Jackie

Die Blicke der anderen genießt sie. Sie ruhen auf ihr, verfolgen sie, Köpfe, die sich zu ihr umdrehen, ihr nachsehen, sie beobachten. Aufmerksam. Neugierig. Weil sie eine Erscheinung ist. Nicht ohne Neid. Je nachdem, ob es ein Mann oder eine Frau ist, die sie beobachtet. In diesem Fall ist es eine Frau. Sie hat Geld, das sieht Jackie. Verdientes Geld. Unabhängig wirkt sie, etwas spröde, auf jeden Fall ist sie nicht bemüht zu gefallen. Jackie hat sie nur aus den Augenwinkeln gemustert, aber sie besitzt feine Antennen für ihre Umgebung. Die Frau hinter ihr trägt eine funktionale Outdoorjacke. Clean. Sportlich schick. Wenn man in Kategorien denkt. Und Jackie tut das. Sie trägt Jeans. Eine der teuren. Sie sitzt perfekt. Nicht ausgewaschen. Sneakers. Jackie kennt die Marke. Sie schätzt, dass die Frau, die sie nur kurz gestreift hat, einen Tausender an sich trägt. Ihre Tasche, den Inhalt ihrer Tasche, Handy, Uhr, die tausend Kleinigkeiten nicht mitgerechnet. Und trotzdem wirkt sie unaufdringlich angepasst. Understatement. So nennt man das doch, oder? Wenn man sich mit der Masse gemein machen will? Jackie kann es sich nicht leisten, angepasst zu sein.

„Haben Sie noch eine andere Karte?“ Der Barista lächelt sie freundlich an.

„Do you speak English?“ Ihre Stimme. Die Stimme zu kontrollieren, kostet sie mittlerweile keine Mühe mehr. Es ist eine Rolle, in die sie schlüpft. Ihr Ton trifft die urbane Leichtigkeit flüchtiger Begegnungen. Der Sinn steht ihr nach Cappuccino. Das kurze Zischen, als der Barista den Hebel umlegt und das heiße Wasser in den Siebträger läuft. Sie sieht, wie der sämige Espresso in die Tasse läuft. Der Duft der Bohne. Er steigt ihr in die Nase. Ein Fest. Das ist es. Hier zu stehen. In Erwartung des Genusses, der ihr bevorsteht.

Der Barista wiederholt seine Frage. Sie zieht eine Augenbraue hoch und schaut ihn an. Diesen Blick hat sie im Spiegel oft geübt. Ihre Augenbrauen sind in Form gezupft und dann mit Farbe etwas aufgefüllt. Mit einem feinen Schwung. Augenbrauen sind der Rahmen eines Gesichts. Er muss stimmen. Bei Jackie stimmt alles. Niemand würde behaupten, sie sei stark geschminkt. Das ist sie. Aber Make-Up darf nie auffallen. Und Jackie würde – trotz der kleinen Korrekturen – jeder Zeit als Naturschönheit durchgehen. Schönheit erschöpft sich nicht in den Proportionen, dem Teint, hohen Wangenknochen. Ein schönes Gesicht ist doch im Grunde auf Durchschnittlichkeit aufgebaut. Eine Nase, nicht zu groß, nicht zu klein, Lippen, nicht zu schmal, nicht zu voll, Augen nicht zu weit, nicht zu eng beieinander. Nichts, worüber der Betrachter stolpert. Eine angenehme Erscheinung, so hat man es ihr früher einmal bestätigt.

Jackie weiß, worauf es ankommt. Es ist nicht das Gesicht. Es ist das Gesamtpaket. Das Gesamtpaket muss stimmen. Auch das sind Worte, die sie aus einem früheren Leben hinübergerettet hat. Damals glaubte sie noch daran, dass sie, also vielmehr ihr Gesamtpaket, es zu etwas Ruhm bringen würde. Aber der Inhalt des Pakets hat den Anforderungen nicht standgehalten. Sie will nicht wieder darüber nachdenken. Bitterkeit ist wie ein Drops, den man erst lutscht, dann schluckt. Den Geschmack wird man nicht los.

Der Barista schenkt ihr einen freundlichen Blick und wartet geduldig. Jackie kramt in ihrem Täschchen. Sie weiß, die Tasche könnte sie verraten. Sie ist aus der vorletzten Saison. Und Touristen tragen heute eher Rucksäcke, auch die Londoner, Pariser oder New Yorkerinnen, die sie sich zum Vorbild nimmt. Jackie hasst Rucksäcke. Sie zerstören das Bild. Sie zieht eine Kreditkarte aus der Innentasche des Seidenfutters. Ihre Fingernägel sind farblos lackiert, gefeilt, nicht zu lang und nicht zu kurz. Es sind die Hände einer Frau, die nicht arbeitet. Keine Schwielen, keine Hornhaut, keine rissigen oder trockenen Stellen. Ihre Hände cremt sie mehrmals täglich. Eine kleine Tube Handcreme passt sogar in ihr Täschchen eines bekannten Pariser Modehauses. Wenn sie altert, wird Jackie es an ihren Händen zuerst bemerken.

