Die Harpyie

Megan Hunters zweiter Roman ist – wie auch ihr Debüt – längst zum Weltbestseller avanciert. Das Cover von „Die Harpyie“ war und ist seit Wochen überall zu sehen. Und das Cover erweckt sofort Aufmerksamkeit, bei mir jedenfalls.

Das geflügelte Wesen, das das Frauengesicht bedeckt oder das mit der Frau verschmelzt, wie auch immer: Es ist hervorragend gewählt. Die Harpeia ist in der griechischen Mythologie ein geflügeltes Mischwesen in Vogelgestalt mit Frauenkopf. Auf dem Cover ist es gerade andersherum: Auf dem Körper der Frau erheben sich die Flügel, nehmen ihr und uns die Sicht. Die Flügel auf dem Cover sind weiß, sie wirken eher anmutig als bedrohlich, dabei ist die griechische Harpeia keineswegs harmlos. Auf Zeus Befehl hin tötet sie. Ihre Krallen bohren sich dabei in Menschenfleisch. Wir haben es mit düsteren Vogelfrauen zu tun, die Schmerz und Tod mit sich bringen.

Damit steht auch die Geschichte, die Megan Hunter erzählt, unter dunklen Vorzeichen. Lucy und Jake leben mit ihren beiden Söhnen in einer Doppelhaushälfte. Luke hat einen gut bezahlten Universitätsjob, Lucy arbeitet freiberuflich als Texterin. Dann gesteht Luke seiner Frau eine Affäre. Für Lucy bricht eine Welt zusammen. Sie schlägt ihre Fingenägel in Jakes Haut und spürt, dass es ihr guttut, ihrem Mann wehzutun. In ihr erwacht die Harpyie, für die sie sich schon ihr ganzes Leben lang interessiert, zum Leben. Sie einigt sich mit Jake darauf, dass sie ihm dreimal Schmerz zufügen darf – als Vergeltung für seinen Verrat.

Das Familienidyll ist dahin. Nur noch der Anschein einer glücklichen Familie wird aufrechterhalten. Lucys Rachedurst wächst und gleichzeitig verwandelt sie sich immer mehr in eine gefährliche Harpyie.

Soweit lässt sich die Story auch auf dem Klappentext verfolgen. Der Guardian resümiert, dass der Roman ein beunruhigendes psychologisches Terrain skizziere, das sich hinter „bürgerlich-ehelicher Ruhe“ verberge.

Beunruhigend fand ich dreierlei:

Die Beschreibungen des Familienlebens und der Nachbarschaft. Frauen, die das Kinder-Taxi übernehmen, Männer in Anzügen, die Geld verdienen. Eine hübsche kleinbürgerliche Welt, in der die Rollenbilder der 1950er Jahre zu gelten scheinen. Und Jake erfüllt das Klischee des treulosen Ehemanns. Dass die häusliche Gewalt von der Frau ausgeübt wird, sprengt dann aber (zum Glück) den bekannten Rahmen. Allerdings fand ich Lucy recht unsympathisch – sie ist keine Jeanne d’Arc der betrogenen Ehefrauen – was mich zum zweiten beunruhigenden Detail bringt.

Lucy trägt psychopathische Züge. Sie steigert sich immer mehr in ihre Rachevorstellungen. Ihr Handeln ist völlig überzogen. Die Rückblenden in ihre Kindheit deuten an, dass sie gewisse Muster wiederholt, die sie nie verarbeitet hat.

Mein dritter Einwand geht über den Plot hinaus. Denn dass dieser lesenswert ist und gut geschrieben, möchte ich nicht in Abrede stellen. Einmal angefangen, habe ich die 200 Seiten in einem Rutsch gelesen. Was mich aber etwas ratlos zurücklässt, ist die Alternativlosigkeit, mit der Lucy und Jake agieren. Niemand zieht in Betracht sich zu trennen. Das finde ich – wie auch die Rollenbilder, an denen Lucy leidet – etwas gestrig. Es bricht keine Welt zusammen, wenn Paare auseinandergehen. Das passiert jeden Tag überall auf der Welt. Gruselig ist, wenn ein Paar wie Lucy und Jake eine Übereinkunft treffen, einen Seitensprung mit Schmerz wettzumachen.

Am Ende bin ich etwas traurig, dass Lucy es nicht geschafft hat, sich aus den Klauen der Harpyie zu befreien. Aber Drama und Tragödie sind natürlich die besten Voraussetzungen für ein guten Roman …

Fazit: Das Cover fand ich großartig und die Idee, ein Wesen aus der griechischen Mythologie zu erwecken, machen die Story zu etwas Besonderem. Ich werde nun auf jeden Fall Megan Hunters ersten Roman „Vom Ende“ lesen – von diesem sagt man, er sei so ganz anders … ich bin gespannt!

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