Die Mitternachtsbibliothek

Dieses Hörbuch war für mich eines der ersten in diesem Jahr – und ist jetzt schon mein besonderes Highlight 2021. Ich habe mir dann auch noch die Printversion zugelegt. Manche Sätze möchte ich einfach mehrmals lesen und sie mir auf der Zunge zergehen lassen – weil darin soviel Lebensweisheit steckt. Vielleicht ist auch die Gefahr dabei, dass es manchmal etwas in Poesiealbenrührseligkeit abrutscht, aber nein, Matt Haig schreibt in einem Ton, der über Kitsch erhaben ist.

„Das Leben besteht nicht nur aus dem, was wir tun, sondern auch aus dem, was wir nicht tun.“

Dieser Satz bildet das Gedankengerüst der Geschichte. Es geht um das, was wir nicht aus unserem Leben gemacht haben: die verpassten Chancen und Möglichkeiten. Die Mitternachtsbibliothek ist ein Ort des Übergangs, ein Transit, nicht nur zwischen Leben und Tod, sondern ein Ort, der die Verbindung herstellt zu allen möglichen Leben, die man hätte Leben können. Jedes Buch, das sich in dieser Bibliothek findet, erzählt eine andere Geschichte, einen anderen Verlauf, der sich aus anderen Lebensentscheidungen ergibt, den kleinen wie den großen.

Nora Seed ist nicht mehr ganz jung, aber auch nicht alt, irgendwie dazwischen. Ihr Philosophiestudium hat sie nicht weit gebracht: Sie hat es nicht über die Grenze ihrer Heimatstadt geschafft. Sie arbeitet seit vielen Jahren in einem Musikladen als Verkäuferin. Und dann stirbt ihre Katze, sie verliert ihren Job, ein alter Freund, dem sie zufällig begegnet, macht sie für sein Unglück verantwortlich … Des Lebens überdrüssig schluckt Nora Seed Tabletten. Aber sie ist nicht tot, noch nicht. Sie erwacht in der Mitternachtsbibliothek.

Die Mitternachtsbibliothek hält sie zwischen Leben und Tod. Hier trifft sie auf Mrs Elm, ihre einstige Schulbibliothekarin. Früher hat sie mit ihr Schach gespielt. Mrs Elm hat ihr damals schon Mut gemacht und an sie geglaubt – sie, Nora, könne alles werden, auch Astronautin oder Gletscherforscherin. „Vor dir liegen viele verschiedene mögliche Lebenswege.“ Wie wahr! Nora erhält in der Mitternachtsbibliothek die Chance, in ihre verpassten Leben „hineinzuschnuppern“. Mit jedem Buch, das sie zur Hand nimmt, öffnet sie eine mögliche Variante ihres Lebens. Sie begegnet ihrem Bruder, mit dem sie in der Welt, aus der sie kommt, keinen Kontakt mehr hat. Sie trifft auf ihren Exfreund, mit dem sie verheiratet ist und einen Pub betreibt. Sie begegnet alten und neuen Bekannten. Rockstar oder Uniprofessorin – alles ist möglich. Aber jedes Leben hat auch seine Schattenseiten, bis Nora auf ein Leben trifft, das perfekt zu sein scheint …

Dieses Buch beginnt mit einem Suizidversuch und feiert danach das Leben. Es hat so viel Spaß gemacht, Nora in all ihren Facetten kennenzulernen. Ein bißchen hat mich die Idee an den Kinofilm „Family Man“ erinnert – an Jack Campbell (Nicolas Cage) und seine zwei Leben: das eine als erfolgreicher Investmentbanker, das andere als Familienvater. Die Mitternachtsbibliothek zeigt, dass es unendlich viele mögliche Leben gibt. Ein wunderbares Gedankenspiel! Am Ende geht es nicht darum zu hadern, was nicht ist, sondern die Chancen zu ergreifen.

Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung. Wenn ich so etwas wie Punkte vergeben würde, bekäme dieses Buch volle Punktzahl. Das ist ein Buch, das ich sicher auch weitergeben und weiterverschenken werde.

Matt Haig, Die Mitternachtsbibliothek, Droemer, 1.02.21, 320 Seiten.

Das Hörbuch dazu wurde von Annette Frier gesprochen – der absolute Hammer!

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