Sprich mit mir

Nein, vom Planet der Affen hat sich T. C. Boyle nicht inspirieren lassen, oder doch? – „Sprich mit mir“ handelt von Sam. Sam ist ein Schimpanse. Er wurde von Menschen großgezogen wie ein Baby. Er wächst in einem Haus auf, besitzt ein eigenes Zimmer, Spielsachen, isst gerne Pizza oder Cheeseburger, trinkt ab und an ein Gläschen Wein, aber viel lieber Cola.

Sam ist ein Schimpanse, der der Forschung dienen soll. Der Verhaltensbiologe Guy Schermerhorn kümmert sich um ihn – mit einer Reihe studentischer Hilfskräfte. Eine von ihnen ist Aimee. Als Sam und Aimee sich das erste Mal begegnen, ist sofort klar, dass zwischen ihnen ein besonderes Band besteht. Sam sucht ihre Nähe. Er ist gern bei ihr, fühlt sich bei ihr wohl und umgekehrt. Eine enge Vertrautheit besteht zwischen ihnen. Das ist wichtig, denn je älter ein Schimpanse wird, desto schwieriger wird es, ihn zu lenken und zu führen. Daher bleiben für die Forschung oft nur wenige Jahre, in denen man „gut“ mit ihnen arbeiten kann.

Aber was ist Sam? Ein Schimpanse? Artgenossen kennt er nicht. Er ist unter Menschen aufgewachsen. Die meiste Zeit verhält er sich wie sie. Er isst wie sie, er kleidet sich manchmal wie sie, er lebt wie sie in einem Haus, schaut Fernsehen, schläft in einem Bett, geht auf die Toilette und – er kommuniziert! Das ist wohl das hervorstechendste Merkmal: Sam artikuliert sich über Gebärdensprache. Täglich lernt er neue Vokabeln. Seine engsten Vertrauten können sich tatsächlich mit ihm unterhalten. Sam besitzt Gefühle. Er denkt. Er zieht Schlüsse aus dem, was er tut und was andere tun. Kurzum: Sam besitzt eine Vorstellung, ein Bewusstsein von sich selbst.

Genau um diese Fragen dreht sich Guys Forschung: Wie ähnlich sind sich Menschen und Schimpansen? Sind sich Schimpansen ihrer selbst bewusst? Und wenn ja – was heißt das dann für unseren Umgang mit ihnen und unser Zusammenleben auf diesem Planeten?

Vor zwei Jahren war ich das letzte Mal mit meiner Tocher im Zoo. Es wird vielleicht der letzte Besuch dieser Art überhaupt gewesen sein, denn am Affengehege sagte sie: „Das ist so grausam, die Tiere einzusperren – völlig unmenschlich! Ich will hier nie wieder hin!“ Und tatsächlich kam es auch mir so vor, als hätten die Schimpansen die Nase gestrichen voll von ihren Gaffern. Die Tiere versteckten sich regelrecht vor unseren Blicken, drehten uns die Rücken zu, drückten sich hinter noch so kleine Stangen, Büsche und Vorsprünge. Es kam uns damals so vor, als würden sie versuchen, sich ein Stück „Privatsspähre“ zu sichern. – – Gerade frage ich mich, ob sie vielleicht ähnlich empfinden wie Sam …

T. C. Boyle lässt uns teilhaben an Sams Gedanken. Fiktiv, aber doch sehr glaubwürdig vermittelt er uns, dass Sam denkt und fühlt.

Im Roman kommt es, wie es kommen muss: Von einem auf den anderen Tag wird das Forschungsprojekt auf Eis gelegt. Sam muss zurück in den Käfig, zurück zu Artgenossen, die ihm fremd sind, zurück in ein Leben, das er nicht kennt und das ihn krank macht. Nur Aimee ist da. Sam ist ihr Lebensinhalt. Aber was kann sie ausrichten gegen einen tyrannischen Professor, der die Tiere aus Profitgier einer grausamen Forschung opfern will?

Puh, T. C. Boyle hat mich geflasht. Er erzählt abwechselnd aus verschiedenen Perspektiven: Guy, Aimee und vor allem Sam, die Kapitel, in denen wir uns als Leser in seinem Kopf befinden, denken, was er denkt, fühlen, was er fühlt, sind herzzerreißend.

Fazit: Ein großartiges Buch, das unseren menschlichen Blick auf unsere Mitgeschöpfe radikal auf den Kopf stellt! Danke, T. C. Boyle! (So viele Ausrufezeichen benutze ich selten!!! 😉

T. C. Boyle: Sprich mit mir, Hanserliteraturverlage, 352 Seiten, Januar 2021.

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