Die Anomalie

„Die Anomalie“ ist ein fantastisches Buch – fantastisch nicht nur im Sinn von großartig und begeisternd, nein, auch im Sinn von ungeheuerlich, fabulös, mit großer Fantasie erdacht. Dem Roman liegt ein – bekanntes – Gedankenspiel zugrunde: Existieren wir wirklich oder sind wir nur komplizierte oder weniger komplizierte Programme, erdacht von einer wirklich großen Intelligenz? Gilt mit Descartes „ich denke, also bin ich“ oder „ich bin, also denke ich“? Leben wir wie Neo in einer Matrix, ohne uns dessen bewusst zu sein? Es braucht scheinbar nur eine kleine Irritation – ein Fehler im System, eine Anomalie, um das große Ganze ins Wanken zu bringen und sich selbst und die Welt in Frage zu stellen.

Alles beginnt mit einer nicht ganz alltäglichen, aber dennoch nicht ganz unwahrscheinlichen Situation:

Eine Air France Maschine auf dem Weg von Paris nach New York gerät in Turbulenzen, eine Schlechtwetterwolke, Hagel, Sturm, das volle Programm, die Maschine droht abzustürzen, die Technik versagt den Dienst, dann plötzlich schlägt das Wetter um, die Maschine ist stark lädiert, die Passagiere ebenso, aber der Kapitän bringt das Flugzeug sicher auf den Boden.

In den ersten Kapiteln des Romans werden den Leser*innen Personen vorgestellt, die überall an verschiedenen Orten der Welt leben und arbeiten, aber eins gemeinsam haben: Sie saßen alle in der Air France Maschine, die in Turbulenzen geraten war. Für manche war es ein beeindruckendes Erlebnis, das dem Leben – mehr oder weniger offensichtlich – eine neue Richtung gegeben hat. Eine junge Frau trennt sich von ihrem alten Liebhaber. Ein bekannter Rapper komponiert den Song seines Lebens, ein mäßig berühmter Autor schreibt einen Roman mit dem Titel „Die Anomalie“. Nach Beendigung des letzten Kapitels, stürzt er sich in die Tiefe. Der Roman erscheint posthum und wird ein Welterfolg. Soweit, so verständlich.

Immer wieder wechseln die Personen und Perspektiven. Die einzelnen Biographien sind mit dem Ereignis der Flugreise verwoben, und das, was im März auf der Atlantiküberquerung passiert ist, wird zwischen den Episoden um Joanna, Andre, Lucie, April, Slimboy, Victo Miesel und anderen eigestreut, so auch das, was sich im Cockpit der Air France 006 ereignet:

Der Pilot David Markle bittet um Landeerlaubnis. Die Windschutzscheibe ist stark lädiert. Die Maschine von heftigen Turbulenzen gebeutelt. Die Bodenstation JFK ist verwirrt. Mehrmals muss Pilot Markle sich erklären. Dann werden ihm Militärflieger zur Seite geschickt, die die Maschine zu einer Militärbasis begleiten. Dort werden alle der über 200 Passagiere und die Crew separiert und auf Herz und Nieren durchgecheckt. Etwas Unvorstellbares ist passiert, etwas, für das es zwar ein Protokoll der Luftsicherheit gibt, das aber eigentlich nie zur Anwendung hätte kommen dürfen: das Eintreten einer Anomalie, eines Vorfalls, den es noch nie gab und nie hätte geben dürfen – wie eine Münze, die in die Luft geworfen wird und entweder Zahl oder Kopf zeigt oder – sehr selten – auf der Kante landet, aber nie in der vierten Möglichkeit verharrt: in der Luft. Doch diese Art von Ereignis – eine Anomalie – ist eingetreten. Die Maschine, die im März in Turbulenzen geraten ist, ist im Juni aus dem Nichts wieder aufgetaucht. Das Flugzeug hat sich verdoppelt – und mit ihm alle Insassen. Es gibt nun von jedem und jeder der Passagiere eine Märzausgabe und eine Juniausgabe.

Das FBI macht die Passagiere der Märzmaschine ausfindig. Es kommt zu einer Gegenüberstellung mit ihrer Junikopie. Die Personen gleichen sich wie ein Ei dem anderen. Sie besitzen dieselbe Identität, teilen sich eine DNA, eine gemeinsame Geschichte, eine Familie, dieselbe Frau oder denselben Mann. Außer den letzten drei Monaten besitzen sie ein und dasselbe Gedächtnis. Die besten Wissenschaftler, Psychologen, Philosophen zermartern sich die Köpfe, um eine Erklärung für das Unerklärliche zu finden. Die Wissenschaftler stellen verschiedene Theorien in den Raum: Handelt es sich um eine perfekte Kopie, so wie aus einem gigantischen 3D-Drucker? Sind wir nur Programme und unser aller Leben bloß Simulation? Liefert der mysteriöse Roman „Die Anomalie“ eine Erklärung? (…) Neben diesen ganz großen Fragen stehen die Menschen, die es nun zweimal gibt, vor ganz praktischen Problemen: Wer bekommt das Haus? Wer die Frau oder den Mann? Bin ich ich? Zahlt der Staat meine Rente nun doppelt?

„Ich weigere mich, ein Programm zu sein, tobt Meredith. (…) Welche Dosis an Chaos steckt in dieser Simulation? Gibt es wenigstens Chaos? Gibt es keine Möglichkeit zu beweisen, dass wir, uff, nein, doch nicht in einer Simulation leben?“

„Leben wir in einer Zeit, die nur eine Illusion ist, wo jedes augenscheinliche Jahrhundert nur ein Sekundenbruchteil in den Prozessoren des gigantischen Computers ist? Was ist dann also der Tod, wenn nicht ein einfaches „end“ in der Code-Zeile?“ Fragen über Fragen. Spannende Fragen. Außerdem Chaos. Ein bißchen Thriller. Eine Portion Mystery. Ganz viel Humor. Für mich eine perfekte Mischung.

Vom Plot habe ich eigentlich schon viel zu viel verraten, denn in dem Moment, wo man Kapitän Markle offenbart, dass es nicht März, sondern Juni und die betreffende Air France Maschine längst gelandet ist, habe ich laut gelacht. Was für eine wunderbare Wendung! Mich hat der Roman von Hervé Le Tellier an Frank Schätzings Der Schwarm erinnert: ähnlich komplex, ineinander verwoben, viele Schauplätze, viele Charaktere, ein wahrhaft globaler Paukenschlag. Das Ende finde ich grandios und der Geschichte würdig. Und herzhaft gelacht habe ich auch über die politischen Akteure von China, über Frankreich bis Amerika, das noch von Donald Trump regiert wird (es lacht sich an dieser Stelle befreiter, jetzt, wo er nicht länger zu den mächtigsten Männern der Welt gehört…). Mir bleibt nur zu sagen bzw. zu schreiben:

Danke für die sehr kurzweilige Unterhaltung! Ich freue mich auf die Verfilmung. Achso, und das Cover ist auch mega. Von mir volle Punktzahl.

https://www.rowohlt.de/buch/herve-le-tellier-die-anomalie-9783498002589

Rezension von Christoph Vormweg, Deutschlandfunk

Rezension von Joseph Hanimann in der Süddeutschen Zeitung

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