„Sorry, we don’t accept these sort of cards.”

Das wusste sie bereits. Nun lächelt sie entschuldigend. Jackie hat keine Eile. Sie hat alle Zeit der Welt. Zeit ist ihr Vermögen. Ihre Manteltaschen sind an der Reihe. Rechts und links fasst sie sich in die tiefen Taschen. Dass auf der einen Seite ein winziges Loch im Futter ist, das sich stetig weitet, wenn sie dort hineinfährt, weiß niemand. Man sieht es dem Mantel nicht an. Wie kann ein teurer Designermantel wie neu wirken, aber im Futter lösen sich die Fäden auf? Außen hui, innen pfui, denkt Jackie.

„I have only pounds.“ Sie zieht aus der Tasche, der ohne Loch, ein paar Münzen hervor.

Die Outdoormantelfrau nimmt die Wartezeit gelassen. Auch das ist Understatement. Jackie wählt nur Läden aus, in denen jeder weiß, wie man sich zu benehmen hat. Hier wird nicht gedrängelt, gemeckert, gepöbelt schon gar nicht. In diesem Bezirk, in dem sie sich tagsüber aufhält, sowieso nicht.

Zwischen Jackie und dem Barista steht der Cappuccino. Es ist der beste im Kiez. Eine alte italienische Maschine.

Sie gibt dem Barista, was nötig ist: ein paar Sätze des Bedauerns, der Entschuldigung, I’m so sorry und so weiter. Gleich wird er sich einen Ruck geben. Sie weiß es. Nicht dass sie ihn kennt. In diesem Laden wechseln die Barista so schnell wie Frauen ihre Handtaschen. Aber Jackie kennt diesen Blick. Er ringt mit sich. Er überlegt, was sein Chef ihm jetzt wohl raten würde. Wie lauten die Statuten des Kundenservice? Wie ist die Etikette? Was gebietet die Höflichkeit?

Jackie hat Hafermilch bestellt. Seit Jahren verzichtet sie auf Milchprodukte. Milch ist nicht gut für ihren Teint. Sie bekommt Pickel davon. Ihr Blick fällt auf den Kaffee auf dem Tresen. Sie zuckt mit den Achseln und wiederholt ihr Bedauern. Das passiere ihr öfter, sie sei einfach so shaky, gerade in Sachen Bargeld. Der Barista lacht. Das könne er verstehen. Wer hat heute noch Bargeld in der Tasche?

Sie hat ihn am Haken. Beide wissen: Das Getränk ist für sie gemacht, für niemanden sonst. Für Jackie. Er kann es nicht an jemanden anderen verkaufen. Er kann ihn selbst trinken. Für Hafermilch ist er nicht der Typ. Und er möchte der Frau, die offenbar charmant, weltläufig, anglophil und hübsch ist, einen Gefallen erweisen. Oder sich zumindest nicht als kleinkariertes Arschloch entpuppen. Das ist Jackies Trumpf. Er schiebt ihr die Tasse über den Tisch und legt einen Hafercookie an den Rand des Tellers. Jackie bedankt sich. Nicht überschwänglich. Dabei fällt ihr Blick auch auf die Outdoorjackenfrau. Hat sie sie durchschaut? Was Jackie nie tut: Ihnen in die Augen schauen.

Sie nimmt den Kaffee und setzt sich nach draußen auf einen der Teakstühle. Auf den Gang kommt es an. Es ist nicht nur der jahrelanger Ballettunterricht. Es ist die innere Haltung. Es ist kein Almosen, das sie hier herausträgt. Es ist ein Kaffee. Ihr Kaffee. Sie nimmt einen Schluck. So schmeckt es. Die Sorglosikeit.

Für die Outdoorfrau ist es nur ein Kaffee. Kein Smalltalk mit dem Barista. Stattdessen schaut sie auf ihr Handy. Sie liest irgendetwas, nimmt den Pappbecher und verlässt des Laden. Nichts lässt darauf schließen, dass es für sie eine Bedeutung hat. Lust auf Kaffee? Dann besorgt sie sich einen. Sie kann das jederzeit und überall tun. Jackie besitzt dieses Privileg nicht. Von den paar Piepen, die nach Abzug ihrer laufenden Kosten übrig sind, kann sie sich keinen Kaffee in diesem Teil der Stadt leisten.

Jackie zieht ihr Handy aus dem Täschchen. Darauf ist längst kein Guthaben mehr. Aber sie vertieft sich in die bunte Oberfläche, scrollt durch ihre Bildergalerie, imitiert die Cafebesucher, die sie eigentlich beobachtet. Sie ist eine von ihnen. Solange sie Cappuccino trinkt.

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