Durst

Vorsicht: Ich bin, soweit ich es überblicke, die einzige, die überhaupt ein kritisches Wort zu Amélie Nothombs neuem Roman „Die Passion“ verliert. Und das, obwohl ich eine große Verehrerin ihrer Romane bin – kann man alles hier auf dem Blog nachlesen!!! Und doch, ich kann nicht anders, sorry … Also:

Der neue Roman von Amélie Nothomb „Die Passion“ heißt im französischen Original „soif“ – Durst. Und schon fängt es an mit der Meckerei, die allerdings an den Diogenes Verlag gerichtet ist: Wie kann man nur den Titel ändern? Also wirklich. Warum „Durst“ meines Erachtens der bessere Titel für die deutsche Ausgabe gewesen wäre? Weil Durst einer der zentralen Begriffe der Geschichte ist. Durst ist eine elementar menschliche Regung. Durst treibt Jesus an und die Erfahrung von Durst und Durststillung kommt einer Gottesoffenbarung gleich. Warum dann im Deutschen „Die Passion“? Sachlich ist der Begriff korrekt. Was mich trotzdem daran stört? Darin schwingt eben auch sofort die typisch theologische Begrifflichkeit mit, die – zum Glück! – im französischen Original fehlt. Die Passion Jesu ist ein feststehender theologischer Begriff, verortet im Kirchenjahr in der Zeit vor Ostern (der Passionszeit), die dem Leiden und schließlich dem Sterben Jesu (Karfreitag) gedenkt. Damit ist der Inhalt des Romans von Amélie Nothomb bereits auf den Punkt gebracht: Sie erzählt das Sterben Jesu neu und zwar aus der Ich-Perspektive: „Ich wusste seit jeher, dass man mich zum Tode verurteilen würde.“

Neben dieser sachlichen Beschreibung wird es zwischendurch „spirituell“, metaphysisch, auf jeden Fall aber metaphorisch – und hier kommt nun wieder Durst ins Spiel:

„Es ist kein Zufall, dass ich mir diese Weltgegend ausgesucht habe: Politisch zerrissen war mir nicht genug, ich brauchte ein durstiges Land. Nichts ist der Erfindung, die ich erwecken will, ähnlicher als der Durst. Wahrscheinlich ist das der Grund dafür, dass niemand den Durst so intensiv spürt wie ich.“

Durst ist die Triebfeder, die Motivation, die Beschreibung für das, was Jesus antreibt – Quell der Mystik und der Gottesoffenbarung. „Wie ein Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele nach Gott (Ps 42,2)“ heisst es in der Bibel. Und bei Amélie Nothomb:

„Wahrlich, ich sage euch: Was ihr empfindet, wenn ihr dürstet, das sollt ihr hegen und pflegen. Es ist der Quell der Mystik.“

„Wenn ein Dürstender den Wasserbecher an die Lippen setzt – dieser unbeschreibliche Moment ist Gott.“

Aber es geht nicht nur um die „spirituellen oder religiösen Sentenzen“. Amélie Nothomb will von der menschlichen Seite Jesu schreiben: Was treibt ihn an? Was denkt er? Wie fühlt er? Wen liebt er? (…) Und sie greift auf, was früher vielleicht noch ein Aufreger gewesen wäre: zum Beispiel die körperliche Liebe zu Maria von Magdala. Ihre Verbindung zueinander, die Anziehungskraft, Liebe, Erotik zwischen ihnen finde ich wunderbar umgesetzt und erzählt. Das ist aber heute kein Aufreger mehr, auch für Theologen nicht.

Mir scheint, der Roman ist vor allem Amélie Nothombs eigener Passion im Sinne von Leidenschaft geschuldet: Streng katholisch aufgewachsen, arbeitet sie sich an der kirchlichen Lehre vom Kreuzestod Jesu ab. Sie will Jesus als Mensch darstellen, sagt sie. Und dann redet sie doch wieder von Gott – wobei Jesus, der im jüdischen Glauben aufgewachsen ist, sicher eine andere Vorstellung von Gott hatte als wir heute – nach 2000 Jahren Kirchengeschichte (…). Amélie Nothombs Jesus ist mehr ein Kind ihrer (und unserer) Zeit als seiner Zeit. Da hilft es noch nicht einmal, dass sie wie immer mit Ironie und Sprachwitz erzählt …

Jesus – wahrer Mensch und wahrer Gott. Amélie Nothombs Roman zeigt, dass beides nicht gut zusammengeht.

Amelie Nothomb, Die Passion, Diogenes Verlag, Oktober 2020, 128 Seiten.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s