Ich huldige Hulda

Ich bin ein Island-Fan. War ich schon immer. Oder zumindest seitdem ich in der siebten oder achten Klasse, so genau weiß ich das nicht mehr, ein Referat über dieses raue Land hoch im Norden halten musste. Klar, dass ich auch immer mal wieder über isländische Autoren (meistens Krimiautoren) stolpere oder über Geschichten, die in Island spielen wie z.B. Das Seelenhaus von Hannah Kent.

Jetzt also die Hulda-Trilogie von Ragnar Jónasson: Dunkel, Insel und das dritte, das diesen Monat erscheint und die Reihe beschließt, heißt Nebel. Zum Glück habe ich mich von einigen der negativen Lesermeinungen nicht abhalten lassen, dieses Buch zu lesen und zu hören. Ich habe beide Formate genutzt und stelle fest, dass ich immer wieder gern zum Hörbuch greife, denn dann kann ich an einer Geschichte dranbleiben, auch wenn ich unterwegs bin … (wunderbar eingesprochen von Katja Bürkle). Manche Leser bemängeln in den öffentlichen Bücherforen, dass die Hulda-Trilogie Krimi verspreche, aber die Geschichte nur langsam, fast schleppend und ohne jede Spannung verlaufe. Ja. Nein. Die Romane sind keine Thriller. Spannend sind sie trotzdem – und zwar bis zum Schluss.

Island hat eine auffallend niedrige Mordrate – sie ist 20 mal niedriger als der weltweite Durchschnitt. Kaum zu glauben, dass es dennoch so viele isländische Krimiautoren gibt! Island ist eine friedliche Insel. Und so setzt Ragnar Jónasson in seinen Krimis auch nicht auf blutige Effekte oder makabre Details. Er entwickelt sie aus den menschlichen Verstrickungen, aus ihren Nöten und Verletzungen heraus, die starke Emotionen freisetzen. Auch die sonst so kühle Kriminalkommissarin Hulda Hermannsdóttir lässt sich gern von ihrem Instinkt, aber auch von ihren Emotionen leiten. Ist das vielleicht sogar ihr wunder Punkt? Dass sie manchmal aus einem Impuls heraus handelt, ohne die Konsequenzen bedacht zu haben? – – –

Ragnar Jónasson erzählt vor allem menschlich. Täter und Opfer, gut und böse – so einfach ist das nicht, auch wenn das Cover in schwarz-weiß gehalten ist. Ragnar Jónasson bemüht keine eindimensionalen Schablonen für seine Charaktere. Ich nenne das den 3D-Effekt: Seine Geschichten besitzen Tiefe, auch zeitliche Tiefe. Dadurch gibt es mehrere Erzählebenen im Buch. Menschen werden nicht „einfach“ zu Mördern – auch sie haben eine Vorgeschichte. Und so kennt Ragnar Jónasson eine Menge Graustufen und Schattierungen.

Dass mich die beiden Bände Dunkel und Insel in ihren Bann gezogen haben, liegt aber vor allem an Hulda.

Der erste Band: Dunkel

Dunkel ist der erste Teil der Kriminalkommissarin Hulda Hermannsdóttir, die in Reykjavík lebt und ermittelt. Hulda steht kurz vor ihrer Pensionierung. Sie lebt allein. Sie hat keine Hobbies – außer vielleicht, dass sie gern in den Bergen wandert.

Hulda wirkt spröde, nicht sehr zugänglich, ist wenig beliebt. Sie hat es schwer gehabt in einer von Männern und Seilschaften bestimmten Welt. Viele Steine sind ihr im Lauf ihrer Karriere in den Weg gelegt worden, nicht alle konnte sie ausräumen. Und jetzt stellt sie ihr Chef kurz vor der Pensionierung vorzeitig aufs Abstellgleis. Hulda soll schon mal ihr Zimmer räumen. Bis zu ihrem offiziellen Stichtag, an dem sie in den Ruhestand wechselt, darf sie sich mit alten Fällen beschäftigen. Hulda überlegt, sich zu beschweren, gegen diese Anordnung aufzubegehren, beschließt dann aber, sich einem Fall zu widmen, in dem ihr schon damals die schlampige Ermittlungsarbeit eines Kollegen gegen den Strich ging. Und so rollt sie den Tod der russischen Asylsuchenden Elena neu auf. Ihr Tod wurde als Suizid abgetan, dabei hatte Elena gerade erst erfahren, dass ihrem Asylantrag stattgegeben wurde. Ob ihr Fall mit einem anderen Fall um eine verschwundene Frau zusammenhängt? Hulda stößt sehr bald auf Zusammenhänge zwischen den beiden Frauen.

