Die Nachricht

Gleich zwei Hörbücher auf einmal hatte ich mir gegönnt und heruntergeladen, auf beide war ich sehr gespannt: Doris Knecht „Die Nachricht“ und Daniela Krien „Der Brand“. Von beiden Autorinnen habe ich bereits Bücher auf dem Blog vorgestellt, auf die jeweils neuen Romane habe ich mich gefreut. Nur mit welchem beginnen? Also hörte ich in beide erst einmal hinein. Schon nach wenigen Minuten war klar, welches von Anfang mein Interesse wecken konnte: Doris Knechts Nachricht! Es ist immer wieder erstaunlich, ob und wann der Funke einer Geschichte überspringt. Manchmal muss ich sehr lange darauf warten – und eigentlich habe ich mir geschworen, niemals mehr Zeit mit Büchern zu verbringen, wenn kein Funke überspringt (sollte es nicht passieren, ist nach den ersten hundert Seiten Schluss – dass ich ein Buch abbreche, passiert allerdings nicht häufig).

„Die Nachricht“ hat mich vom ersten Moment an gefesselt, obwohl die Geschichte durchaus Zeit braucht, um sich zu entwickeln. Dass sie mir so gut gefallen hat, liegt an der Hauptfigur Ruth. Es ist Ruth, die mir ihre Geschichte erzählt. Und die Stimme von Vera Teltz verschmilzt für mich mit Ruth – sie liest so „authentisch“, als würde Ruth zu mir sprechen.

Ruth hat vor Jahren ihren Mann Ludwig verloren. Jetzt lebt sie mit den Kindern, die mittlerweile ihre eigenen Wege gehen, in dem Haus, dem „Holzkasten“, den ihr Mann gebaut hat, und hat sich mit dem neuen Leben einigermaßen arrangiert. Sie trifft sich sogar wieder mit Männern bzw. führt eine On-Off-Beziehung mit Simon, dem ehemaligen Therapeuten ihres Sohnes. Ruth schreibt Drehbücher, genießt die Ruhe und Abgeschiedenheit auf dem Land, wenn sie mag, fährt sie nach Wien und besucht Freunde. Die Tochter von Ludwig ist schwanger. Sie lebt bei Ruth, beide verstehen sich. Eine moderne Patchworkfamilie. Ruth, die selbständig ist und mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, die auch noch trauert und verletzlich ist, im Großen und Ganzen aber tickt wie „du und ich“, mit ihrer besten Freundin Prosecco trinkt und über Gott und die Welt redet.

Dann, und so beginnt die Geschichte, bekommt sie eine Nachricht. Ruth kennt das schon, diese wüsten Beschimpfungen, Drohungen, Anfeindungen, die anonym über alle möglichen Messenger Dienste bei ihr eingehen. Die meisten ignoriert sie. Sie hat gelernt, damit umzugehen, aber diese Nachricht ist anders. Sie muss von jemandem stammen, der sie und ihre Familie sehr gut kennt. Die Nachrichten sind verletzend, sie sind frauenfeindlich und bedrohlich. Und sie nehmen zu – es bleibt nicht bei einer Nachricht. Auch Ruths Umfeld wird terrorisiert von diesen üblen Nachrichten. Jedes Mal lässt sich der Absender der Nachricht nicht ermitteln.

Ruth tappt im Dunkeln. Aber sie hat einen Verdacht. Ihr Mann Ludwig hatte eine Affäre. Ob diese Frau dahintersteckt? Will sie Ruth das Leben schwer machen?

Es entsteht eine Atmosphäre von Mißtrauen. Könnte es nicht auch jemand aus ihrem Bekannten- und Freundeskreis sein? Ruth hat das Bedürfnis, mit ihren Freunden darüber zu reden, irgendwann wird es denen aber zuviel. Steckt vielleicht Ruth selbst hinter diesen Nachrichten? Ist es eine Form von Trauer? Möchte sie sich in den Mittelpunkt spielen? Immer absurdere Theorien werden gefasst.

Ich kann Ruths Leidensweg nachfühlen. Vieles, was ihr geschieht, ist anderen – ist mir – auch schon passiert. Umgang mit Social Media Entgleisungen, Stalking, Freundschaften, die auf eine Zerreißprobe gestellt werden … wem kann man vertrauen und auf wen kann man sich verlassen, wenn es hart auf hart kommt?

Auch wenn schon recht früh klar ist (finde ich), aus welcher Ecke die Nachrichten sehr wahrscheinlich kommen, finde ich es nachvollziehbar, dass Ruth erst sehr spät erkennt, was vor sich geht.

Dass am Ende kein Paukenschlag steht, keine Rache geübt, keine Vergeltung gesucht wird, niemand zur Rechenschaft gezogen oder verurteilt wird, spiegelt vermutlich die Realität wieder. Wie viele Menschen kommen mit übler Nachrede, Fake News und Drohungen durch, weil man es ihnen nicht nachweisen kann?

Digitales Stalking. Doris Knecht entfaltet am Beispiel von Ruth und ihren Nachrichten ein Thema, das ein gesellschaftliches Problem darstellt, das nach Lösungen sucht. Eine klare Lese- oder Hörempfehlung.

Doris Knecht: Die Nachricht, Argon Verlag, Juli 2021.

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