Mein erstes Mal

Ich lese ja nun wirklich quer durch alle Genre. Auch Thriller nehme ich zuweilen in die Hand. Ich muss allerdings gestehen, dass ich irgendwann – nach Henning Mankell, Kathy Reichs, Mo Hayder, Stieg Larsson, Stephen King und anderen – die Lust am Overthrill etwas verloren habe. Dabei ist mir Sebastian Fitzek durch die Lappen gegangen. Sein erster Roman kam, wenn ich das recht überblicke, 2006 heraus: Die Therapie. Seither folgt jedes Jahr ein weitere Thriller. Mit Preisen wurde Sebastian Fitzek ausgezeichnet, 2016/2017 z. B. mit dem Europäischen Preis für Kriminalliteratur. Nun gut. Der Heimweg ist mein erster Fitzek.

Der Heimweg ist in diesen Tagen erschienen. Unter Fitzek-Anhängern ist es Kult, die limitierte Hardcover-Ausgabe am Erscheinungstag frei Haus geliefert zu bekommen. Und ich muss sagen: Es sieht toll aus und liegt gut in der Hand. Das rabenschwarze Buch mit dem geschwärzten Buchschnitt macht optisch einiges her. Aber es handelt sich ja auch um einen Topseller. Hier wird geklotzt, nicht geklettert.

Es ist gar nicht so einfach, etwas zum Inhalt zu sagen, ohne bereits wichtige Informationen vorwegzunehmen. Wie ein Hase, der vor der Schrotflinte des Jägers flieht, schlägt die Geschichte Haken. Unerwartete Wendungen scheinen das Markenzeichen von Sebastian Fitzek zu sein.

Was kann ich zum Inhalt sagen, ohne zuviel zu verraten?

Es geht um Klara, eine Frau, die zu Hause unter dem Sadismus ihres Ehemannes zu leiden hat. Der ist aber nicht die einzige Bedrohung, der sie gegenübersteht. Da gibt es noch ein paar andere Männer in ihrem Leben, die ihr Übel mitspielen. Warum kann sie nicht die Kraft aufbringen, sich aus ihrem Martyrium zu befreien? Warum verlässt sie ihren Ehemann nicht einfach? Liegt es daran, dass sie bereits in ihrer Kindheit gelernt hat, die Opferrolle anzunehmen und auszufüllen? Oder ist es Amelie, ihre Tochter, die sie zu Hause hält? – – In einer bitterkalten Winternacht versucht sie, zu Fuß in ihr abgelegenes Ferienhaus am Rande der Stadt zu gelangen. Aus Versehen wählt sie die Nummer des Begleittelefons, die sie eingespeichert hat. Das Begleittelefon oder auch Heimwegtelefon ist ein ehrenamtlicher Service für Menschen, die nachts allein unterwegs sind und Angst haben. Im Falle eines Angriffs kann der Mitarbeiter am Telefon die Polizei verständigen. In der Regel reicht es, dass die Person am anderen Ende der Leitung die Anruferin (meistens sind es Frauen, die diesen Service in Anspruch nehmen) begleitet, bis sie sicher zu Hause sind. Klara erwischt an diesem Abend Jules Tannberg. Und damit beginnt für sie eine lange Nacht (…)

Fazit:

Okay, jetzt kenne ich auch Fitzek. Ich habe den Roman in einem Rutsch weggelesen. Das sei der Spannung und meiner Neugierde geschuldet. Trotzdem füge ich ein ABER an: Denn ich habe mich ein wenig geärgert, weil im Buch ausschließlich Psychopathen auftreten. Auch die Hauptfigur Klara ist leider nicht wirklich eine Symptahieträgerin. Alle Figuren sind traumatisiert, eindimensional überzeichnet – die Männer allesamt kranke Sadisten. Schade, dass hier nicht mehr Graustufen möglich waren, denn das Thema häusliche Gewalt ist ein sehr wichtiges Thema, das viel zu selten beleuchtet wird.

Nicht immer war der Plot einleuchtend. Es gab etwas zu viele Wendungen, um das nötige Spannungslevel zu halten, das für Fitzek typisch zu sein scheint. Das Thema und die Charaktere blieben an der Oberfläche.

Pluspunkt: Der temporeiche Erzählstil auf mehreren Zeitebenen und an mehreren Schauplätzen. Ein Thrill für eine Nacht.

Tipp:

Ich denke, die Leserinnen und Leser, die bei Ragnar Jónassons Hulda-Trilogie gemault haben, ihnen fehle der Thrill, sind vielleicht bei Fitzek gut aufgehoben. Die, die den Tiefgang bei Fitzek vermissen, probieren es vielleicht mal mit Hulda.

Sebastian Fitzek, Der Heimweg, Droemer-Knaur, 21. Oktober 2020, 400 Seiten.

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