Parallel oder ineinander verwoben sind die Rückblicke und Einblicke in Huldas Leben. Ihr Mann und ihre Tochter sind bereits verstorben. Ihre Tochter nahm sich mit 13 Jahren das Leben. Nach und nach setzt sich hier aus einzelnen Mosaiksteinchen ein düsteres Bild – ein Familiendrama – zusammen. Dieser Handlungsstrang ist es, der sich wie ein roter Faden durch alle drei Bände der Hulda-Trilogie zieht. Der Clou dabei: Ragnar Jónasson erzählt die Geschichte um Hulda nicht chronologisch, sondern rückwärts. Das klingt erst einmal befremdlich, ergibt aber Sinn. Ihre eigene Lebensgeschichte ist das tragende Element, das von hinten aufgerollt wird. Immer mehr Details treten aus dem Dunkel ans Licht. – – Übrigens: Auf Isländisch heißt „dunkel“ Dimma – genauso wie Huldas Tochter.

Der zweite Band: Insel

Die Kriminalfälle sind jeweils in sich abgeschlossen. Dennoch empfehle ich, zunächst Dunkel und dann Insel zu lesen. Worum geht es im zweiten Band? – – In einem Haus auf einer entlegenen Insel werden zwei Frauen getötet. Zwischen beiden Morden liegen zehn Jahre. Für den ersten Mord wird der Vater der Getöteten verurteilt. Er beteuert seine Unschuld und nimmt sich noch in der Untersuchungshaft das Leben. Als zehn Jahre später am gleichen Ort wieder eine Frau zu Tode kommt, rollt Hulda die Ereignisse aus der Vergangenheit neu auf.

In diesem zweiten Band ermittelt Hulda „auf dem Höhepunkt ihrer Karriere“, wie es der Klappentext nennt. Eine berauschende Karriere kann sie aber nicht gerade vorweisen, denn die Männer werden Hulda regelmäßig vorgezogen, wenn es um Beförderungen geht. Trotzdem macht Hulda ihren Job. Sie ermittelt gewissenhaft und gut – besser als ihre Kollegen, die wieder einmal, wie bereits in Dunkel, eine schlechte Ermittlungsarbeit abgeliefert haben. Wie im ersten Teil gerät Hulda auch dieses Mal mit ihrem Chef aneinander, das war wohl nicht anders zu erwarten.

Fast möchte ich sagen: Der neue Kriminalfall hier ist „Beiwerk“, viel mehr hat mich nach Dunkel (und seinem fulminanten Ende!) Hulda interessiert. Natürlich wird der Faden um ihre eigene Geschichte, um das düstere Familiengeheimnis weiter gesponnen. Dieser Erzählstrang hätte für mich aber durchaus mehr Raum einnehmen können.

Jetzt bin ich auf den letzten Teil der Reihe gespannt. Nebel stellt uns dann ja wohl die junge Polizistin Hulda vor. Allein wegen ihr werde ich diesen Teil natürlich auch lesen – egal welchen Kriminalfall Ragnar Jónasson um sie herum gestrickt hat.

Mein Fazit: eine symptahische Hauptfigur mit Ecken und Kanten, ein Autor mit klarer, nüchterner Sprache, die raue isländische Landschaft und brodelnde Quellen als Kulisse, interessante Chronologie – lesenswert!

Die Bände sind bei Randomhouse im Paperback erschienen. Nebel erscheint am 21. September!

https://www.randomhouse.de/Paperback/DUNKEL/Ragnar-Jonasson/btb/e567755.rhd

Eine Buchsprechung bei NDR Kultur von Annemarie Stoltenberg

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