Die Kobra von Kreuzberg

Was für ein Knallerbuch! Ich weiß, die einen lieben die Schreibe von Michel Decar, die anderen finden sie grottig. Ich habe mich auf jeden Fall köstlich amüsiert und gebe mein Fazit schon vor Ende meines Blogbeitrags ab: Michel Decar spielt für mich in der ersten Liga der Sommerromane 2021, ganz mein Humor, die Kobra von Kreuzberg!

Worum es geht? Ach, der Plot ist nicht ganz so wichtig, auch die Stringenz und Logik nicht, denn hier kommt es vielmehr auf den Weg an, den man mit Beverly Kaczmarek zurücklegt. Bev ist eine Kriminelle aus einer Familie von Kriminellen, in der alle versuchen, sich durch spektakuläre Diebeszüge gegenseitig zu übertrumpfen.

„Ihre Brüder Yves und Billy Kaczmarek waren eine Woche zuvor in die Petersburger Erimetage eingestiegen und hatten zwei ordinär teure Fabergé-Eier mitgehen lassen. Der Bruch, den beide begangen hatten, war nicht nur spektakulär und waghalsig, er zog auch eine anschließende Verfolgungsjagd (Motorboote, Explosionen) nach sich und erhielt ein überwältigendes Medien-Echo. Internationaler Beifall von Le Monde und BBC. Ihr eigener Bruch war dagegen keines Vergleichs würdig. Wie würde sie dastehen? Durchschnittlich, provinziell, vorhersehbar.“

Also muss etwas Großartiges her, etwas, das noch nie jemand versucht hat zu stehlen: Bevs Diebinnenblick wandert zum Brandenburger Tor – die Quadriga, natürlich, die muss es sein!

„Der Beruf des Pferdediebs ist in der Bevölkerung wenig anerkannt. Natürlich gibt es den Ausspruch Mit dem kann man Pferde stehlen, und das ist immer nett gemeint. Aber wenn es jemand durchzieht, hört der Spaß auf.“

Beverly Kaczmarek zieht das Ding durch. Doch sie benötigt Hilfe. Sie lässt sich mit Maximow, dem Big Boss der Unterwelt ein und gerät dabei in Gefahr. Aber Bev ist allen nicht nur immer einen Schritt voraus, sie hat auch Verbündete, allen voran Dragan, der sich in die gutaussehende Diebin auf Anhieb verliebt, die am liebsten verwaschenes Grau trägt und deren Haar immer etwas schief im Wind steht.

„Ein österreichischer Staatsanwalt hatte sie mal ganz bezaubernd genannt, wofür ihn Beverly umgehend anmotzte: – Ganz bezaubernd? Habe ich vielleicht Ähnlichkeiten mit den Niagarafällen? Sehe ich aus wie eine venezianischer Sonnenuntergang? Ich glaube kaum, ich glaube kaum!“

Ruppig ist sie, cool, wortkarg, völlig unberechenbar, gleichzeitig effizient … eine echt schräge Typin neben anderen schrägen Typen, die meisten davon in knalligen Adidas Trainingsanzügen.

Also, noch einmal: Dieses Buch mag man – oder man mag es nicht. Und ob man wie ich zur ersten Kategorie zählt, wird einem auf den ersten Seiten klar. Ich würde gern mal wieder von Beverly und ihrer Sippschaft hören … ich habe sehr gelacht!

Apropos Humor: Im Traum begegnet Beverly Napoleon. Die beiden trinken ein Glas Riesling zusammen und Napoleon erklärt, „dass die Deutschen einfach den besten Wein machen würden, wogegen die Franzosen eher beim Bierbrauen den Bogen raus hätten.“ Wer über diesen Satz lacht, der kann sein Geld getrost in dieses Buch investieren.

Michel Decar: Die Kobra von Kreuzberg, Ullstein Verlag, 208 Seiten, März 2021.

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