Restelesen

Neues Jahr bedeutet neue Bücher. Darum nehme ich zwischen den Jahren die Bücher zur Hand, die ich 2021 eigentlich unbedingt lesen wollte. Restelesen zwischen den Jahren, so nenne ich das. Also, welche Bücher kann ich im alten Jahr noch lesen? Ein Buch habe ich noch geschafft: „Barbara stirbt nicht“. Mein Leseeindruck ist noch ganz frisch und die Tinte noch nicht ganz trocken:

Vorab: Ich habe mich so gefreut, dass Alina Bronsky einen neuen Roman auf dem Markt hat. Das Cover ist farbenfroh und sticht auf meinem SuB (Stapel ungelesener Bücher) hervor, dass ich es gar nicht vergessen konnte. Ich liebe Alina Bronskys lakonische Erzählweise und ihren Humor, vor allem ihren schwarzen, bitterbösen Humor. Und so fand ich den Titel schon einmal vielversprechend: Barbara stirbt nicht. Bereits auf den ersten Seiten habe ich herzhaft gelacht, obwohl der Anlass gar nicht lustig ist.

Barbara hat einen Schlaganfall erlitten. Sie kann sich nicht rühren, liegt im Bett und ihr Mann Walter ist mit dieser Situation völlig überfordert. Statt den Notarzt zu rufen (er denkt keine Sekunde daran!), geht er Brötchen holen und versucht, Kaffee zu machen, was ihm nicht gelingt. Walter Schmidt ist ohne seine Frau Barbara völlig aufgeschmissen. Die Küche ist für ihn ein Raum mit vielen Geheimnissen, die er nie lüften wollte. Der Haushalt ist Barbaras Metier. Zum Glück hat Barbara viel Essen vorgekocht und in der Tiefkühltruhe eingefroren. Damit werden sie einige Zeit über die Runden kommen. Walter lernt, wie man Tütensuppe zubereitet und Kartoffeln kocht. Sein neues Leben ist ganz schön anstrengend. Zum Glück ist Barbara sehr geduldig. Sie schläft die meiste Zeit. Es ist zu befürchten, dass Walter nie einen Arzt zu Rate gezogen hätte, wenn nicht seine Kinder den Hausarzt alarmiert hätten …

Also: Um wen es hier nicht geht, ist Barbara. Über die Person, die für den Titel verantwortlich ist, erfahre ich wenig. Walter Schmidt, die Hauptperson, fand ich auf den ersten Seiten sehr lustig – wie er völlig überfordert durchs Leben gestolpert ist, war komisch und ein neugierig machender Einstieg in die Geschichte. Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass die Welt aus den Fugen gerät, wenn ein Partner, mit dem man die längste Zeit des Lebens verbracht hat, krank wird – ABER (und dieses aber ist wirklich groß) der Rentner Walter Schmidt ist ab Seite 50 gar nicht mehr lustig, ich finde ihn sogar ausgesprochen nervig. Seine mangelnde Empathiefähigkeit, seine Lebensuntauglichkeit, seine vielen Unzulänglichkeiten … Walter ist das wandelnde Klischee: der alte, weiße Mann, der eine Ehe wie aus den 1950er Jahren führt und ohne seine Frau, die Hausfrau, noch nicht einmal Wasser erhitzen kann. Eine biedere Ehe, ein biederes Leben. Okay, ja, ich muss zugeben: Walter ändert sich im Lauf der Geschichte, etwas zumindest, im Rahmen seiner Möglichkeiten. Zum Glück. Er durchläuft eine Entwicklung. Aber mal ganz ehrlich: Es mag sie geben, die Männer, die ohne ihre Frauen nicht lebenstüchtig sind. Aber sind das die Geschichten, die wir 2021 (noch) lesen wollen?

Meine Eltern und Schwiegereltern sind ungefähr im Alter von Barbara und Walter – und führen eine komplett andere Ehe. Und das haben sie sich erarbeitet. Sie haben sich von alten Rollenklischees vielleicht noch nicht völlig befreit, aber sie leben eine Beziehung auf Augenhöhe. Ich weiß nicht, ob sie die Rollenaufteilung, wie Alina Bronsky sie beschreibt (oder wohl eher persifliert), lustig fänden. Haben sie nicht alles dafür getan, dass Frauen arbeiten gehen und die Männer im Haushalt helfen?

Und wenn ich noch eine Generation zurückgehe, dann sehe ich meine Großeltern vor mir: Meine Oma, die null kochen konnte und meist nur eine Tüte aufgerissen hat, und mein Opa, der nach der Arbeit noch das Kochen zu Hause übernommen hat (er war Jahrgang 1914). Über diese beiden wirklich skurrilen Menschen sollte ich einmal eine Geschichte schreiben.

Mein Fazit fällt darum leider etwas mau aus: Sehr ansprechendes Cover, toller Titel, tolle Autorin – aber die Geschichte hat mich nicht begeistert.

Alina Bronsky: Barbara stirbt nicht, Kiwi-Verlag, 2021, 256 Seiten.

Buchbesprechung im Deutschlandfunk – witzig, dass ich Rezensenten gibt, die das Buch mit „Lindenstraßenniveau“ vergleichen.

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