Vergissmeinnicht

Wo fange ich an? – Vielleicht wundert Ihr Euch über diesen Titel neben Büchern von Ethan Hawke oder Daniela Krien. Wie passt das nur zusammen? Die Antwort ist simpel: Gar nicht. Ich lese mich gern durch die verschiedensten Genres. Eine bunte Reihe sehr unterschiedlicher Bücher habe ich ins Regal gestellt. Und nun Fantasy. Es ist nicht mein erster Roman von Kerstin Gier. Das Wolkenschloss habe ich sehr gern besucht. Vergissmeinnicht habe ich für meine Tochter gekauft. Sie, eine echte Vielleserin, hat es irgendwann aus der Hand gelegt. Die Story konnte sie nicht begeistern. Erst habe ich mich darüber geärgert. Kerstin Gier ist doch toll, das Cover wunderschön, das Hardcover außerdem teuer („Es wird gelesen, was auf den Tisch kommt!“- Äh, nein, nicht immer). Und so habe ich mir selbst ein Bild verschafft. Ich zumindest habe es bis zum Ende geschafft.

„Vergissmeinnicht“ ist der Auftakt zu einer neuen Fantasy-Trilogie. Hauptfiguren sind der 17jährige Quinn und die 16jährige Matilda. Quinn, der adoptiert wurde und seine leiblichen Eltern nicht kennt, erfährt, dass er ein Arkadier ist. Arkadier sind Bewohner einer für andere Menschen verborgenen Welt, dem „Saum“. Diese Welt kann nur von Personen betreten werden, die Saumwesen sind oder von ihnen abstammen. Quinn ist ein Nachfahre. Er kann die Saumwelt betreten. Bis es dazu kommt, braucht es in der Geschichte jedoch einen weiten Anlauf.

Auf der Party seines besten Freundes Lasse trifft Quinn auf Kim, ein rätselhaftes Mädchen mit blauen Haaren, das er noch nie gesehen hat. Bevor das Rätsel gelüftet werden kann, was Kim von ihm will, werden beide von seltsamen Wesen verfolgt und durch die Nacht gejagt, bis Quinn von einem Auto erfasst wird und es unklar ist, ob er den Unfall überlebt.

Matilda ist Quinns unscheinbare Nachbarin, die seit Jahren heimlich in Quinn verliebt ist. Dabei behandelt Quinn sie wirklich schlecht. Noch nicht einmal ihren Namen merkt er sich – oder er verwechselt ihn absichtlich immer wieder. Während Quinn in einem sehr offenen und herzlichen Elternhaus aufwächst, ist Matildas Großfamilie mit Geschwistern, Onkeln und Tanten und einem Haufen Cousinen konservativ und streng. Das liegt vor allem an den engen, religiösen Ansichten, die hier gelten. Ständig geht die Familie in die Kirche, die Kinder müssen sich ehrenamtlich engagieren und die liberalen Nachbarn von gegenüber mag man nicht besonders (was auf Gegenseitigkeit beruht). Matilda trägt brav ihre uncoolen Rüschenblusen und lehnt sich auch sonst nicht gegen die Enge ihres Elternhauses auf, zumindest nicht offen.

Nach dem Unfall ist Quinn auf Krücken und Rollstuhl angewiesen. Nun kommt Matilda ins Spiel. Ihr gelingt es, Quinn nahe zu sein, indem sie ihm in dieser schwierigen Lebenslage hilft und ganz praktisch den Rollstuhl schiebt, schließlich will Quinn nun selbst Nachforschungen anstellen, wie es zu dem Unfall kommen konnte. Wer war diese Kim? Hat er sich diese Wesen, die ihn verfolgt haben, nur eingebildet? Erste Antworten finden sie in dem neu eröffneten Blumenladen „Vergissmeinnicht“. Ihr Weg führt sie danach auf den Friedhof. Dort treffen sie auf eine bronzene Dichterstatue, die schlechte Gedichte rezitiert und auf ein Portal, das Quinn in die Saumwelt führt – Matilda muss leider draußen bleiben … (für mich ein fun fact: in der Saumwelt trifft Quinn auf einen mauligen Nietzsche … das fand ich doch mal wirklich lustig und ganz anders „magisch“ als das, was man sonst so liest).

Das alles sei spannend, rasant und magisch, schreiben begeisterte Rezensent*innen. Spannend? Na ja. Rasant? Der Anfang und das Ende vielleicht. Magisch? Kommt es nicht so richtig in Fahrt. Quinns Aufenthalt in der Saumwelt ist recht unspektakulät und dauert nie lange. Man muss sich schon bis zum Ende von Band I durcharbeiten, bis es wirklich spannend – und endlich auch mal „richtig“ magisch wird. Das Buch braucht einen langen Anlauf. Die Charaktere Quinn und Matilda sind interessant, aber gerade Matilda als braves Töchterchen und Gutmensch wirkt streckenweise anstrengend. Vielleicht, nein, bestimmt, macht ihre Figur noch eine positive Entwicklung im zweiten Teil durch, oder?

Auch wenn dies nicht der erste Fantasyroman von Kerstin Gier ist und sich dieser Roman auch wieder wie geschnitten Brot verkauft und überall Fünf-Sterne-Rezensionen erhält: über die fantastische „Saumwelt“ habe ich nicht viel erfahren (also im Sinne von show don’t tell). Beim Lesen war es wie Fantasy mit angezogener Handbremse. Und besonders störend fand ich, dass sich die Protagonisten manchmal fragen: Was würde in einem Fantasyroman jetzt passieren? (oder: Das kannte ich sonst nur aus Fantasyromanen…gähn)

Um noch einmal positiv zu schließen: Das Cover ist sehr aufwendig gestaltet, Kerstin Gier beherrscht ihre Sprache, sie hat Humor – das alles ist doch schon etwas. Ich habe den Roman bis zum Ende gelesen und werde auch Teil 2 eine Chance geben (vermutlich). Die Story hat Luft nach oben.

Wer gar nicht mit Vergissmeinnicht warm wird, dem empfehle ich stattdessen die Queen of Fantasy: Holly Black.

Kerstien Gier, Vergissmeinnicht. Was man bei Licht nicht sehen kann; Fischer Verlage 2021.

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