniger Zitate und Sinnsprüche dürften es sein – für meinen Geschmack …)

Laetitia Colombani: Das Haus der Frauen, erschienen bei S. Fischer Verlage, 256 Seiten, Februar 2020.

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