Die perfekte Freundin

Ich beginne mal etwas anders als sonst: Ich beginne mit dem Cover. Und ich beginne mit den beiden Frauen, obwohl in der Beziehungskonstellation noch der männliche Part fehlt. Aber erst einmal das Cover: Das Cover finde ich einfach wunderbar, sehr gelungen und ansprechend, auch wenn ich in der dort abgebildeten Frau keine der beiden weiblichen Hauptfiguren wiedererkenne (eher einen Mix aus beiden Figuren).

Jillians Kleiderstil ist sehr ausgefallen, mal Hippie, mal mondän, oft einfach nach Lust und Laune zusammengewürfelt. Fakt ist: Jillian fällt auf – was auch an ihrer üppigen Haarpracht liegt. Sie zieht die Blicke auf sich – von Männern und Frauen gleichermaßen. Page hingegen ist personifiziertes Understatement. Sie kleidet sich sportlich, konservativ, ist unauffällig und angepasst, trägt dafür aber oft einen moralischen Zeigefinger vor sich her. Dass die beiden Frauen nicht unterschiedlicher sein könnten, zeigt ihr erstes Aufeinandertreffen. Jillian trägt Pelz, einen alten Mantel aus dem Secondhandladen, dazu eine Federboa (!). Page ist schockiert und hält mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg:

„Damit wirbt man für die Ermordung von Tieren zum Zweck der Verwertung ihrer Körperteile.“ „Machen wir das nicht die ganze Zeit, wenn wir Fleisch essen?“, fragte Jillian vorsichtig. „Ich esse kein Fleisch“, erwiderte Paige mit steinerner Miene. „Gut, dann bis du bewundernswert konsequent …“ (S. 36)

Was so begonnen hat, wird auch bei näherem Kennenlernen nicht zu einer Freundschaft fürs Leben. Eine Freundschaft fürs Leben hingegen führen Jillian und Weston, den Jillian ausschließlich Baba nennt (eine Abkürzung seines Nachnamens Babansky). Auch Weston nennt Jillian fast ausschließlich bei ihrem Nachnamen Frisk. Baba und Frisk kennen sich „ewig“. Sie teilen eine gemeinsame Geschichten, gemeinsame Freunde, hatten in grauer Vorzeit einmal Sex und sich dann darauf verlegt, lieber zusammen Tennis zu spielen, und das tun sie regelmäßig, viele Stunden – beide lieben das Tennis und die Gespräche danach.

Nach vielen, eher kürzeren Liebesbeziehungen trifft Weston auf Page. Dass Page und Jillian nicht zusammenpassen, habe ich bereits erwähnt. Es kommt, wie es kommen muss: Für Page ist Jillian ein Dorn im Auge. Natürlich ist Page eifersüchtig, aber das würde sie niemals zugeben, dafür erfindet sie immer neue, scheinbar vernünftige Argumente, damit Weston weniger Zeit mit Jillian verbringt. Das geliebte Tennisspiel muss Weston z. B. auf wenige Stunden kürzen. Jillian hingegen scheint von Pages Motiven und Gefühlen ihr gegenüber nichts, aber auch rein gar nichts mitzubekommen. Ihr fehlt jede Antenne für die Antipathie, die Page ihr entgegenbringt. Natürlich ist Page nicht immer offen feindlich eingestellt, aber sendet doch subtile Signale, die Jillian nicht lesen kann – oder möchte.

Erst dachte ich: Oh, das läuft auf eine Harry-und-Sally-Geschichte hinaus. Männer und Frauen können keine Freunde sein. Da kommt immer der Sex ins Spiel. Und wenn sich dann einer des gemischten Freundschaftsdoppels verliebt, geht dem „Freund“ ein Licht auf, dass da neben Freundschaft auch Liebe mit im Spiel ist … aber nein, hier handelt es sich nicht um eine Harry-und-Sally-Variante. Weston wird zum Spielball eines Matches, dessen Regeln er nicht durchblickt. Als Page darauf besteht, dass Jillian nicht zur Hochzeit eingeladen werden darf, gibt Weston auch in diesem Punkt nach (…) Aber bitte lest selbst!

Der Roman umfasst nur 180 Seiten, aber nach den ersten Seiten, die im Plauderton dahinplätschern, entwickelt die Geschichte eine Kraft, die mich das Buch nicht mehr aus der Hand legen ließ. Lionel Shriver ist eine Meisterin der Darstellung von Charakteren, deren zwischenmenschlichen Beziehungen und der Abgründe, die sich hier auftun. Manch einer versucht sie verschleiern und schützt hehre Motive vor. Doch eine noch so gute Argumentation kann nicht über die niederen Beweggründe dahinter hinwegtäuschen – eigentlich. Nur Jillian und Weston sind auf ihre Weise mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen das Drama nicht zu durchschauen und sind doch mittendrin …

Es geht um Freundschaft, ja, sie steht hier auf dem Prüfstand, aber es geht auch um gegensätzliche Lebensentwürfe für die Jillian und Page stehen. Die Frage ist: Halte ich das aus – den Grad an Andersartigkeit? Wie weit reicht die Toleranz, wenn man sich bedroht fühlt? Wie subtil manipulativ gehen wir eigentlich miteinander um? Und kann es bei diesem Spiel am Ende Gewinner geben?

Lionel Shriver: Die perfekte Freundin, Piper Verlag, 180 Seiten.

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