Der Klang der Wälder

… besticht erst einmal durch sein zartblaues Cover und ist bereits im Februar erschienen, dabei beginnt es mit einer wunderschönen Herbstbeschreibung. Der Anfang des Romans ist nicht Klang, sondern vor allem Stimmung und Geruch:

„Ich konnte den Wald riechen. Einen herbstlichen Wald in der Dämmerung, wenn der Wind durch die Bäume fegt und das Laub raschelt. Den feuchten Duft des Waldes bei Einbruch der Nacht.“ – Ich liebe die ersten Sätze des Romans. Es ist Klang, es ist Geruch, Bilder entstehen. Und der junge Tomura hört und riecht des alles, obwohl er sich nicht in der Natur, sondern in der Turnhalle aufhielt.

Tomura begegnet als junger Mann in seiner Schule einem Klavierstimmer. Diese Begegnung wird ihn für sein späteres Leben prägen – denn Tomura wird ebenfalls Klavierstimmer. Als solcher trifft er auf Kazune, eine junge Konzertpianistin. Auf dem Weg – oder auf der Suche – nach dem „perfekten Ton“ lehrt ihn das Klavier viel über das Leben, über die Liebe, über die Schönheit der Welt. Den Deckel eines Klaviers zu öffnen, ist für Tomura, wie den Deckel einer Schatzkiste zu öffnen. Ein Erlebnis für die Sinne.

„Jedes Mal lief mir ein ehrfürchtiger Schauer über den Rücken, wenn ich die exakt in einer Reihe angeordneten Hämmer erblickte, die nur darauf zu warten schienen, wie Magnolienknospen auf die straff gespannten Stahlsaiten zu treffen. Ein Wald, in dem alles in Balance zueinander steht, ist vollkommen in seiner Schönheit. „Schön“ war ein ebenso neuer Begriff wie „richtig“. Vor meiner Begegnung mit dem Klavier habe ich nie auf schöne Dinge geachtet. (…) Bäume, Berge, Jahreszeiten – all das war schön. Es befreite mich ein Wort dafür zu haben, denn nun konnte ich diese Dinge als „schön“ bezeichnen und mit anderen teilen. Ich trug eine Schatzkiste in mir und musste nur den Deckel öffnen.“

Das Klavier wird zu einer Metapher für das Schöne, für die Natur, für das, was Tomura wahrnimmt und erlebt. Das liest sich „typisch japanisch“ – die Sätze haben eine etwas „andere Sprachmelodie“, lakonisch nüchtern, kurz und prägnant, dann wieder recht umständliche Nebensatzkonstruktionen.

Das Werk von Natsu Miyashita war in Japan ein Bestseller. Die deutsche Ausgabe habe ich erst recht spät wahrgenommen. Für mich atmet der Roman einen Hauch ZEN und japanische Lebenskunst. Was mich Natsu Miyashita lehrt? Achtsam zu sein im Hier und Jetzt. Mit allen Sinnen wahrzunehmen. Ganz aufzugehen in dem, was man tut, und dabei mit sich und der Welt im Reinen zu sein. Ein Buch, über das man über einzelne Sätze meditieren kann … wenn man möchte.

Die Story fand ich leider etwas mau, die Sätze oft überladen oder überfrachtet mit den ganz „großen Wörtern“ (überhaupt viel Substantive…) – allen voran „Göttlichkeit“ und „Schönheit“, und immer wieder werden Baummetaphern strapaziert.

„Von einem Blatt zu einem Baum, von einem Baum zu einem Wald bis hin zu einem Berg. Ich konnte bildhaft vor mir sehen, wie der Ton zu Klang, der Klang zu Musik wurde. Ich begriff, dass ich ein Kind auf der Suche nach dem Göttlichen war, wobei mir gar nicht bewusst gewesen war, dass ich mich verirrt hatte. Göttlichkeit oder Wegmarken? Dieser Klang war es, nach dem ich gesucht hatte.“ Die Gott wohnen für Tomura im Klang. „Er ist es in seiner Schönheit, der mich auf meinem Weg leitet.“

Klingt auch etwas kitschig, oder? Für meine Ohren zumindest. Ich gehe fast täglich im Wald spazieren, ich schätze die Natur, ich liebe die Bäume, aber ich bekomme unseren wild wachsenden Mischwald mit den vielen umgeknickten Bäumen und dem Totholz, dem Gestrüpp und dem dichten Unterholz, in dem nicht selten ein paar ordentliche Wildschweine auftauchen und davonpreschen … – also, ich bekomme meine Bilder nicht mit den exakt und präzise angefertigten Klavierkörper zusammen.

Am Ende bleibe ich etwas zwiespältig zurück: Kein schlechtes Buch. Vielleicht etwas für musikalisch versiertere Menschen als ich es bin.

Der Klang der Wälder

Buchtipp bei BR-Klassik

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