Marzahn, mon amour

Manchmal dauert es etwas, bis das Gute auch bis zu mir durchdringt. Im Fall von Katja Oskamps „Marzahn, mon amour“ war es so. Gehört hatte ich schon von diesem Geschichtenband, aber nun ist es das Taschenbuch geworden – und ich kann nur jedem und jeder empfehlen: Wer es noch nicht kennt, bitte lesen!

Geschichten aus dem Alltag einer Fußpflegerin in Marzahn. Herrlich! Dabei passiert nicht viel: Sehr unterschiedliche Kiezbewohner*innen besuchen das Fußpflegestudio im Plattenbauparterre, nehmen auf dem Behandlungsstuhl Platz und werden ein Stockwerk höher gefahren. Dann geht es vermeintlich um Füße – doch eigentlich geht es immer ums Leben, um die großen und kleinen Dinge, das Schwere und das Leichte, die Last, die Schrullen, Ticks und Gewohnheiten.

So viele unterschiedliche Menschen suchen die Fußpflege auf – manchmal wird es skurril, manchmal nachdenklich oder auch heiter. Nie wird es voyeuristisch, nie geht es auf Kosten anderer, niemand wird vorgeführt – mit einem Gespür für Menschen erzählt Katja Oskamp ihre kleinen, großen Geschichten.

Neben den Geschichten hat mich aber bereits der Anfang – die Vorrede – berührt. Katja Oskamp erzählt, wie sie zur Fußpflege gekommen ist, welche Gedanken sie in der Mitte des Lebens bewegt haben und welche Träume zerplatzt sind, wobei… mit Marzahn, mon amour ist ja dann doch noch ein Traum in Erfüllung gegangen – das Leben geht manchmal Umwege, die eben sein müssen!

„Die mittleren Jahre, in denen du weder jung noch alt bist, sind verschwommene Jahre. Du kannst das Ufer nict mehr sehen, von dem du einst gestartet bist, und jenes Ufer, auf das du zusteuerst, erkennst du noch nicht deutlich genug. (…) Ich war 44 Jahre alt, als ich die Mitte des großen Sees erreichte. Mein Leben war fad geworden – das Kind flügge, der Mann krank, die Schreiberei, mit der ich es bisher verbracht hatte, mehr als fragwürdig. Ich trug etwas Bitteres vor mir her und machte damit die Unsichtbarkeit, die Frauen jenseits der vierzig befällt, vollkommen.“

Katja Oskamp spricht mir hier aus dem Herzen. Ich befinde mich auch mitten auf dem See, manchmal lasse ich mich treiben, manchmal strample ich mich ab – und frage mich: Wozu das Ganze? – – Nicht resignieren! Machen! Mit einer Neugier auf das, was kommt, vorangehen.

Schade, dass es nur ein schmales Buch ist (142 Seiten!). Dafür liest man die Geschichten leicht hintereinander weg – an einem schönen Sommertag im Liegestuhl, sehr kurzweilig und anregend.

Katja Oskamp: Marzahn, mon amour. Geschichten einer Fußpflegerin, Suhrkam Taschenbuch 2021.

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